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Familiengeschichten: Kriegsende und auf der Flucht

Vor 70 Jahren stand das Kriegsende unmittelbar bevor, Zeitzeugen berichten von diesen Tagen und Wochen. Vielerorts wurde noch gekämpft, woanders wurden die Aliierten herzlich empfangen. Flucht und Vertreibung, eines der beherrschenden Themen der Nachkriegszeit. Mein Großonkel Thomas ist in diesen letzten Kriegstagen abgehauen. Er war wohl mit anderen Soldaten in einem Zug im Raum Stuttgart unterwegs, als sich für ihn und und einen Kumpan eine günstige Fluchtgelegenheit ergeben hat. In voller Montur und bewaffnet haben sich die beiden grob in Richtung Heimat bewegt. Unterwegs haben sie viel Hilfe erfahren, konnten in Scheunen schlafen, bekamen etwas zu essen. Das hat er uns Kindern später mit einer tiefen Dankbarkeit erzählt, er hat es niemals als selbstverständlich hingenommen. Als er wohlbehalten zu Hause ankam herrschte wohl große Aufregung. Denn er war ein Desserteur. Zuerst fand er bei meiner Großmutter, seiner späteren Schwägerin, und ihrer Familie Unterschlupf. Dort hat er seine Waffe in Sicherheit gebracht. Wo man ihn später auf dem elterlichen Hof versteckt hielt weiß ich nicht. Glück war wohl schlicht, dass mein Heimatdorf ein paar Kilometer von größeren Straßen und der Bahnstrecke entfernt liegt. Und die zurückweichenden Truppen so nicht auf ihn stieß. Nach der Befreiung kam er kurz in Arrest, durfte aber schnell nach Hause, um bei den dringend anfallenden Arbeiten zu helfen …

Mein Urgroßvater hat zwei Flüchtlingsfamilien auf dem Hof aufgenommen – es waren Frauen, die mit ihren Kindern aus Schlesien gekommen waren. Jeder musste sich einschränken, die Schlafkammern teilten sich mindestens vier, eher mehr Bewohner. Auch anderswo im Dorf wurden Flüchtlinge einquartiert, zuerst wohl eher widerwillig, später wurde integriert: die Kinder haben die Schule besucht, die Älteren in der Landwirtschaft mitgearbeitet oder sonstige Tätigkeiten ausgeübt.  Die Nachkriegswinter müssen schneereich und bitterkalt gewesen sein. Unser Haus hat keine Heizung, aber in einigen Kammern standen kleine Öfen. Die Tür einer früheren Schlafkammer war wohl sehr zugig, „Tante Itschi“, wie sie bei uns in der Familie genannt wurde, hat jede Ritze mit Stoffresten befüllt, um die Kälte auszusperren. Sie war eine sehr geschickte Schneiderin, hat die weibliche Dorfbevölkerung modisch bereichert. Es war also wichtig, dass ihre Finger nicht froren. Meine Mutter erinnert sich aus Kindertagen, wie es im Zimmer derTante Itschi geraucht hat, so hat sie sich eingeheizt. Sie und die Oma einer Flüchtlingsfamilie sind in den 50er Jahren im Dorf verstorben und liegen in unserem Familiengrab beerdigt. Weshalb die Familien seitdem in Kontakt geblieben sind, obwohl später die vermissten Väter nachkommen und mit ihren Familien im Raum Stuttgart ein neues Leben beginnen konnten.

Nachricht aus dem Krieg

In meinem Elternhaus wird gerade geräumt. Dabei kommen viele Erinnerungen zum Vorschein.

Zum Beispiel der große Schmerz meiner Urgroßeltern, im zweiten Weltkrieg haben sie 3 Söhne verloren. Zwei sind gefallen, der erste Todesfall wurde sehr lapidar mitgeteilt, per Telegramm. „Wir bedauern, ihnen den Tod ihres Sohnes Andreas mitteilen zu müssen. Er ist im Einsatz bei xxx gefallen.“

Der zweite Todesfall wurde von einem sehr persönlichen Schreiben des Kommandanten begleitet:
Werte Familie …!
Mir wird es heute zur traurigen Pflicht Ihnen einen großen Kummer zu bereiten. Ihr Sohn Lorenz ist am 29.3.43 in den frühen Morgenstunden durch einen feindlichen Scharfschützen durch Kopfschuss gefallen. Ihr Sohn war sofort tot und musste nicht mehr lange leiden. Vielleicht ist Ihnen das in Ihrem großen Schmerz ein schwacher Trost. Ich will Ihnen hier kurz schildern, wie Ihr Sohn gefallen ist. Bei der Abwehr eines schweren feindlichen Angriffes wurde der Gruppenführer Ihres Sohnes schwer verwundet. Ihr Sohn brachte den Verwundeten zurück und fiel beim Vorgehen in die Stellung. Ihr Sohn ist also bei einem Kameradschaftsdienst gefallen. Sie dürfen auf Ihren Sohn stolz sein, er war einer der tapfersten Soldaten meiner Kompanie. Besonders tragisch ist ja, dass Ihr Sohn gleich, nachdem er gerade knapp einen Tag wieder vom Urlaub zurück war, sein Leben lassen musste. Ihr Sohn war mir gerade ja deshalb so ans Herz gewachsen, weil er so schlicht und einfach seinen Dienst versah und als schneidig und einsatzbereit in der ganzen Kompanie bekannt war. Gerade sein letzter Einsatz, bei dem er seinen schwerverwundeten Gruppenleiter barg, beweist seine große Schneid und seine hohe Auffassung über Kameradschaft.
Wir haben Ihrem Sohn in Koschelewow (ca 60 Kilometer südwestlich von Orel) ein schlichtes, würdiges Soldatengrab gerichtet. Er ruht an der Seite von mehreren anderen Kameraden seiner Kompanie.
Die Hinterlassenschaft Ihres Sohnes geht Ihnen bei der nächsten Gelegenheit zu. Sollten Sie irgendwelche Hilfe benötigen, so werden Ihnen die Heimatdienststellen diese sicher angedeihen lassen.
Ich bin tief ergriffen von Ihrem Leid und verbleibe mit aufrichtigem Mitgefühl
Ihr
Hermann Xxx“

Den Brief hat der Leiter der Kompanie handschriftlich und persönlich 7 Tage nach dem Tod meines Großonkels Lorenz vom Einsatzort auf den Weg gebracht. Ob alles, was drinsteht, wahr ist? Egal, vielleicht hat es meine Urgroßeltern zumindest getröstet, untröstlich waren sie mit Sicherheit, ist es doch das zweite Kind, das in nicht einmal 2 Jahren verstarb.

Am schlimmsten mag die Familie jedoch getroffen haben, dass auch noch der jüngste Großonkel Jakob 1944 eingezogen wurde. Laut Unterlagen hat er die Heimat am 8. November verlassen, ist im Dezember an der Ostfront angekommen. Zum Jahreswechsel wurde er als vermisst gemeldet. Und ist es bis heute. In den 60er Jahren hat mein Großvater ihn “ für tot erklären“ lassen. In den 70er und 80er Jahren kamen Schreiben vom Roten Kreuz, in denen jeweils versucht wurde, seinem Verbleib auf die Spur zu kommen. Ohne Erfolg.

Ich versuche mich manchmal in meine Urgroßeltern hineinzuversetzen: 6 Söhne und 2 Töchter hatten sie. 5 Söhne wurden im zweiten Weltkrieg an die Front geschickt. Der älteste Sohn wurde ausgemustert, unser Großonkel Thomas ist in den letzten Kriegstagen abgehauen, hat sich auf den Weg nach Hause gemacht, ist 1945 unverletzt wieder daheim gewesen. Mein Opa kam in russische Kriegsgefangenschaft, doch auch von ihm haben sie Dank einer freundlichen Ärztin schon 1945 per Post gehört. 1947 durfte er nach Hause …. Es ist für meine Generation nicht nachvollziehbar. Nicht gedanklich, nicht emotional.