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Später

Kennt ihr auch so unendlich viele Situationen, in denen ihr Wünsche, Pläne, Ideen usw. auf „später“ verschiebt? Mir ist in den vergangenen Jahren aufgefallen, dass mir durch das hohe Arbeitspensum, das ich hatte, immer mehr die Kraft für das Jetzt gefehlt hat. Und passend zu meinen Gedanken sind mir diese Worte begegnet – hört es euch an. Da steckt viel Stoff zum Nachdenken drin:

Schatz [*.txt]

„Hallo mein Schatz.“ Ich hab noch heute die Stimme im Ohr. Gruslig. Der Mann, Partner, Freund, Lebensabschnittsgefährte seit Monaten. Der sich vorher geschäftsmäßig mit vollem Namen und hochmotiviert am Telefon gemeldet hatte. Dann, nachdem er mich als Gesprächspartner ausmachte, dieses Kosedings. Dieses „bezeichnet werden“. Zugeordnet werden. Kategorisiert, klassifiziert. Trotz meines Widerwillens, meines eindeutigen Einspruchs und der Bitte, mich beim Namen zu nennen. Zumindest nicht „Schatz“ wollte ich sein. Weil dieses beliebige Kosewort war mir schon immer zuwider, nicht erst seit „Schatzi, schick mir dein Foto“ fühle ich, dass Schatz jeder und jede ist ….

Irgendwann hab ich – da waren wir längst glücklich getrennt – mal einen Gedanken verschwendet, darüber zu grübeln, was das war, dieses mich gruseln. Dieses Nicht-Schatz-Sein-Wollen. Die Erkenntnis, dass es keinen Unterschied machte, mit wem er sprach? Dass ich genauso beliebig wie jeder andere in seinem Leben mit der gleichen oberflächlichen Aufmerksamkeit gestreift wurde, die gleiche schnelle Begeisterung abbekam? Denn daran ändert auch ein Titel nix. Bin sehr zufrieden, kein „Schatz“ zu sein.

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Ein Beitrag zu Dominiks [*.txt]-Projekt, das 10. Wort lautet „Schatz

Spruch zum Wochenende: Besinnen

Gerade verabschieden sich meine Eltern gefühlt von einer Reihe langjähriger Weggefährten. Ein Nachbar, drei Freunde aus Schulzeiten, der Ehemann einer alten Bekannten und ein früherer Geschäftsmann haben in einer Woche ihre letzte Reise angetreten. Das bringt Gedanken an die eigene Sterblichkeit, aber auch Erinnerungen mit sich. „Wenn altgewordene Menschen sich darauf zu besinnen suchen, wann, wie oft und wie stark sie Glück empfunden haben, dann suchen sie vor allem in ihrer Kindheit, und mit Recht, denn zum Erleben des Glückes bedarf es vor allem der Unabhängigkeit von der Zeit und damit von der Furcht sowohl wie von der Hoffnung, und diese Fähigkeit kommt den meisten Menschen mit den Jahren abhanden.“ (Hermann Hesse)

Habseligkeiten [*.txt]

Was hat man eigentlich? Also so richtig? Alles das, was zu einem gehört, unabänderlich? Das Leben. Den Körper. Den Geist. Die Seele. Den Charakter. Die Gedanken. Vielleicht Liebe. Vielleicht Zuneigung. Vielleicht Gefühle. Viel ist es nicht, was man HABEN kann. Besitzen, ja, besitzen kann man vieles. Aber wieviel ist all das wert, wenn man mit Besitztümern nicht vermag, sich Zuneigung zu erkaufen. Sich Gesundheit zu erhalten. Sich selbst zu akzeptieren, zu erkennen, anzuerkennen, wie, was und wer man ist … Und worüber keiner gerne nachdenkt: alles ist vergänglich. Gedanken eines Tages zu Ende gedacht. Mein Körper stirbt, mein Leben vorbei.

Irgendwann in der Geschichte muss dennoch jemand definiert haben, dass HABEN selig macht. Oder woher sonst stammt wohl die Kombination Habseligkeiten? Noch mehr verwundert dann wieder, wie abschätzig das Wort wohl gemeint ist. gemäß Wörterbüchern bezeichnet der Begriff armseligen Besitz nahezu mittelloser Personen“. Haben sich das etwa die ausgedacht, die viel hatten, um das wenige der anderen zu verlachen? Dabei ist HABEN in vielerlei Hinsicht relativ, wer viel besitzt, hat schließlich viel mehr zu verlieren. Meint man. Wer wenig hat, vermag Verlust vielleicht mehr zu spüren. Tut sich schwerer, noch weniger zu haben. So viele haben doch viel angesammelt. Ohne es zu schätzen.

Beim Wort Habseligkeiten muss ich immer an eine kleine, fast flüchtige Begegnung aus meiner Studienzeit denken. Ich habe für meine Magisterarbeit sehr viel Zeit in der Monacensia verbracht und kam dort eines Tages mit einer Frau ins Reden, die ebenfalls oft da war. Sie recherchierte im Nachlass eines Schauspielers , der dort aufbewahrt wird. Wir unterhielten uns über die vielen Seiten geschriebener Gedanken, die wohl nur selten gelesen werden. Und dass in diesem schriftlich fixierten Gedankengut so viel Leben, so viel Erleben, so viel Schönes stecke. Ihre Worte in etwa: „Da häufen Menschen Besitz an, streben nach Reichtum – und merken gar nicht, wie wenig all diese Habseligkeiten ihr Leben bereichern. …“ Klingen nach, diese Gedanken, oder?

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Ein Beitrag zu Dominiks [*.txt]-Projekt, das 5. Wort lautet “Habseligkeiten”.