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Familiengeschichten: Bruder, Onkel, Kater

Ich weiß nicht genau, wie wir beim gemeinsamen Abendessen beim Thema Wünsche angekommen sind … in jedem Fall äußerte der Sohn meines Cousins (10) plötzlich seinen: „ich wünsch mir einen Bruder.“ Allgemeine Überraschung, Staunen, irritiertes Schweigen. Die Familienplanung ist laut Rückfrage bei der Frau Mama abgeschlossen … „Einen Bruder oder einen Cousin …“ zählt er weiter auf. „Oder eine Katze, einen Kater.“

Gut, das amüsierte Schmunzeln der Erwachsenen ist jetzt schon irgendwie nachvollziehbar – oder?

Recht irritiert lauschten beide Kids später meinen Ausführungen, dass ich als Cousine ihres Papas auch einen Onkel R. habe. Eigentlich schon recht schlüssig, denn unser Onkel R. ist schließlich der Vater ihres Onkel R., ihr Opa, Bruder meines Vaters. Ungläubige Blicke der beiden, dann der rettende Gedanke: „Früher hattet ihr ihn, jetzt haben wir ihn …“ Zum Glück haben wir alle beide, jeder eben so, wie er mit dem einen oder anderen verwandt ist 😉 

Und ich musste auf der Heimfahrt sehr grinsen, denn genauso geht es mir, wenn meine Eltern mir familiäre Verhältnisse wie das in Bayern noch sehr verbreitete Geschwisterer-Kinds-Kinder erklären: das Kind des Kindes eines gemeinsamen Vorahnen. So ist die bezaubernde Nichte wahrscheinlich als Tochter meiner Schwester bestimmt Geschwister-Kinds-Kind mit Sohn und Tochter meines Cousins. Geschwister, unser Vater und Onkel. Deren Kinder (meine Schwester und Cousin) und dann die Kids. Oder sind das dann Großcousins? Oder Vetter und Base? … ich werde es nie so ganz kapieren 😉

Volle Punktzahl

Die bezaubernde Nichte hat in den ersten Leistungstests gut abgeschnitten. Mit unterschiedlichen Reaktionen: Opa und Onkel erklären stolz, dass sie die Stärke in Mathe wohl von ihnen hat – die Tante reagiert mit Freude und der Feststellung, dass diese Begabung definitiv kein Erbteil ihrerseits ist 😉

Was festgehalten werden sollte: nach nicht mal zwei Monaten zeigen die Erstklässler, was sie schon alles gelernt haben. Wow.  

A Leich zur Hopfenzupf

Für Familien ist diese ganze Organisation einer Beerdigung direkt nach dem Tod eine „willkommene“ Ablenkung vom Trauern – nur bleibt trotzdem dieser Moment des Abschieds vor versammelter anteilnehmender Gemeinde. Und dann kommen die Gefühle oft knüppeldick …  Ein Tipp von einer, die schon auf sehr vielen Beerdigungen gesungen hat und sehr genau weiß, was Musik bewirken kann: sie holt die Emotionen aus der Tiefe hervor … kurz: die Beerdigung heute war ein Meer der Tränen für die engste Familie. Aber ich vermute, es hat gut getan, dass sie endlich fließen konnten? Vor allem bei s’is Feierabend, das die 5 Bläser nicht ganz so gut hinbekommen haben, wie diese Damen – und nur weil das Klugscheißer-Ich heute mal geforscht hat: ist zwar zwischenzeitlich bavarisiert worden, aber die Meldodie und vor allem der zugehörige Text haben keinerlei alpenländischen Hintergrund, sondern stammen aus dem Erzgebirge:

Ich war erkältungsbedingt nicht so recht auf dem Damm. Die letzten 2 Tage waren sehr gedämpft, umso mehr habe ich heute die Fahrt durch die Hallertau genossen, den Geruch der Hopfenzupf tief eingeatmet. Und da die kleine Kirche sowieso viel zu voll war, bin ich gleich im Halbschatten hinter dem – übrigens vollkommen unerwartet im Westen stehenden – Kirchturm geblieben. Und habe aufmerksam beobachtet, wie sich die Landbevölkerung auf die Situation einstellt, dass sowieso nicht alle im Kircheninneren Platz finden: die einen kommen von Haus aus später, die anderen suchen sich die „besten Plätze“ aus. Alles ganz selbstverständlich, schön fand ich, dass die Hopfenzupfer pausiert haben – wobei das selbstverständlich ist, denn auf dem Dorf geht noch jeder zu einer Beerdigung.

 

Dankbarkeit für 19 Jahre

19 Jahre sind es geworden. 19 Jahre, in denen mein Onkel mit einem transplantierten Herzen weiterleben durfte. Er war ein netter, ein lustiger Kerl. Der aber über viele Jahre nicht an Gesundheit gedacht hat. Im Gegenteil, gerade als Jungvermählte waren er und meine Tante wohl im Dauerrausch, und das hat jetzt nicht so arg viel mit dem Glücksrausch des Frischverliebtseins zu tun: Bier, Schnaps, und gerne viel davon. 

Als Kind hab ich davon nicht viel mitbekommen, meine Erinnerungen gehen eher in Richtung seiner politischen Reden. Alle waren sie Deppen, die Politiker. Selber aktiv werden, um Dinge zu bewegen? „Bin i bled, na, i möcht mei Ruah!“ Über weniger politische Themen konnte man sich gut mit ihm unterhalten, eigentlich wollte er nur sein Leben und immer wieder eine Halbe Bier in Ruhe genießen, gut essen, mit ihm angenehmen Menschen zusammensein, dann ging’s ihm gut. 

Vor rund 20 Jahren dann die schockierende Diagnose: sein Herz machts nicht mehr lange. Er hatte großes Glück, wurde auf der Liste der Spenderherzen hoch priorisiert und im März 1997 wurde ihm ein neues Herz transplantiert. Das fast zwei Jahrzehnte tapfer weiterschlug. Ja, in den letzten Jahren kamen anfangs eher kleine Einschränkungen in den Alltag, die anderen Organe haben immer wieder Probleme gemacht. Dialyse, immer wieder Klinikaufenthalte, vor ein paar Monaten hatten ihn die Ärzte bereits aufgegeben, er konnte sogar noch mal nach Hause. 

Vorletzte Woche dann erneut die Einweisung ins Krankenhaus, einen kleinen Eingriff hatte er erneut gut überstanden. Am Wochenende stellte sich heraus, dass eine weitere OP notwendig sei – er hat sich dagegen entschieden. Gestern konnte sich die engste Familie verabschieden, er ist in der Nacht für immer eingeschlafen.

Ich vermute, dass bei meiner Tante, meiner Cousine und meinem Cousin auch mal Dankbarkeit für die 19 Jahre kommen wird. Durch die Transplantation durfte er seine Enkeltöchter aufwachsen sehen, sie hatten die Chance, ihren Opa kennenzulernen. Aber um das schätzen zu können brauchen alle sicher noch etwas Abstand …