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Sonntagsfreude: München Baby

Gestern, 24 Stunden in der Stadt, passiert mir ja tatsächlich selten. Morgens zum Freudinnenfrühstück, dann ein kleiner Spaziergang über die Isar in die Stadt. Das schöne Wetter für Herbststimmung im Nymphenburger Park genutzt.

Am Abend der Sonne beim Untergehen zugesehen, mit anderen, die es sich auf der Hackerbrücke bequem gemacht haben.

Um dann in bester Gesellschaft mit der Konzertfreundin den Circus Krone zu besuchen. Aus Überzeugung kein Zirkusprogramm. Zauber statt Akrobatik. Wir wollten der wunderbaren stillen Poetin, der Wortkünstlerin wieder begegnen, die uns alle vor ein paar Jahren so abgeholt hat, „Eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.“

Julia wieder „treffen“, ihren Gedichten zu lauschen, war Literaturgenuss pur. Die neuen Texte haben Tiefgang, holen mich gedanklich ab, lassen Bilder entstehen und vermitteln neben all der Nachdenklichkeit immer eine so positive Enstellung zum Leben. Es macht große Freude, mit Julia zu denken. Das Musikprogramm ist nicht meines gewesen – mit Ausnahme des Gangsterraps, der durch die geniale Reihung von Anglizismen von A bis Z so gerockt hat … wie gut, dass Oma und Opa der Künstlerin wie die gesamte Familie als Ratgeber 50prozentiges ok gegeben haben –  habe mich aber mit der sympathischen Künstlerin sehr gefreut, dass so viele Zuhörer mit ihr getanzt haben.

Mein Gänsehautmoment des Abends war übrigens nicht Konfetti, und die Möglichkeit, ein paar Wünsche ans Universum zu schicken, sondern ganz klar Grapefruit.

„…. Komm, wir machen mal das Fenster auf, das Radio laut. Lass frischen Wind herein und alle alten Zweifel heraus. Wenn du fest daran glaubst, dann wirst du glücklich. Und heute gibt es Grapefruit zum Frühstück … Und all die schönen Dinge auf der Welt – das kann kein Zufall sein, Da hat es Mutter Erde mit uns Menschen ganz schön gut gemeint. Zeit vergeht zu schnell, um den Gedankenmonstern zu verfall’n. Und was du von dir hältst, das entscheidest immer du allein. Und Umarmung’n und Blum’n und im Sommer Regenduschen. Guck mal: schwimmen, atmen, lesen, schlafen, Freunde und Momentaufnahm’n, lieben, lachen, kochen, tanzen. Weihnachten – wie nice das ist!Und dann auch noch begreifen, dass du deine eig’ne Heimat bist. Und dann noch sing’n, und wir beide in der Küche. Und noch Coldplay, und vor allem Grapefruit zum Frühstück …“

Passt irgendwie so gut, zum Leben. Zu allem. Bin zwischenzeitlich auf dem Land, freu mich auf einen erholsamen  Sonntagsspaziergang in der menschenleeren Hallertau. Und lasse meine morgendlichen tierischen Begegnungen unterwegs Revue passieren: Greifvögel auf ihrem Jagdstreifzug, V-Gänseformationen auf dem jährlichen Weg in den warmen Süden, mehr als 10 weiße Kraniche bei der Rast auf der grünen Wiese (direkt neben der Autobahn …), Hunde mit ihren menschlichen Versorgern, Katzen – und leider auch ein Fuchs, leblos, wie schlafend, am Fahrbahnrand …

Auf morgen freu ich mich übrigens sehr, denn: es gibt eine klitzekleine Änderung, die mein Arbeitsleben „leichter“ macht. Der Montag ist ab sofort Homeoffcetag, ich spare mir einen Tag Fahrerei, das sind 120 Kilometer weniger pro Woche, 480 pro Monat, macht ca 5.000 weniger pro Jahr. 2 Stunden pro Woche, 8 pro Monat, 96 pro Jahr. Ich freu mich so aufs bewusste Kilometersparen und die geschenkten Stunden …

„Am Sonntag einen Blick auf die vergangene Woche richten: Bild(er), Worte, Gedanken… die ein Lächeln ins Gesicht zaubern, einfach gut tun oder ohne große Erklärung schlicht und einfach eine Sonntagsfreude sind.“ Leider hat Rita das schöne Projekt Sonntagsfreude eingestellt, ich teile meine persönliche weiter mit euch, denn mir geht es um den ursprünglich von Maria ins Leben gerufenen Gedanken – sich liebevoll an die vergangene Woche erinnern, nicht immer gleich zur Tagesordnung übergehen, sondern die kleinen Glücksmomente einfangen, um sich auch später daran zu erinnern.

Tod eines Literaturpapstes

Wenn ein Literaturpapst stirbt: Wird dann ein Nachfolger gewählt? Von wem, wer gehört zum Litertur-Konklave? Vom Alter her ist das alles ja durchaus vergleichbar, also müsste man sich wohl in der Altersklasse 75+ umsehen? Und wenn ein Nachfolger gefunden ist: weht dann auch farbiger Rauch aus einem Schornstein? Aus welchem? Und welche Farbe würde wohl für den Nachfolger gewählt werden?

Eine meiner ersten Erinnerungen an Marcel Reich-Ranicki stammt, wie wohl bei vielen meiner Alsterklasse, aus dem Literarischen Quartett. Unsere liebe Inge, Kursleiterin des Deutsch-LKs (=Leistungskurs) hatte uns als Hausaufgabe mitgegeben, am Abend das Literarische Quartett zu verfolgen, da ein Buch besprochen werden sollte, das wir lesen sollten. Ironischer Weise kann ich mich bis heute nicht erinnern, welches Buch besprochen wurde. Dagegen weiß ich, wie fasziniert und schockiert zugleich ich von diesem kleinen, schon damals alten Mann war. Mit welcher Resolutheit sein Wort über allen anderen stand, wie engstirnig und konsequent er anderen Argumenten gegenüber war. Wie er mit seiner nasalen Stimme auf seinem Wort beharrte, der ganze Körper mitsprach, Hände und Füße seine Worte untermalten. Damit möchte ich übrigens nicht sagen, dass er mit seiner Meinung nicht recht hatte – im Gegenteil: seine Aussagen haben oft sehr genau getroffen. Nur seine Art und Weise, anderen ins Wort zu fallen, ihre Meinung nicht ernst zu nehmen, Aussagen ins Lächerliche zu ziehen. Ich habe das Literarische Quartett viele Jahre begleitet, mich im Lauf der Zeit an die Kontroversen gewöhnt, vor allem die heißen Diskussionen mit Sigrid Löffler – später hat Hellmuth Karasek ihre Rolle übernommen – in denen die beiden nicht nur unterschiedliche Standpunkte hatten, sondern jeder schlicht auf seinem beharrte. Alles mit Humor, aber manchmal doch auch mit einem gewissen Mangel an Diplomatie – für die Zuschauer-Quote?

Wie auch immer, ich erinnere mich zum heutigen Todestag mit einem Augenzwinkern und Begeisterung an den Literaturpapst meiner Schul- und Studienzeit und möchte ihn zum Abschied mit seinen treffenden Worten zitieren: „Wir werden über Bücher sprechen, und zwar, wie wir immer sprechen: liebevoll und etwas gemein, gütig und vielleicht ein bisschen bösartig, aber auf jeden Fall sehr klar und deutlich. Denn die Deutlichkeit ist die Höflichkeit der Kritik der Kritiker.“ (Marcel Reich-Ranicki im Literarischen Quartett am 18. März 1993 aus Wikipedia).