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Paula und die Wanzen: Vorlesegeschichten aus der Nachbarschaft

Es ist Herbst, die Tage werden jahreszeitlich kürzer. Deshalb drehen Paula und Herrchen Andi grad je eine Runde am Morgen, die zweite ist schon nach dem Mittagessen, damit sie beide nicht in die Dunkelheit kommen. Den restlichen Nachmittag verbringt Paula gern dösend in den warmen Sonnenstrahlen auf der Terrasse. Die letzten Tage fühlt sie sich dabei aber gestört. Grund sind Wanzen. Nicht eine oder zwei. Nein, eine ganze Horde bevölkert die sonnige Hauswand. Und anstatt in Ruhe zu dösen, wie Paula das gerne tun würde, kommen die untereinander nicht so recht miteinander klar.

Schon wieder tönt es „Iiich war aber vor die hier, also verzieh dich.“ „Iiiich bin aber schon viel öfter hier gewesen, deshalb verzieh du dich.“ „Pah, ihr beiden habt überhaupt nichts hier zu suchen, das ist der Platz, den ich mir ausgesucht hab.“ Und eine vierte schreit auch noch rein: „Hauswand ist einmal im Jahr, das lass iiiiich mir von euch nicht vermiesen.“

Paula seufzt. Und weil es sie heute echt stört fragt sie nach: „Sagt mal, wo kommt ihr denn plötzlich her?“ „Übers Jahr wohnen wir in den Bäumen und Sträuchern. Da ist es auch recht schön. Aber jetzt im Herbst ist es an der Hauswand so schön warm, da ist es uns hier lieber,“ antwortet eine. „Und warum müsst ihr euch jetzt genau streiten? Die Wand ist doch riesengroß, da habt ihr alle reichlich Platz, ohne euch in die Quere zu kommen?“ Ganz empört reden jetzt alle durcheinander … irgendwann konzentriert sich Paula auf die Wanze, die ihr am nächsten ist, „… was denkst du denn? Ganz klar: ich hab den schönsten Platz verdient. Und garantiert lass ich mich da nicht vertreiben. Iiiiiich doch nicht. Pah, was denkst du denn?“

So oder so ähnlich sind die Fetzen, die Durcheinander an Paulas Ohr gelangen. Von jeder Wanze. „Tja, wenn ihr so gern streitet, dann macht einfach weiter so,“ sagt Paula missmutig und trollt sich an ihr alternatives Sonnenplätzchen am Teich. Sie horcht und grinst vergnügt. Ist das schön einsam, friedlich und ruhig hier. Zufrieden legt sie den Kopf auf die Vorderpfoten und genießt dösend den herbstlich warmen Sonnenschein.

Paula und die Ausgehbeschränkung: Vorlesegeschichten aus der Nachbarschaft

Diese Paula-Geschichte hatte ich schon im März geschrieben, damals aber nicht veröffentlicht. Heute hab ich sie wiedergefunden. Und irgendwie passt das im Rückblick genauso wie in der Gegenwart wie auch für die kommende Zeit…?

Paula hat ja Herrchen und Frauchen. Mit ihrem Herrchen Andi geht Paula mindestens zwei mal am Tag laaaaang Gassi. Seit ein paar Wochen ist das aber anders. Die Menschen haben eine komische Krankheit, die wird übertragen, wenn viele zusammen sind. Das hat Andi ihr erzählt, denn wenn sie beide allein unterwegs sind, dann redet Andi ganz viel mit Paula. Er erzählt ihr alte Geschichten, berichtet, wenn ihn etwas freut. Und oft redet er auch über Dinge, die ihn ärgern. Das mit der Ausgangsbeschränkung, das ärgert Andi sehr. Umso mehr freut er sich, dass er mit Paula rausgehen darf. Also wenn sie muss. Und beide freuen sich jetzt noch mehr über ihre gemeinsamen Gassirunden.

Vom Zuhören am Zaun weiß Paula, dass die beiden Nachbarsmädels auch ganz unglücklich über die blöde Zeit sind. Seit Wochen müssen sie immer Zuhause sein, Schule und Kita haben geschlossen, und sie dürfen sich nie mit Freunden zum Spielen treffen. Sie dürfen nirgendwohin gehen und Besuch darf auch keiner kommen. Nicht mal die Großeltern. Dabei haben die doch jetzt ein neues Enkelkind … Das ist schon eine sonderbare Zeit, findet Paula.

Für sie ändert sich durch die Ausgangsbeschränkung eigentlich gar nichts. Vormittags und Abends dreht sie mit Andi eine Gassirunde. Gut, sie soll auch nicht zu den Menschenfreunden laufen, das hat Andi ihr erklärt. Weil die sonst vielleicht zu wenig Abstand halten, Andi zu nahe kommen. Aber so viele begegnen ihnen grad gar nicht. Den restlichen Tag verbringt Paula im Garten. Und da lässt es sich gut aushalten. Wenn ihr langweilig wird läuft sie zum Zaun und schaut den Nachbarsmädels zu. Die schaukeln, spielen Pferd, fangen, verstecken …. eigentlich alles wie immer. Nur eben ohne Besuch.

In den ersten beiden Wochen hat sie mitbekommen, dass die zwei immer wieder „stinkewütend“ waren, weil sie so wenig raus dürfen. Aber irgendwann hat sie gehört, wie die Große der Kleinen erklärt hat, dass sie schon großes Glück haben, weil sie immerhin einen großen Garten zum Herumtoben haben. „Stell dir vor, wir hätten nur eine kleine Wohnung, ohne Balkon – das wär schlimm.“

Und von Tag zu Tag gewöhnen sich alle besser an die Situation. Die Nachbarsmädels freuen sich über das schöne Wetter. Jeden Tag verbringen sie Stunden draußen und machen immer wieder neue Entdeckungen. Sie schauen den Blumen beim Blühen zu, entdecken Bienen und Hummeln, tanzen mit den Schmetterlingen, beobachten die Vögel … Paula macht vom Zaun aus mit. Und freut sich, denn das ist genau ihre Art, die Tage zu verbringen. Und das ist schließlich alles andere als langweilig.

Ach ja, seit kurzem unterhalten sich die Menschen mit Sicherheitsabstand über den Gartenzaun. Auch das haben sie bestimmt den Hunden abgeschaut. Das macht Paula nämlich immer mit ihren Hundefreunden beim Gassigehen. „Wuffwuff,“ ruft sie beim Näherkommen. Und je nach Hundefreund kommt ein tiefes „Wuff“ oder viele hohe ‚WuffWuffWuffs“ als Antwort. Damit ist dann schon alles gesagt und sie kann weitergehen ..

Paula und die Schwanenfamilie: Vorlese-Geschichten aus der Nachbarschaft

Täglich kommen Paula und Herrchen Andi auf der kurzen Gassirunde an einem Teich vorbei. Der ist gar nicht groß und auch wenig spektakulär. Trotzdem ist Andi in den letzten Wochen immer wieder stehengeblieben, um einem Schwanenpaar dabei zuzusehen, wie sie sich ein großes Nest häuslich eingerichtet haben. Dabei hat er Paula erzählt, dass Schwäne besondere Tiere sind, weil sie als Paar ein Leben lang zusammenbleiben.

Seit drei Wochen ist es im Nest laut geworden, denn das Schwanenpaar hat Eier ausgebrütet – und alle 7 Jungschwäne sind hungrig und müssen gefühlt ununterbrochen gefüttert werden. Dazu haben die geduldigen Eltern ihnen auf dem Teich auch schon das Schwimmen beigebracht. Da hat Paula immer mit etwas Neid zugeschaut, wie die stolzen Eltern mit ihrem noch grauen Nachwuchs Runde um Runde gedreht haben.

Heute ist Paula irritiert, denn das laute Schwanengeschnatter kommt nicht aus dem Nest, nicht mal aus dem Teich. Nein, es kommt vom Asphaltweg, wo die beiden großen weißen Schwäne um ihre 7 Kinder herum watscheln, die in Reih und Glied mitten auf der Straße sitzen. Und sich ausruhen. „Ohje,“ sagt Andi. „Das ist aber gar nicht gut. Die Küken müssen da wieder weg, nicht dass ein Radfahrer oder Autofahrer sie versehentlich erwischt.“ Paula überlegt nicht lange, sie läuft aufgeregt bellend auf die Schwanenfamilie zu und umkreist sie. Erst schlagen die Eltern noch schützend mit den Flügeln. Dann aber ruft die Schwanen-Mama erleichtert: „Du willst uns helfen, toll, vielen Dank. Ich watschle in die richtige Richtung los – und ihr sorgt dafür, dass die Kinder mir nachgehen.“

Gesagt, getan, Paula läuft im Zickzack und weiter bellend hinter den erst zögernden, dann aber eilig watschelnden Küken her. Den Abschluss bildet der Schwanen-Papa. Als alle am sicheren Teich angekommen sind gleiten die Schwäne elegant aufs Wasser. Mit einem herzlichen „Danke Paula“ verabschieden sie sich. Und Herrchen Andi ist stolz wie Bolle: „Paula, was du alles kannst. Bald besuchen wir die Wanderschafe, dann darfst du mit den Schäferhunden laufen.“

Paula und die Rabeneltern – Vorlese-Geschichten aus der Nachbarschaft

In diesen Wochen lernt Paula viele Vogelküken kennen. Überall haben die Eltern in ihren Nestern eifrig Eier ausgebrütet und langsam aber sicher wird so gut wie ununterbrochen gefüttert. Was für lustige Plätze sich manche Vögel ausgesucht haben, eine Meise hat ihr Nest in einem alten Gummistiefel von Herrchen Andi gebaut. Eine Amselfamilie wohnt in einem von Karins wertvollen Pflanztrögen auf der Terrasse …

Nur mit Familie Rabe ist Paula in diesem Jahr nicht recht zufrieden. Statt im großen Nest aus dem Vorjahr haben sie ihren kleinen Raben einfach ins Nest der Tauben einquartiert. Wie ein Kuckuckskind. Und wenn er jammert und nach seinen Eltern schreit, dann schimpfen die beiden schwarzen Gesellen irgendwo aus den Baumwipfeln mit tiefen Stimmen. Als ob die von ihrem eigenen Kind nicht erkannt werden wollen? Überhaupt schauen sie nur selten vorbei und ob sie Futter bringen? Paula ist sich da gar nicht sicher.

Jeden Tag schaut sie jetzt nach dem kleinen Raben. Dem scheint es aber zum Glück prächtig zu gehen. Vom nackten Vogelkind hat er sich in einen schwarzgefiederten Jungvogel entwickelt. Er wächst in alle Richtungen und schaut immer neugieriger in die Welt hinaus. Und da, heute ist es so weit: zum ersten Mal breitet er seine Flügel aus. Und hüpft aus dem Nest. Na ja, runterfallen ist noch nicht fliegen können… Jetzt hockt er auf dem kleinen Weg neben dem Schuppen. Und schaut ein bisschen dumm aus der Wäsche.

Eilig läuft Paula zu ihm. „Vorsicht, hier rennen hungrige Katzen rum. Ich kümmere mich um dich.“ Schwups, sie nimmt ihn sanft ins Maul und trägt ihn auf die Terrasse. Dort hockt sie ihn in einen alten Topf. Und daneben legt sie sich. Immer ein Auge auf ihrem Schützling. Da hört sie über sich ein zufriedenes Gekrächze. Sie schaut – und erblickt die stolz grinsenden Rabeneltern. „Siehst du? Ich hab doch gesagt, dass sich schon jemand finden wird, der sich kümmert. Jetzt können wir beruhigt rumfliegen, es uns gut gehen lassen und uns die Bäuche vollschlagen.“

Und weg waren sie. Paula seufzt. Endlich versteht sie, warum die Menschen von Rabeneltern sprechen. Und sie nimmt sich fest vor, gut auf den kleinen Raben aufzupassen. „Und irgendwann werd ich ihm dann auch genau erklären, wie das mit dem Miteinander und der Familie geht – weil so gefällt mir das gar nicht.“