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Glaubenssatz

Mein mittleres Patenkind hat viele Freunde. Im Kindergarten und in der Nachbarschaft. Sie ist sehr glücklich darüber, das hat sie gestern ihrer Mama freudestrahlend erzählt. Denn auf die Weise wird sie weiterleben, auch wenn sie einmal sterben sollte.

Diesen Glaubenssatz hat sie aus einer Religionsstunde abgeleitet, in der besprochen wurde, dass Jesus am Kreuz sterben musste. Die vielen Menschen, die ihn geliebt haben und Erinnerungen an ihn in Erzählungen lebendig halten, lassen ihn weiterleben. Das Wissen, dass sie Freunde hat, die sie lieben und sich an sie erinnern werden, beruhigt sie, erfreut sie von ganz tief innen heraus und schenkt ihr eine tiefe Zufriedenheit und Gelassenheit.

Und damit teilt sie eine wichtige Erkenntnis mit mir: Erinnerungen an die Menschen, die wir lieben, sind so wichtig. Bitte vergesst das gemeinsame Erleben nicht, erst wenn Menschen totgeschwiegen werden, sterben sie und ihre Geschichten endgültig … Den Impuls für meinen Glaubenssatz haben mir übrigens diese kurzen Zeilen gegeben, über die ich zu Teenagerzeiten viel nachgedacht habe: „O ja, ich will nicht umsonst gelebt haben wie die meisten Menschen. Ich will den Menschen, die um mich herum leben und mich doch nicht kennen, Freude und Nutzen bringen. Ich will fortleben, auch nach meinem Tod.“ (Tagebucheintrag von Anne Frank am 5. April 1944)

[Liebe Mademoiselle, ich habe lang mit mir gerungen, denn du hast gestern empört geschimpft, weil deine Mama mir dein Glücksgefühl verraten hat, obwohl du es ihr unter dem Siegel der Verschwiegenheit verraten hast. Ich liebe deinen Gedanken zu sehr und befürchte, dass wir ihn alle vergessen könnten, als dass er hier nicht für später festgehalten werden sollte. Ich hoffe, du kannst uns, also deiner Mama und mir verzeihen? Und vielleicht freust du dich später sogar mal über diesen kleinen Glaubenssatz – und er kann dir weiterhelfen? Das wünsch ich dir sehr!]

Ich gehe langsam

„Ich gehe langsam aus der Welt heraus, in eine Landschaft jenseits aller Ferne, und was ich war und bin und was ich bleibe geht mit mir, ohne Ungeduld und Eile, in ein bisher noch nicht betretenes Land.

Ich gehe langsam aus der Zeit heraus, in eine Zukunft jenseits aller Sterne, und was ich war und bin und immer bleiben werde geht mit mir, ohne Ungeduld und Eile, als wär ich nie gewesen oder kaum.“ (Hans Sahl)

Gestern ist der Holzner Opa gestorben, der Großvater meiner Schwägerin in Spe. Der Freundin meines kleinen Bruders. Ein Hundertjähriger, der gerade seinen runden Geburstag mit einer großen Gesellschaft gefeiert hat. Mit vielen schönen Worten und Werken, seine eigenen haben eine ganze Ausstellung gefüllt. Seit er aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekommen ist hat er sich seinem Hobby, der Schreinerei, gewidmet. Viele Möbel, besondere Einzelstücke und einen Altar hat er in seinem Leben gemacht. Die schönsten Werke konnte man bei der Geburtstagsfeier wie in einem Museum bestaunen. Er selbst hat sich gefreut, war aber ganz bescheiden, ist schließlich nur sein Hobby gewesen, also alles nichts besonderes. In seiner Werkstatt hatte er seine Ruhe, hat das Hörgerät ausgeschaltet und mit dem Holz gearbeitet. Dinge erschaffen, die bleiben. Und ewig an ihn erinnern werden, wie die Holzkiste meiner Eltern, das Leiterwagerl der bezaubernden Nichte …

Neuzugang im Katzenhimmel

Auf Wiedersehen, liebe Wegbegleiterin der vergangenen 6 Jahre. Die letzten Tage ging’s dir mies, Nierenversagen. Du hast nicht mehr gefressen und warst viel zu schwach. Nicht zu vergleichen mit deinem bisherigen starken Ich. Du hattest ein gutes, wenn auch viel zu kurzes Leben auf dem elterlichen Bauernhof. Ich wünsch dir, dass du auch im Katzenhimmel immer jemanden findest, der dich ausgiebig krault. Und ein sonniges Plätzchen, ganz für dich allein, wie du es so gerne magst. Ich werd dich vermissen, kleiner tapferer Tiger! Und nicht nur ich.

Lebensängste

Stufen - Bildquelle Pixabay
Stufen – Bildquelle Pixabay

Die Medien berichten in diesen Tagen zum Glück nicht nur über eine uninteressante Reality-TV-Show mit unbekannten und uninteressanten Prominenten, die mich sehr gruselt. Zwischen Kriegsschauplätzen, Flugzeugabstürzen, Ebola und Ferguson lautet eine Überschrift in diesen Tagen: Jeder zweite Deutsche hat Angst vor dem Tod. Das Festhalten am Leben werde mit zunehmendem Alter geringer, die Todesangst nehme ab. Kann ich quasi aus meinem eigenen Älterwerden „belegen“. Als Kind hatte ich jahrelang eine zermürbende Angst vor dem Tod, vor der Ungewissheit: was passiert da? Mit mir? Bin das überhaupt noch ich? Was fühle ich? Tut es weh? Was kommt danach? Gibt es etwas danach – oder nicht? … Fragen, die in Kinderaugen kein Mensch verlässlich beantworten kann. Der Glaube – ans Weiterleben im Paradies? Mir ist viel zu früh klargeworden, dass es keinen stichhaltigen Beleg dafür gibt.

Einige Jahre lang hatte ich immer wieder einen richtig schlimmen Alptraum: lag lebendig begraben unter einem großen Grabstein auf meinem Grundschulhof. Und keiner hats gemerkt. In Teenagerzeiten ist mir nächtelang regelrecht die Luft weggeblieben, aus Angst vor der atomaren Gefahr, der Umweltzerstörung, der Luftverschmutzung, Aids, drohenden Kriegsgeschehen, den Auswirkungen der Moderne. Dem drohenden Kollaps. Dem Aus. Wer das Video zu Ultravox „Dancing with tears in my eyes“ kennt, weiß, dass ich mir durchaus auch romantisch überlegt habe, wie und mit wem ich meine letzten Minuten verbringen wollen würde  …

Je älter ich werde, desto ruhiger bin ich. Keineswegs sicherer, keineswegs gelassen, keineswegs weniger am Leben hängend. Aber mir wird mehr und mehr klar, dass ein Leben in Angst vor dem Tod zu nichts führt.Irgendwo habe ich mal gelesen: „Nichts ist so sicher wie der Tod und nichts ist so unsicher wie das Leben.“ Und wann es vorbei ist. Tot kann kann plötzlich sein, es kann aber auch ein langer, sogar qualvoller Weg werden. Das alles wissen wir – theoretisch. Die meisten Menschen verdrängen den Tod im Alltag erstaunlich gut und umfassend – klappt nur nicht, denn Sterben lässt sich nicht vom Leben trennen.

Das ist auch der Grund, warum ich darüber schreibe. Ich bin ganz ehrlich: heute machen mich die drohenden Verluste ängstlich. Jeder Mensch, der geht, hinterlässt eine Lücke. So erkläre ich mir zumindest, warum Menschen mit zunehmendem Alter weniger Angst vor dem Sterben haben. Sie haben mehr Angst, allein zurückzubleiben?