Schlagwort-Archive: schimmelkapelle

Heimatverliebt: Kultur in der Hallertau (4)

Und: was wäre die Hallertau ohne ihre markanten Kirchen, klein und groß, Zwiebelturm oder hohe Spitztürme, aus allen Epochen und auch ganz modern. Die Kirchen und der katholische Glaube prägen die Region, es gibt viele Wallfahrten, die Segensbitten kann man auch an den unzähligen „Marterln“ allüberall spüren. Ich habe durch meine frühere Karriere als (Hochzeitstag-)Sängerin unzählige Kirchen der Region kennengelernt, jede wäre wert, sie zu empfehlen. Ich werde mich bei meinen Tipps trotzdem „bewährt souverän“ beschränken.

Nicht fehlen darf St. Stephan in Enzelhausen, im Hopfenland als Schimmelkapelle bekannt. Um den Holledauer Schimmel ranken sich zahlreiche Sagen, eine sagt, dass  junge Burschen, die beim Pferdediebstahl erwischt wurden, den Schimmel hier versteckt haben, anderen Erzählungen zufolge lockten frische Birken das gefräßige Tier ins Kircheninnere. Immer wurden die Türen für lange Zeit geschlossen und der arme Schimmel musste verhungern … häufig hört man, dass die Holledauer dem verhungerten Pferd beim Fund noch ein frisches Büschel Heu hinwarfen, in der Hoffnung, es würde wieder zum Leben erweckt. Kein Wunder, ein Pferd zu haben machte die Menschen damals   reich.  

Alljährlich am zweiten Oktoberwochenende besucht nah und fern die Wallfahrtskirche Hellring. Besonders ist, dass nach altem Brauchtum überall im Dorf die  Bauernstuben offen sind, um die „Pilger“ mit regional-typischen Speisen zu bewirten. St. Ottilia ist ein Frührokokobau, auch ganzjährig für einen Besuch empfehlenswert, es gehört zum Kloster Paring. 

Es gibt auch einen Dom der Hallertau, Resultat des wirtschaftlichen Aufschwungs der Marktgemeinde Siegenburg durch den erfolgreichen Handel mit Hopfen im 19. Jahrhundert. Wie überall in der Region machten sich die guten Einnahmen der Hopfenbauern auch durch Wohlstand beim restlichen Bürgertum bemerkbar. Die alte Kirche war zu klein, nach nur 2 Jahren Bauzeit wurde St. Nikolaus 1894 geweiht. Unter „Dom der Hallertau“ finden sich übrigens auch Erwähnungen für Pfeffenhausen und Wolnzach und womöglich noch ein paar Anwärter mehr…

Wer durch die westliche Hallertau unterwegs ist kann die markante Fassade von St. Arsatius in Ilmmünster im untypisch flachen Umland schon von weitem bewundern. Die aus dem 13. Jahrhundert stammende Basilika fällt durch den sogenannten charakteristischen Treppengiebel auf. Im Inneren wurde zu allen Jahrhunderten an die jeweilige Kunstrichtung angepasst, eine Restaurierung ermöglicht uns heute, dass wir die wiederhergestellte neuromanische Form sehen dürfen.

Wer auf der A9 aus dem Süden in den Norden fährt hat vielleicht schon mal auf der Fahrt durch die Hallertau ein kleines Kirchlein auf einem Hügel im Wald auf der rechten Seite entdeckt. Das ist St. Kastl, seit 1447 steht die spätgotische Wallfahrtskirche, daneben eine kleinere Barockkapelle und ein Gasthof fürs leibliche Wohl. Im angrenzenden Wald kann man wunderbar Spazierengehen, erreichbar über die Autobahnausfahrt Langenbruck.

In der kleinen Kirche von Enghausen, einem ebenfalls kleinen Ortsteil des nicht viel größeren Dorfes Priel, ist das älteste lebensgroße Kruzifix und damit die älteste monumentale Christus-Darstellung überhaupt. Das aus Holz geschnitzte Kreuz dürfte um 900, also im vorletzten Jahrtausend, entstanden sein.

Ein paar Kilometer weiter liegt das alte Wallfahrtskirchlein St. Alban, eine der kältesten Kirchen, die ich kenne. Angeblich wanderte der heilige Alban mit abgeschlagenem Kopf bis hierher, wo er begraben liegen wollte. Eine der ältesten Hallertauer Fußwallfahrten macht hier alljährlich im Frühjahr Station, mittlerweile dank des Engagements aus der Bevölkerung auch wieder mit wachsendem Zulauf.

Im Geisenfelder Ortsteil Ainau steht etwas versteckt St. Ulrich. Allein vor dem romanischen Portal kann ich meine Zeit staunend verbringen. Von außen gut sichtbar die großen Blöcke aus Kehlheimer Sandstein, auch Relief und Sonnenuhr begeistern mich. Im Inneren findet sich in den Fenstern, die im Zuge einer umfassenden Restaurierung erneuert werden mussten, auch zeitgenössische Kunst.

Und last but not least: St. Anton bei Ratzenhofen ist für Kunstgeschichtler spannend,  einige Werke gehen wohl auf italienische Künstler und Einflüsse zurück. Die heutige Kapelle ist von Barock und Rokoko beeinflusst, im Inneren die auffällige Kümmernis-Figur: die gläubige Tochter eines heidnischen Königs, ans Kreuz genagelt, mit nur einem goldenen Schuh und Bart, vor ihr ein im Knien geigender Spielmann. Lädt zu Spekulation ein – oder man befragt das www. Zur Kapelle wallfahren alljährlich am Pfingstmontag die Reservistenvereine und gedenken der Opfer der Kriege.

—–

Jule lädt zum Schreibprojekt „Heimatverliebt„, in diesem Monat lautet das Thema „Kultur in deiner Heimat“. Im heutigen vierten Teil habe ich euch von Kirchen in der Hallertau erzählt, ich habe noch ein paar Ideen für kulturelle Tipps in den kommenden Tagen. Mehr Heimatliebe aus unterschiedlichsten Regionen findet ihr unter dem Suchbegriff „Heimatverliebt“.

Es riecht nach frischem Hopfen in der Holledau

Es ist Hopfenzupfzeit, das riecht und sieht man, in der ganzen Holledau. Am Wochenende bin ich auf verschiedenen Wegen (Autobahn, Landstraßen) durchgefahren und hab geschnuppert, es ist herrlich! Anders als in vergangenen Zeiten, an die ich mich noch aus meiner Kindheit erinnern kann, wird der Hopfen heute sehr modern, technisch gut gelöst, mit bei weitem geringerem Einsatz von Arbeitskraft geerntet. Ein Traktor, ein Fahrer, ein Abreißgerät, der Hopfen direkt auf den Wagen. Auch im Betrieb braucht man nur noch einen, der in die Maschine einhängt, einer schaut, dass der abgefüllte Sack nicht überläuft. Trotzdem helfen alle mit, es ist eine anstrengende Arbeit.

20130817-212842.jpgAuch wenn sich vieles verändert hat, unverändert bleibt der Duft, der ganz besondere Geruch, der in der Luft hängt, an den ich mich seit Kindertagen erinnere und den ich jedes Jahr herbeisehne. Wie das riecht? Süß und gleichzeitig herb. Etwas bitter. Vielleicht wie eine Mischung aus frisch gemähter Wiese mit vielen Kräutern drin, dazu wie durchs wirbelnde Laub laufen, dazu noch eine Prise frischer Baumschnitt, das alles gut abgeschmeckt. Und noch etwas herber – oder so. Dieser besondere Geruch bedeutet für mich das Ende des Sommers, den Beginn des Altweibersommers, den Übergang zum Herbst. Wenn ich ihn mal ein Jahr verpasse bin ich ein Stück weit orientierungslos, etwas fehlt. Bin ja gebürtige beziehungsweise aufgewachsene Holledauerin (Hallertauerin). Meine Heimat ist eine Region, gelegen in Teilen Ober- und Niederbayerns. Dazu gehören ganz grob die Landkreise Freising, Pfaffenhofen, Kehlheim, Landshut und Eichstätt. Aufgewachsen bin ich an der südöstlichen Grenze, kurz vor Moosburg, die Stadt wird gern (wie Ingolstadt, Schrobenhausen, Kelheim oder Freising auch) als eines der Tore in die Hallertau bezeichnet. Die Holledau ist das größte zusammenhängende Hopfenanbaugebiet der Welt mit 15 Siegelbezirken (ich bin nicht sicher, ob die Zahl stimmt, da ich mich sehr wundere, dass Hersbruck auf Wikipedia zur Hallertau gezählt wird, insofern: bitte korrigiert hier gerne).

Neben der Hopfenernte, die gerade läuft, zugegebenermaßen so, wie auch in den anderen deutschen Hopfengebieten Spalt, Hersbruck und Tettnang, rühmen wir Holledauer uns gerne, ein besonderer Menschenschlag zu sein. Nicht nur Bayern, nicht nur Ober- oder Niederbayern, sondern eben Holledauer. Trinkfest, gesellig, menschenfreundlich, fleissig, kontaktstark, musikalisch – deshalb gibts sogar Lieder auf den besonderen Flecken Erde, den der liebe Gott für diesen besonderen Menschenschlag geschaffen hat, zum Beispiel eine Volksweise, das „Holledauer Lied“:


Da nicht jeder den Text verstehen wird fasse ich das in eigenen Worten und etwas verkürzt zusammen: als Gott die Welt erschuf fiel ihm am 7. Tag auf, dass noch etwas fehlte und er schaffte den schönsten Fleck der Welt, die schöne Holledau. Mit sanften Hügeln, dem Fluss Abens und dem wunderbaren weißblauem Himmel. In einer kleinen Bergkapelle wurde mal ein Schimmel versteckt, leider hat er es nicht überlebt, aber seine Geschichte wird noch heute in Liedern und Theaterstücken weitererzählt. Wer Hopfen nicht kennt, kennt die Arbeit nicht, die er macht, aber sein Erzeugnis: das beste Bier der Welt wird mit Holledauer Hopfen gebraut. Am Lebensende geht der Holledauer nach einem arbeitsreichen Leben gern in den Himmel, schaut von dort aus gerne liebevoll auf seine Heimat herab, die im Leben viel Mühe, aber auch viele schöne Momente geschenkt hat.

Ja, der Holledauer ist stolz, ein besonderer Menschenschlag. Und nicht nur das: der Komponist Erhard Kutschenreuter hat den Hallertauern sogar ein eigenes Nationalepos, eine Operette, ein niederbayerisches Singspiel in 3 Akten hinterlassen. Das zur Hopfenzupfzeit im Markt Siegenburg aufgeführt wird und dieses Wochenende Premiere gefeiert hat: der Holledauer Fidel 2013. Dazu bald mehr.