Schlagwort-Archive: mitschüler

Nicht lustig

Von wegen auf dem Land ist die Welt noch in Ordnung, „Problemkinder“ gibt’s überall. Eines davon geht in die gleiche Klasse, wie die bezaubernde Nichte. Immer wieder ist der Junge dadurch aufgefallen, dass er sich nicht integriert. Nicht kann oder nicht will. Sein Verhalten ist aggressiv, er droht nicht nur, sondern haut auch zu. Das trifft jeden, kleinere, größere – und es ist schlicht nicht in Ordnung. Deshalb gab es im zweiten Schuljahr einen Versuch der Deeskalation: alle sitzen im Stuhlkreis, es soll eine Aussprache sein. Dumm nur, dass er nicht verstanden hat, dass ihm das helfen sollte. Er hat sich vielleicht in die Enge getrieben gefühlt? Und hat angekündigt, ein Mädchen aus der Klasse umzubringen … da er seine Drohungen bislang immer in die Tat umgesetzt hat ist das alles andere als lustig. Was jetzt folgt kann bis zu einem Schulausschluss führen, natürlich geht der Schutz der anderen Kinder vor. Dumm, dass ihm nicht klarzumachen zu sein scheint, dass es sein Verhalten ist, das nicht in Ordnung ist. Und natürlich weiß er als Zweitklässler noch nicht, dass ihn die Konsequenzen direkt betreffen, ihn und sein weiteres Leben.

Blöd auch, dass die anderen Kinder das Verhalten jetzt trotzdem adaptieren und anderen „im Scherz“ mit allem möglichen drohen, das ist schlicht alles andere als lustig.

Schulerinnerungen

Erinnerungen aus Schulzeiten, die sich in mein Gedächtnis eingebrannt haben? Da hat Frau Hilde ein Thema aufgeworfen

In meinem Fall ist meine eindrücklichste Erinnerung alles andere als lustig, dafür besonders und prägend. Es war eine Serie, denn „es“ war 3x. In der 3. Klasse ist ein Schulfreund an Leukämie gestorben. Sebastian war schon vor seiner Krankheit Außenseiter, er war nicht so flink, fiel nicht auf, außer dadurch, dass er wenig gesagt hat. Und vieles nicht konnte. Im Kindergarten und in den ersten beiden Klassen wirkte er wie ein Problemfall, auf Lehrer und Mitschüler. Alle anderen konnten, haben sich schnell weiterentwickelt. Er nicht. Und hat so oft unsicher gelächelt, weil er vieles zwar versucht hat, aber es eben trotzem nicht konnte. Irgendwann konnte er nicht mehr zum Unterricht kommen. Bei der Beerdigung ein Haufen verunsicherter Kinder, Mitschüler, alle mehr oder weniger mit schlechten Gewissen. Denn so der ein oder andere  war definitiv niemals nett zu ihm gewesen. Wie viele haben sich auf seine Kosten gut dastehen lassen. Kinder können grausam sein – aber auch ihr schlechtes Gewissen ist aus tiefster Seele ehrlich.

Kurz darauf ist meine Lehrerin gestorben, ebenfalls an Krebs. Sie war eine Nonne, eine arme Schulschwester, noch keine 40 Jahre alt. Sie hat uns nie gesagt, dass sie todkrank war. Ich erinnere mich heute tatsächlich nicht an ihren Namen, aber an ihre Fleißbildchen (gab es als Anerkennung,wenn man etwas gut gemacht hat), an ihre Geduld, an ihr aufrichtiges, mildes Lächeln. An ihre Nachsicht, wenn jemand ein Wort nicht richtig aussprechen konnte. Oder ihr Schmunzeln, wenn jemand falsche Schlüsse in Heimat- und Sachkunde gezogen hatte. Die Nachricht von ihrem Tod hat mich sehr unerwartet getroffen, meine Erinnerung an die Beerdigung ist grauenvoll: ich war total unpassend gekleidet. Und hatte das Gefühl, dass jeder mich deshalb abschätzend gemustert hat. Schrecklich unangenehm.

Dann bin ich aufs Gymnasium gewechselt, fuhr im Bus in die nicht weit entfernte Kleinstadt. Eines Morgens stand meine Freundin an der Bushaltestelle, eigentlich nahm sie immer einen Bus später. Mit einem gehetzten „Ich muss dir was erzählen“ ließ sie sich auf den Platz neben mir fallen. Am Vortag hatte unsere ehemalige Klasse einen Ausflug unternommen. Auf dem Rückweg waren sie spät dran, deshalb hatte der Busfahrer die Kinder an den einzelnen Haltestellen abgesetzt. Eine Mitschülerin, Monika, war um den Bus herumgelaufen und hatte ein Auto übersehen. Sie kam bei dem Unfall ums Leben … Die Bilder dieser Beerdigung, viel zu viel, Trauer, Menschen, Emotionen, Fragen nach dem Warum – auf einem viel zu kleinen Friedhof.

Es ist tatsächlich so: diese 3 Todesfälle haben meine Schulzeit sehr geprägt. Auch wenn es meinen Eltern bestimmt oft nicht gepasst hat, dass ich mich beim Lernen nicht sooo reingestresst habe und auch mal eine schlechte Note dabei war. Mir hat „es“ bewusst gemacht, dass gute Zensuren nicht das wichtigste im Leben sind. Und dass auch mein Leben nicht unendlich sein wird.