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Was wir haben und nicht haben

Vor vielen Monaten habe ich auf einem meiner Blogs, die ich gern und regelmäßig besuche, mal diesen Artikel gelesen: Was wir haben und nicht haben. Den ich sehr gut und vor allem lesenswert finde. Und deshalb abgespeichert hatte, um mich in einer ruhigen Minute damit zu beschäftigen. Mit Zeit, mit Muse, mit der Möglichkeit, Gedanken zu Ende zu denken. Minuten, Zeit, freie Zeit zum Nachdenken – tatsächlich etwas, was ich nicht oft genug haben kann … Vor allem nicht mehr so oft wie früher, als das Leben noch nicht vom Beruf bestimmt wurde. Als Leben noch eine andere Bedeutung für mich hatte. Ja, das sehe ich so. Denn ein Großteil meines Lebens ist heute der „Job“. Die Gedanken kreisen um Aufgaben, um Herausforderungen, Projekte. Ich habe mir selbst einen Platz in meinem Leben eingeordnet, aber gar nicht mal so selten ist mein privater Platz geringer als der berufliche …

Meine beste Freundin, deren Weisheit und Gedankentiefe ich so sehr liebe und schätze, hat in den letzten Monaten oft gefragt: wann haben wir uns zum letzten Mal gelangweilt? Und wir philosophieren viel darüber, warum alles um uns rum so dicht gedrängt ist, warum uns ruhige Gespräche so gut tun. Wir uns im Dialog so mit uns beschäftigen? Warum Zeit so kostbar wird? Was bedeutet das überhaupt? Zeit haben, generell: Haben. Was ist das? Bedeutet das, etwas besitzen? In der Hand halten? Sich sicher sein? Mal ganz ehrlich: was haben wir? Und vor allem: was haben wir nicht?

Im Text geht es gleichermaßen um materiellen Besitz und ideelle Werte, was man mit Geld bezahlen kann? Vergänglich! Liebe, Freundschaft, Sympathie, Menschlichkeit. Leider auch an den sterblichen, vergänglichen Menschen geknüpft. Also nicht ewig und unendlich.

Was ich aus diesem Text ziehe? Ich HABE eine Fähigkeit, den Augenblick zu genießen, im Hier und Jetzt anzukommen. Statt zu lamentieren lieber die Sekunde, Minute oder Stunde genießen, in der ich bin. So wie ich bin. Und spüren, mit wem ich zusammen bin. Den Menschen wertschätzen und seine Präsenz aufnehmen. Das ist so viel wichtiger, als alle Pläne der Zukunft und Erinnerungen an Vergangenes. Was wir nicht haben ist ewiges Leben, egal, an was wir glauben, egal, was später kommen mag. Alles immer auf später verschieben? Sich so viel für irgendwann vornehmen? …

Was wir haben, jeder einzelne von uns, ist das eine eigene Leben, jeder einzelne Moment davon so unendlich kostbar. Deshalb leb ich es, bewusst, jetzt!

Die Philosophie des UPS-Mannes

Gerade ist Weihnachtsgeschäft. DER Umsatz des Jahres, in den Innenstädten und in Einkaufscentern ist die Hölle los, laut aktuellen Medienberichten haben Online-Versandhäuser ihr Personal rund verdoppelt, um mit dem Ansturm fertig zu werden. Und irgendwie scheint mir grade jeder genervt, von der Verkäuferin an der Supermarktkasse über die Bäckereifachverkäuferin, alle sind gestresst. Weil so viel los ist? Dabei entfällt also in der Zeit des Jahres, in der Kunden viel Geld ausgeben, für Umsatz sorgen und damit den Arbeitsplatz der Beschäftigten langfristig zu sichern versuchen das kleine bisschen Höflichkeit, der nette Umgang mit den Mitmenschen. Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, vor allem Geduld? Fehlanzeige!?

Ich erlebe seit einigen Wochen genau das Gegenteil, einen Menschen, der ganzheitlich Dienstleistungscharakter durch und durch verkörpert. Der immer Zeit zum Plaudern hat. Der jeden Tag vorbeikommt, das ist sein Job, dabei immer nett, höflich, interessiert und aufgeschlossen ist. Er ist Amerikaner und arbeitet sein Leben lang für UPS. Seine Aufgabe ist es, Pakete zuzustellen. Er weiß nicht, was in den Paketen drin ist – aber er wird immer danach gefragt. Was würde wohl passieren, wenn er das wüsste …? Von vielen Menschen wird er richtig schlecht behandelt, sie schätzen ihn als gering oder klein ein. Er sei ja „nur ein Paketzusteller“. Das bekommt er durch abfällige Reaktionen immer wieder zu spüren. Und er ist darüber nicht verbittert, im Gegenteil: er spricht darüber, über seine Motivation. Sagt, wie wichtig gute Laune ist. Seine eigene. Und er grinst dabei, denn „wenn die Leute wüssten, wie gut ich verdiene, würden sich viele darüber ärgern und hätten gerne meinen Job!“

Heute hat er uns im Büro erzählt, wie eilig es gerade in der Weihnachtszeit alle hätten. Er hätte gerade auf einem Parkplatz bremsen müssen, weil eine ältere Dame ihren Einkaufskorb fallen lassen hat. Er sei ausgestiegen und habe ihr beim Aufsammeln und Einräumen geholfen. Trotz des wütenden Gehupes mehrerer Autofahrer, einer sei sogar ausgestiegen und habe ihm gedroht. „Weihnachten ist bald genug, was haben es nur alle so mit der Eile hier in Deutschland? Wollen die, dass die Zeit noch schneller vergeht, als sie es eh schon tut? Vor Weihnachten sollten alle mal einen Gang zurückschalten, ruhiger werden, die Dinge langsamer angehen – meine ich!“ Die Philisophie eines UPS-Mannes, der viel sieht, viel hört, vieles beobachtet. Und nicht nur die Weihnachtspakete zustellt …