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Sonntagsfreude: Raureif

Gestern und heute morgen ist es klirrend kalt, Sonnenschein, aber keine Weitsicht. Das Licht ist besonders, ein bisschen „verdeckt“, nicht klar, nicht strahlend.

Bevor ich losfahre muss ich mein Auto erst mal von einer dicken Eisschicht befreien. Ich starte im Sonnenschein, sehe aber schon, dass mein Ziel unter diesigen Wolken hängt. In der kleinen Friedhofskirche verabschiedet sich die Familie und der engste Freundeskreis endgültig vom Papa der besten Freundin. Am Grab Worte eines engen Freundes, über fast 60 Jahre miteinander und wie wertvoll diese Erinnerungen sind. Dieses Mal fließen die Tränen ungehindert, die liebste Freundin küsst die Rose, ehe sie auf die Urne gelegt wird …

Die bittere Kälte vertreibt mich vom Friedhof, ich gehe ein paar Schritte, mir fällt ein, dass ich nach einer neuen schwarzen Jacke schauen wollte. Ich laufe ins Städtchen meiner Jugend, staune, wie viel sich verändert, aber auch, wie viel verfällt … komme erfolgreich sogar mit 4 neuen Teilen zurück. Am Friedhof ist jetzt nur noch der Mann vom Beerdigungsunternehmen beschäftigt. Ich werfe noch mal einen Blick über dieses Plätzchen der Ruhe, bestaune einmal mehr die jahrhundertealten Grabsteine an der alten Kirche.

Dann erreicht mich eine SMS, eine Freundin schreibt, dass ihr Lebensgefährte Freitag Nacht ausgezogen ist. „Und ich hab das Gefühl, meine Kraft reicht nicht mehr, hochzukommen. Ich kann nicht aufhören zu weinen … fühl mich, wie der einsamste Mensch auf der Erde“. Ich mach mich auf den Weg, damit sie nicht allein ist. Auch hier muss ein Abschied betrauert werden. Später werden wir eine Runde mit dem Hund gehen, die Sonne genießen, sogar gemeinsam lachen. Und staunen, wie sich der Raureif über den ganzen Tag gehalten hat …

„Am Ende ist es gut, und wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“ (Oscar Wilde)

Ich wünsch euch allen einen schönen 2. Advent. Mehr Sonntagsfreude sammelt Rita, ihr Text hat diese Woche auch ein bisschen mit Loslassen zu tun.

Sonntagsfreude: Leben

Faszinierend, wie geballt das Leben ist. Wie nah Freude und Leid zusammenkommen. Wie Traurigkeit da ist und dennoch Raum für andere Themen ist, für Liebe, für Weiterentwicklung, für Gegenwart und Zukunft. 

In der Nacht von Freitag auf Samstag ist der Papa der besten Freundin für immer eingeschlafen. Ich hoffe, ruhig und friedlich. Ich hatte ihm gestern Vormittag noch einen „Schnaps“ aus der Heimat besorgt, vor ein paar Tagen hatte er seinen Kindern beim Besuch auf ihre Frage nach einem besonderen Wunsch mit seiner unvergleichlich sonoren Stimme „an Schnaps und a Zigarette“ geantwortet. Da ich weiß, wie er sich am Experimentieren gefreut hätte, wollt ich ihm noch eine letzte Entdeckung vorbeibringen. Die Erfinder aus meiner Nachbarschaft werben selbstbewusst: selbst Jesus würde Heiland trinken Wenn einer  rausfindet, ob das stimmen könnte, dann er – sicher hat er sich längst ein neues gemütliches Platzerl mit bestem Blick ausgewählt. Und wir trinken den als kleine Erinnerung und prosten ihm zu …

Gegenprogramm: Heute ist in meinem Elternhaus ein besonderer Tag, die zukünftigen Schwiegereltern treffen sich im fast fertig renovierten Haus zum Mittagessen, um die Verlobung ihrer Kinder zu feiern. Denn mein kleiner Bruder hat seine langjährige Freundin gefragt, ob sie nicht nur weiter sein Leben teilen will, sondern das auch „ganz“ hochoffiziell unterschreiben. Sie hat ja gesagt, was heute im kleinen Rahmen gefeiert wird. Die Eltern wuseln wie immer, wenn Besuch kommt, aufgeregt durchs Haus. Gestern war die bezaubernde Nicht da, die sich in Gedanken bereits mit dem passenden Outfit für den Job als Blumenmädchen beschäftigt. Und da in ihrem Fall gleich beide jüngsten Onkel irgendwann mit einem Hochzeitstermin anstehen könnten (auch der Bruder meines Schwagers ist seit 2015 verlobt und schmiedet diverse Pläne) sind das wahrhaft Probleme für eine 5jährige, sie kann schließlich nicht zwei mal dasselbeanziehen …

Auf das Leben, auf diejenigen, die das ihre intensiv gelebt haben und es hinter sich lassen . Und auf diejenigen, die jetzt schon mehr als 10 Jahre als Paar durchs Leben gehen. Und ihre Zukunft planen.

Mehr Sonntagsfreude sammelt Rita.

Spruch zum Wochenende: Abschied

Es ist Zeit, viel zu früh, wenn auch seit langem erwartet. Zeit, in diesen herbstlichen Novembertagen zu hoffen, dass er noch mal Sonne und Farben und gelebtes Leben tief in sich aufnehmen darf, auf dass ihn  ein paar Sonnenstrahlen kitzeln und zum Lächeln bringen. Zeit, den Papa meiner besten Freundin los zu lassen, ihn und sie und alle seine Lieben auf den letzten Metern zu begleiten, gedanklich. Leider habe ich sein „kimmst wieder“ wohl zum letzten Mal gehört, aber wir werden es uns ganz in seinem Sinne tief im Herzen bewahren. Beziehungsweise fortführen. Und einmal mehr muss ich bemerken, wie nahe wir uns in solchen Zeiten kommen können. Diesem Gedanken widme ich meinen Spruch zum Wochenende: „Abschied ist die innigste Weise menschlichen Zusammenseins.“ (Hans Kudszus)

Wie Kinder mit dem Sterben umgehen

Erwachsene sind manchmal irritiert, wie Kinder auf den Verlust eines geliebten Menschen reagieren … Dazu habe ich diesen aufschlussreichen Artikel gefunden. Ganz wichtig für Erwachsene: wir sollten nicht bewerten oder dem Kind das Gefühl geben, dass es einen Fehler macht. Kein „du darfst nicht lachen, du musst traurig sein.“ Das Kind verarbeitet, aber auf seine Weise, dazu gehört Spielen, Lachen, Alltag leben. Und wir sind älter, haben unsere Erfahrungen gesammelt, reagieren auch nicht jeder gleich. Übrigens: jeder von uns älteren muss mit der offenen Frage rechnen „Und wann stirbst du?“, das beschäftigt das Kind. Uns übrigens auch, wenn wir mal ganz ehrlich mit uns selbst sind …