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Das mit der Non-Konformität

Non-konform, nicht angepasst, anders, individuell, besonders.

Monsieur ist mit seinen 11 Jahren noch sehr kindlich, dabei aufmerksam, er orientiert sich gerne an Erwachsenen, mag seine Lehrer, spricht sie an, trägt Unterrichtsmaterial, engagiert sich. Dazu redet er gerne mit Mädchen, hat gute Noten, antwortet auf Fragen, steht zu dem, was er tut, … und wird durch all das, was ihn ausmacht gerade zum zweiten Mal in seinem Leben zum Außenseiter.

Zum ersten Mal war es das Nichtbeherrschen der französischen Sprache beim Umzug in die Schweiz. Als Deutscher hat es lang gedauert, bis er dort akzeptiert wurde. Jetzt ist es die neue Schule, in seiner Klasse wird er gemobbt. Von den anderen Kindern, vor allem von den selbsternannten coolen Jungs … die alles andere als cool sind. Sie nutzen ihre gemeinsame Masse und die dadurch entstehende Schlagkraft. Gegen ihn, den vermeintlich Schwächeren.

Der Übertritt ans Gymnasium ist für die meisten Kinder – und wie ich mich so umhöre, hat sich da seit meinen Zeiten in den 80ern nichts geändert – eine Herausforderung. Nicht nur schulisch werden andere Leistungen, ein deutlich erhöhtes Lernniveau und -Pensum sowie ganz generell Veränderung gefordert.

Im konkreten Fall hat die Schule den Eltern meines Patenkindes geraten, dass sich das Opfer eine dickere Haut zulegen müsse. Schließlich sei es in der heutigen Zeit in der Gesellschaft wichtig, frühzeitig Verletzungen, Schmähungen, Kränkungen an sich abprallen zu lassen. Das Opfer soll sein Verhalten ändern, sein anerzogenes und bereits selbst weiterentwickeltes Weltbild, bestehend aus Toleranz, Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit nicht leben, weil es nicht zeitgemäß ist. Er muss an seiner Sensibilität arbeiten, um heute bestehen zu können …

Etwas irritierend, dass von Schulseite aber keineswegs ein Coaching für die Täter angedacht wird, die könne man nicht ändern: wohlstandsverzogen. Vom Elternhaus, wo sie falsche Werte mitbekommen haben. Das würde also bedeuten, dass Täter nicht zur Verantwortung gezogen werden können, weil es eh nichts nützt. Zudem ist aktuell wohl auch nicht geplant, mit den anderen Eltern zu sprechen. Auch da scheint die Erwartungshaltung ohne Aussicht auf Erfolg? … Ja, das macht nicht nur die Eltern des betroffenen Kindes fassungslos, sprachlos und wütend.

Vor allem aber nachdenklich, ja, ich denke auch, dass Monsieur lernfähig ist, finde wichtig, dass er künftig mit der Schulpsychologin an seinem Selbstbewusstsein arbeiten soll, um künftig die Verletzungen besser verarbeiten zu können. Leider wird nicht ausbleiben, dass er sich dadurch verändert, aber das ist in meiner Sicht der Welt dennoch besser, als dass er durch das Mobbing gebrochen wird … vielleicht kann er durch seine Sensibilität Wege finden, die keine Waffen sind, eben andere Möglichkeiten, um der gnadenlosen Boshaftigkeit der anderen Kinder etwas entgegenzusetzen. Denn dass er böse und gemein wird? Nein, das kann ich mir nicht vorstellen.

Und in einem widerspreche ich dem Rat seines Lehrers: ja, Kampfsport könnte ihm gut tun, um sich körperlich zu fördern, um sich auszupowern, um eine andere Körperspannung- und Haltung aufzubauen und diese auch auszustrahlen. Aber nicht, um zurückzuschlagen, wenn er getreten wird. Sondern um sich zu verteidigen …

Sonntagsfreude: Herr Nachbar hat geheiratet

Der Nachbarsjunge, knappe 2 Jahre älter. Wir sind, seit ich denken kann, gemeinsam durch die umliegenden Gärten, Felder, Wiesen und Wälder gelaufen. Ich immer hinter ihm und seinen Jungs her, war natürlich die Jüngste. Eine Zeitlang haben sie mich trotzdem akzeptiert. Dann gabs eine fiese Aktion: was genau passiert ist? Ich kann mich nur noch erinnern, dass sein Opa kommen musste, um mich aus einem zu einer Schaukel umfunktionierten Reifen zu befreien. Ich vermute, sie hatten mich festgebunden. Das hat wirkungsvoll dazu geführt, dass ich mich anderen Spielgefährten zugewendet habe. Dennoch sind wir über die Jahre irgendwie freundschaftlich verbunden geblieben, ohne große Überschneidungen, unterhalten uns gerne – und ich glaube, wir mögen uns auch. Aber eben nicht mehr. 

In den letzten beiden Jahrzehnten habe ich von ihm immer wieder gehört, wie spießig die Welt und vor allem die Gesellschaft sei, wie sehr er raus aus all diesen Zwängen möchte, wie wichtig ihm Freiheit und Unabhängigkeit ist. Wie sehr er das Dorfleben mit all seinem Tratsch verachtet. Freie Liebe, Freiheit der Gedanken, ein freies, natürliches Leben, jenseits irgendwelcher konventioneller Zwänge wolle er leben. Keine feste Beziehung, kein sich zueinander definieren, das, was man miteinander hat, voreinander definieren, überhaupt gar nichts definieren. Einfach geben und nehmen, ohne Verpflichtung. Da kannte er seine Freundin noch nicht. Sie ist anders. Ein ganzes halbes Jahr Asien-Auszeit haben die beiden genommen, ehe er sie gefragt hat. Und jetzt haben die zwei ganz traditionell am Standesamt ja zueinander gesagt. Mit Unterschrift, vertraglich besiegelt. Gut, hingefahren sind sie auf einem Oldtimer-Motorrad, die Braut im Beiwagen. Und direkt nach der Trauung ging’s im VW-Bus auf eine Fahrt ins Blaue. Also zumindest nicht so ganz angepasst an das, was „sich gehört“. Mich freut es sehr, denn er wirkt ganz in dich ruhend, glücklich und zufrieden. Schön.

Mehr Sonntagsfreude sammelt Rita, die sich freut, eine bislang nur aus dem www bekannte Bloggerin persönlich getroffen zu haben.

Traurig

Ich bin traurig, dass Menschen sich zum Herrscher über das Leben machen, ich kann gar nicht mit Worten beschreiben, was ich fühle, dass sie das eine kostbare Leben von anderen, ihnen Unbekannten, einfach so beenden. Mein Herz schmerzt, wenn ich darüber nachdenke, wie sehr das gegen das eine unumstößliche Grundrecht, das Menschenrecht auf Leben und Unversehrtheit verstößt, jeder wird geboren, um zu leben … Meine Gedanken sind bei all jenen, die trauern – und bei all den Menschen in Paris und weltweit, die nach dem gestrigen Abend in Angst und Sorge sind. 

Das mit Thailand

Als meine Schwester zu Beginn des Jahres freudestrahlend verkündet hat, dass sie dieses Jahr die großen Ferien in Thailand verbringen werden, war ich etwas neidisch. Klar, die können weg – ich hab eine Baustelle. Die vergangenen Wochen und Monate hab ich der bezaubernden Nichte dann immer vorgeschwärmt, wie toll es in Asien ist, dass sie im Flugzeug über mich hinweg fliegen wird und mir zuwinken darf … Dann sind die 3 Anfang August verreist – und alles kam anders. Die Erwachsenen wurden von einer bösen kleinen Mücke gestochen – und ein paar Tage später ging’s erst meinem Schwager dreckig, nachdem im Krankenhaus auf Ko Samui Denguefieber konstatiert wurde und meine Schwester auch erste Anzeichen hatte: vorzeitiger Heimflug. 

Die Info kam in der Nacht von Donnerstag auf Freitag, wir sollten sie Samstag vom Flughafen abholen. Viele Fragezeichen, dann kamen sie, schlapp, vom Flug geschlaucht. Statt einem Wochenende auf der Baustelle war ich als Begleiteskorte abkommandiert, denn die Nichte war – zum Glück – topfit. Und wollte spielen, alle Freundinnen besuchen und und und. Das haben wir Samstag hinbekommen, damit die Eltern sich gesundschlafen. Sonntag morgen dann Angst, Nasenbluten, Einblutungen in den Beinen. Notaufnahme, Untersuchungen, Warten. Meinen Schwager mussten wir für ein paar Tage im Krankenhaus lassen, seine Werte waren gar nicht gut. Bei meiner Schwester war alles zeitversetzt, insgesamt war ihr Immunsystem etwas stabiler. Mittlerweile sind beide wieder einigermaßen fit – aber das mit den Fernreisen ist von der Wunschliste erst mal gestrichen.

Für mich war es ein großer Schock, schon einmal hab ich einen Anruf aus dem Ausland bekommen, auch damals war es eine schwere Erkrankung. Damals war es eine Meningitis mit tödlichem Ausgang – ich bin einfach nur dankbar, dass dieses Denguefieber zwar langwierig, höchst schmerzhaft und unangenehm war – aber vorbeigeht. 

Ja, das hat mich unerwartet erwischt, unvorbereitet. Und ich hab in den letzten Wochen etwas Zeit zum Verarbeiten gebraucht, dazu der zwar erwartete Verlust meines Onkels und die 7-Tage Wochen mit der Baustelle. Alle Energiereserven angezapft, um zu funktionieren. Jetzt? Mach ich weiter, schalte aber öfter mal einen Gang runter. Auch, was den Blog angeht. Etwas entspannter, etwas weniger, so, wie es sich für mich gut anfühlt.