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Das mit der Komfortzone

Menschen haben unterschiedliche Sichtweisen, es fasziniert mich immer wieder, wie anders Wahrnehmung ist. Katrin ist an MS erkrankt, auf ihrem Blog berichtet sie täglich von ihrem Leben und wie sie mit sich und ihrem Umfeld klarkommt. Kürzlich hat sie darüber gebloggt, wie sie in ihr heutiges Zuhause umziehen musste, ein Pflegeheim. Sie beschreibt es als Verlassen der Komfortzone. Ich habe ihre Worte mit Sicherheit zwei mal gelesen, denn ihr Blickwinkel hat mich unwahrscheinlich fasziniert, bewegt, nachdenklich gestimmt – auch irritiert.

Vor allem aber angeregt, über meine Komfortzone nachzudenken. Das war sehr lange mein Leben nur für mich. Ohne Rücksicht, ohne mir Gedanken zu machen. Habe sehr viel mitgenommen, erlebt. Bin geflogen und gescheitert. Immer, ohne über das nachzudenken, was folgen könnte. Schon mit viel zu viel zu vielen Wenn’s und Abers und überhaupt, nur im Fokus stand dabei hauptsächlich ich. Da war durchaus auch Verantwortungsbewusstsein dabei, aber eben aus meinem Blickwinkel, also das, was ich an Verantwortung freiwillig übernehmen wollte. Immer auf die festen Konstanten vertrauend, im Nachhinein ein bisschen wie in der rosaroten Wolke. Man sieht nur, was man sehen möchte. Was sich geändert hat ist, dass mir klargekommen ist, dass alles endlich ist. Dass wir Kinder nur jetzt die Chance haben, meinen Eltern etwas zurückzugeben, weil sie später nicht mehr da sein werden. Teil meiner Komfortzone war nämlich auch, dass ich immer zu ihnen in mein Zuhause kommen konnte, ein Wochenenddomizil hatte, meinen Rückzugsort, mir Kraft und Energue abholen konnte.

Es gab Essen, ein Bett und viel Zeit für mich. Die letzten mindestens 2 Jahre ist es anders: ich verlasse an den Wochenenden meine Stadtwohnung, fahre raus aufs Land, um auf der Baustelle zu arbeiten. Das kostet viel Kraft und Energie. Nur, was mir vorher nicht klar war, es gibt mir noch viel mehr. Meine Eltern heute auf ihrer seniorengerechten Ebene zu erleben, sie miteinander lachen zu sehen. Auch mal zu erleben, wie sie sich mittlerweile in ihrer schönen neuen und trotzdem gewohnten Umgebung – demnächst auch von außen frisch verputzt und wie neu – wohlfühlen, das war es definitiv wert, meine Komfortzone zu verlassen. Und trotzdem hoffe ich, dass sich irgendwann, in ein paar Wochen dann vielleicht, endlich mal dieses lang vermisste Gefühl wieder einstellt: Hach, Wochenende, ich fahr raus aufs Land zu den Eltern und es gibt dort nix für mich zu tun 😉 …

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Christine fragt auf ihrem Blog Stille-Stärken.de „Komfortzone verlassen? Oder lieber doch nicht?!“