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Lächeln

Lächeln ist der kürzeste Weg zwischen Menschen. Es weckt Sympathie, drückt Sympathie aus, kann eine Situation überbrücken, kann ein Auslöser sein, kann bewegen oder beenden. Manchmal ist ein Lächeln aber überhaupt kein echtes Lächeln, es wird als Mittel benutzt, es ist Mut machen, drückt Mitleid aus oder ersetzt ganz einfach ein Gespräch. Heute nachmittag auf der Beerdigung meines alten Chorfreundes Fritz habe ich viele Menschen angelächelt, anstatt etwas zu sagen. Denn sie und ich können nicht über den Verlust sprechen, ohne darüber nachzudenken, dass bald andere folgen werden. Das ist der Nachteil, wenn man einst als Kind im Chor angefangen hat. Viele waren damals mehr als doppelt so alt – und sind jetzt in einem Alter, in dem man „damit rechnen muss“. Deshalb ist Lächeln einfach, so viel einfacher, als zu thematisieren, dass niemals feststeht, ob wir uns so wie heute mehr oder weniger gesund und lebend Wiedersehen werden. Heute ist mir mal wieder wichtiger denn je, im hier und jetzt, im Augenblick zu leben. Und ich höre Musik, weil nichts Gefühle so gut ausdrücken könnte, wie eine Melodie. Zum Beispiel diese: Lass mi oamoi no d’Sunn aufgeh seng

Eine Kerze entzünden

2013 hört auch auf den letzten Metern nicht auf, (m)ein Jahr der Abschiede zu werden. Ein sehr lieber Mensch, zwar neu in meinem Leben, aber er hat in der kurzen Zeit bereits eine Spur in mir, in meinen Gedanken und meiner Gangrichtung hinterlassen, ist am Samstag unerwartet, aber friedlich für immer eingeschlafen. Da Weihnachten ja auch eine Zeit ist, in der man sich gerne den alten Traditionen widmet, entzünde ich heute virtuell eine Kerze für ihn. Und hoffe, dass er an seinem neuen Ort Ruhe und Geborgenheit findet. Seiner Familie schicke ich viel Kraft für die kommenden Tage und Wochen.

Kinder entzünden im Salzburger Dom eine Kerze für ein verstorbenes Familienmitglied
Kinder entzünden im Salzburger Dom eine Kerze

Spruch zum Wochenende: Erlösung

Eine meiner alten Chorfreundinnen ist gestern gestorben. In diesem Fall bezieht sich alt nicht nur auf eine langjährige Beziehung, sondern auch auf ihr Alter, sie ist fast 81 Jahre alt geworden. Allerdings war ihr kein schönes Altern geschenkt, sie war schwer krank, ist von ihrer Depression am Leben und vor allem am Glücklichsein gehindert worden. Ich widme meinem lieben Marerl meinen Spruch zum Wochenende:

„Einschlafen dürfen, wenn man müde ist und eine Last fallen lassen dürfen, die man sehr lange getragen hat, das ist eine köstliche, eine wunderbare Sache.“ (Hermann Hesse)

Ich bin traurig, aber gleichzeitig froh, denn der Tod war eine Erlösung für sie.

Es hört sich komisch an, aber ich habe mit dieser Mitteilung lange gerechnet, sie einige Jahre gefürchtet, in den letzten Jahren immer wieder fest damit gerechnet. War oft verwundert, dass sie weitergelebt hat, obwohl sie alles getan hat, um nicht mehr zu Leben …? Bei unserem Kennenlernen war ich ein Teenager, neu im Chor, wir Jungen wurden von den älteren Semestern gerne an den Rand gedrängt. Sie wollten uns nicht, und das haben sie uns deutlich zu verstehen gegeben. Nicht so das Marerl. Was hab ich dieses kleine Powerbündl von Frau mit den Jahren lieben und bewundern gelernt. Eine kleine Frau, damals schon im reifen Alter. Zumindest hat sie sich gern so bezeichnet. Lebenslustig und warmherzig von oben bis unten, immer lächelnd, immer freundlich, immer offen für uns Junge. Immer mit einem offenen Ohr, aber auch mit offenen Worten gegen die anderen Chormitglieder. Sie hat sich nie gescheut, für uns, speziell für mich Partei zu ergreifen. Und war dabei ehrlich, aber liebevoll. Sie hat sich nie im Ton vergriffen, sondern hat ihre Sichtweise neutral beigetragen. Ich habe viel von ihrer diplomatischen Art gelernt.

Freitag für Freitag haben wir uns gesehen, geplaudert, gelacht, erst in späteren Jahren habe ich entdeckt, wie oft es ihr eine Last war, uns allen dieses unbeschwerte Leben vorzuleben. Wie diese andere Seite, das Schwere, sie eingeschränkt hat. Auch mit ihrem Mann habe ich eine freundschaftliche Beziehung führen dürfen, ein Sonderling, ein Eigenbrötler. Dem sein zu Hause, der Garten, die Familie genug war. Der nicht gerne unter Menschen war. Wenn ich zu Besuch gekommen bin hat er mich liebevoll in den Arm genommen, sich gerne zu uns gesetzt, einen Tee mit uns getrunken, zugehört und auch gerne erzählt. Meistens ist er nach einer Stunde spätestens wieder verschwunden. Nur einmal ist er lange sitzengeblieben und hat aus seinem Leben berichtet, hat mir von seiner Zeit in der Kriegsgefangenschaft erzählt. Neutral, ohne Schmerz. Aber doch ganz deutlich, wie sehr ihn diese Phase seines Lebens bis heute begleitet, wie oft er nachts aus Alpträumen erwacht. Schweißgebadet und erschöpft!

Die beiden haben sich sehr geliebt, doch das Leben hat es ihnen nicht leicht gemacht. Beide haben sich Kinder gewünscht und es lange erfolglos probiert. Erst spät haben sie einen Sohn bekommen, auf dem nun alle Erwartungen lagen. Wie schwer es für sie gewesen sein muss, zu erkennen, dass er immer erwachsener wurde, sie irgendwann nicht mehr gebraucht wurden? Sie als Mutter und Hausfrau muss sich überflüssig gefühlt haben, nutzlos …

Meine Eltern erinnern sich, wie das Marerl lachend, strahlend und wirbelnd der Star jeder Veranstaltung war. Vor allem auf den Faschingsbällen war sie eine Stimmungskanone, auf Theaterbühnen hat sie jeden an die Wand gespielt. Dabei musste sie sich diese Aktivitäten erstreiten, wollte ihr Mann doch am liebsten, dass sie mit ihm zu Hause bleiben sollte. Nur sie beide. Ganz für sich. Immer wieder hat sie mir von ihren häuslichen Kriegen berichtet, von den Phasen, in denen sie sich durchgesetzt hat, in denen er unglücklich war. Und von den Phasen, in denen sie ihm zuliebe verzichtet hat und ihn zufrieden gemacht hat, um selbst unglücklich zu sein.
Vor einigen Jahren ist er gestorben, alle haben erwartet, dass das Marerl aufleben würde. Dass sie ihre Wünsche und Träume lebt, reist, unter Menschen geht … Doch stattdessen hat die Depression sie schon damals von uns allen weggeholt, hat sie gar nicht mehr zu sich kommen lassen, sie am Leben gehindert.

Sie ist gestern erlöst worden. Sie war ein tiefgläubiger Mensch, hat von ihrem Glauben immer gern als dem reinen, tiefen und unverfälschten Glauben eines Kindes gesprochen. Deshalb bin ich heute sicher, dass sie gestern von ihrem Schutzengel abgeholt wurde und schon heute vom Paradies auf uns alle herunterblickt. Mit ihrem so liebevollen und unvergesslichen Lächeln.

Brief an einen väterlichen Wegbegleiter und Freund

Man lebt zweimal: das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung. (Honore de Balzac)

Lieber Micha,

Abschiede tun weh, wenn sie dauerhaft sind. Wenn ein lieber Mensch stirbt, dann bleibt man zurück. Ich bin heute sehr traurig, weil ich dich nie wieder neben meinem Schreibtisch sitzen haben werde, dein Schmunzeln vermisse ich schon jetzt. Deinen scharfen Verstand, deinen einfachen Blick auf die Welt, deine unglaubliche Fähigkeit, komplexe Themen so zu analysieren, dass es wirlich jeder verstehen kann. Dazu deine Fröhlichkeit, deinen Humor, deine durchaus nicht immer charmante Ehrlichkeit.

Ich bin traurig, weil du gegangen bist. Aber ich respektiere, dass der Krebs zu stark war. Ich akzeptiere, dass deine Krankheit nicht heilbar war. Ich verstehe, dass du gegangen bist. Dass du nicht mehr konntest. Und trotzdem bis zuletzt nie die Hoffnung verloren hast, anderen Menschen Mut gegeben hast und immer der geblieben bist, der du immer warst. Jetzt bist du einen Schritt weiter, hast keine Schmerzen mehr.

In meinem Herzen und in meiner Erinnerung wirst du weiterleben.