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Das mit den großen Wünschen

Was für eine Frage: Was ist wichtig im Leben, was wünschst du dir? Die Antwort hängt ganz von der Lebenssituation ab. Ein aufrüttelndes Video:

Geplant sterben

Bildquelle: Pixabay
Bildquelle: Pixabay

Ich möchte nicht spekulieren, was Brittany Maynard mit ihrem  öffentlichkeitswirksamen Sterben bezweckt. Das weiß nur sie. Auch möchte ich nicht in die Diskussion über Sterbehilfe einsteigen. Ob  Selbstmord oder Folgen einer Erkrankung: der Tod ist unausweichlich. Aber einen Gedanken möchte ich notieren:

Als meine Schwester damals schwerstkrank im Koma lag, wollte unsere Familie, dass sie überlebt. Nur unsere Mutter hat an das, was ihr später bevorstünde, gedacht. An das, was nach der Krankheit gekommen wäre – und gezweifelt, ob ihr Kind, das so voll von Zukunftsplänen und Visionen war, verstümmelt und schwerstbehindert hätte weiterleben wollen. Auch meine Schwester hat irgendwann das Leben losgelassen. Bewusst oder unbewusst entschieden, nicht für die anderen weiterzuleben, die zurückbleiben. Ich glaube, dass auch sie erst bereit war, zu gehen, als der Weg zu schwer geworden ist.

Ich für meinen Teil bewundere den Mut dieser todkranken jungen Frau, die sich in nicht mal einem Jahr seit der Diagnose selbstbestimmt so viele Wünsche erfüllt hat – und jetzt friedlich für immer eingeschlafen ist, umgeben von ihren liebsten Menschen …

Schulerinnerungen

Erinnerungen aus Schulzeiten, die sich in mein Gedächtnis eingebrannt haben? Da hat Frau Hilde ein Thema aufgeworfen

In meinem Fall ist meine eindrücklichste Erinnerung alles andere als lustig, dafür besonders und prägend. Es war eine Serie, denn „es“ war 3x. In der 3. Klasse ist ein Schulfreund an Leukämie gestorben. Sebastian war schon vor seiner Krankheit Außenseiter, er war nicht so flink, fiel nicht auf, außer dadurch, dass er wenig gesagt hat. Und vieles nicht konnte. Im Kindergarten und in den ersten beiden Klassen wirkte er wie ein Problemfall, auf Lehrer und Mitschüler. Alle anderen konnten, haben sich schnell weiterentwickelt. Er nicht. Und hat so oft unsicher gelächelt, weil er vieles zwar versucht hat, aber es eben trotzem nicht konnte. Irgendwann konnte er nicht mehr zum Unterricht kommen. Bei der Beerdigung ein Haufen verunsicherter Kinder, Mitschüler, alle mehr oder weniger mit schlechten Gewissen. Denn so der ein oder andere  war definitiv niemals nett zu ihm gewesen. Wie viele haben sich auf seine Kosten gut dastehen lassen. Kinder können grausam sein – aber auch ihr schlechtes Gewissen ist aus tiefster Seele ehrlich.

Kurz darauf ist meine Lehrerin gestorben, ebenfalls an Krebs. Sie war eine Nonne, eine arme Schulschwester, noch keine 40 Jahre alt. Sie hat uns nie gesagt, dass sie todkrank war. Ich erinnere mich heute tatsächlich nicht an ihren Namen, aber an ihre Fleißbildchen (gab es als Anerkennung,wenn man etwas gut gemacht hat), an ihre Geduld, an ihr aufrichtiges, mildes Lächeln. An ihre Nachsicht, wenn jemand ein Wort nicht richtig aussprechen konnte. Oder ihr Schmunzeln, wenn jemand falsche Schlüsse in Heimat- und Sachkunde gezogen hatte. Die Nachricht von ihrem Tod hat mich sehr unerwartet getroffen, meine Erinnerung an die Beerdigung ist grauenvoll: ich war total unpassend gekleidet. Und hatte das Gefühl, dass jeder mich deshalb abschätzend gemustert hat. Schrecklich unangenehm.

Dann bin ich aufs Gymnasium gewechselt, fuhr im Bus in die nicht weit entfernte Kleinstadt. Eines Morgens stand meine Freundin an der Bushaltestelle, eigentlich nahm sie immer einen Bus später. Mit einem gehetzten „Ich muss dir was erzählen“ ließ sie sich auf den Platz neben mir fallen. Am Vortag hatte unsere ehemalige Klasse einen Ausflug unternommen. Auf dem Rückweg waren sie spät dran, deshalb hatte der Busfahrer die Kinder an den einzelnen Haltestellen abgesetzt. Eine Mitschülerin, Monika, war um den Bus herumgelaufen und hatte ein Auto übersehen. Sie kam bei dem Unfall ums Leben … Die Bilder dieser Beerdigung, viel zu viel, Trauer, Menschen, Emotionen, Fragen nach dem Warum – auf einem viel zu kleinen Friedhof.

Es ist tatsächlich so: diese 3 Todesfälle haben meine Schulzeit sehr geprägt. Auch wenn es meinen Eltern bestimmt oft nicht gepasst hat, dass ich mich beim Lernen nicht sooo reingestresst habe und auch mal eine schlechte Note dabei war. Mir hat „es“ bewusst gemacht, dass gute Zensuren nicht das wichtigste im Leben sind. Und dass auch mein Leben nicht unendlich sein wird.

Spruch zum Wochenende: Erlösung

Eine meiner alten Chorfreundinnen ist gestern gestorben. In diesem Fall bezieht sich alt nicht nur auf eine langjährige Beziehung, sondern auch auf ihr Alter, sie ist fast 81 Jahre alt geworden. Allerdings war ihr kein schönes Altern geschenkt, sie war schwer krank, ist von ihrer Depression am Leben und vor allem am Glücklichsein gehindert worden. Ich widme meinem lieben Marerl meinen Spruch zum Wochenende:

„Einschlafen dürfen, wenn man müde ist und eine Last fallen lassen dürfen, die man sehr lange getragen hat, das ist eine köstliche, eine wunderbare Sache.“ (Hermann Hesse)

Ich bin traurig, aber gleichzeitig froh, denn der Tod war eine Erlösung für sie.

Es hört sich komisch an, aber ich habe mit dieser Mitteilung lange gerechnet, sie einige Jahre gefürchtet, in den letzten Jahren immer wieder fest damit gerechnet. War oft verwundert, dass sie weitergelebt hat, obwohl sie alles getan hat, um nicht mehr zu Leben …? Bei unserem Kennenlernen war ich ein Teenager, neu im Chor, wir Jungen wurden von den älteren Semestern gerne an den Rand gedrängt. Sie wollten uns nicht, und das haben sie uns deutlich zu verstehen gegeben. Nicht so das Marerl. Was hab ich dieses kleine Powerbündl von Frau mit den Jahren lieben und bewundern gelernt. Eine kleine Frau, damals schon im reifen Alter. Zumindest hat sie sich gern so bezeichnet. Lebenslustig und warmherzig von oben bis unten, immer lächelnd, immer freundlich, immer offen für uns Junge. Immer mit einem offenen Ohr, aber auch mit offenen Worten gegen die anderen Chormitglieder. Sie hat sich nie gescheut, für uns, speziell für mich Partei zu ergreifen. Und war dabei ehrlich, aber liebevoll. Sie hat sich nie im Ton vergriffen, sondern hat ihre Sichtweise neutral beigetragen. Ich habe viel von ihrer diplomatischen Art gelernt.

Freitag für Freitag haben wir uns gesehen, geplaudert, gelacht, erst in späteren Jahren habe ich entdeckt, wie oft es ihr eine Last war, uns allen dieses unbeschwerte Leben vorzuleben. Wie diese andere Seite, das Schwere, sie eingeschränkt hat. Auch mit ihrem Mann habe ich eine freundschaftliche Beziehung führen dürfen, ein Sonderling, ein Eigenbrötler. Dem sein zu Hause, der Garten, die Familie genug war. Der nicht gerne unter Menschen war. Wenn ich zu Besuch gekommen bin hat er mich liebevoll in den Arm genommen, sich gerne zu uns gesetzt, einen Tee mit uns getrunken, zugehört und auch gerne erzählt. Meistens ist er nach einer Stunde spätestens wieder verschwunden. Nur einmal ist er lange sitzengeblieben und hat aus seinem Leben berichtet, hat mir von seiner Zeit in der Kriegsgefangenschaft erzählt. Neutral, ohne Schmerz. Aber doch ganz deutlich, wie sehr ihn diese Phase seines Lebens bis heute begleitet, wie oft er nachts aus Alpträumen erwacht. Schweißgebadet und erschöpft!

Die beiden haben sich sehr geliebt, doch das Leben hat es ihnen nicht leicht gemacht. Beide haben sich Kinder gewünscht und es lange erfolglos probiert. Erst spät haben sie einen Sohn bekommen, auf dem nun alle Erwartungen lagen. Wie schwer es für sie gewesen sein muss, zu erkennen, dass er immer erwachsener wurde, sie irgendwann nicht mehr gebraucht wurden? Sie als Mutter und Hausfrau muss sich überflüssig gefühlt haben, nutzlos …

Meine Eltern erinnern sich, wie das Marerl lachend, strahlend und wirbelnd der Star jeder Veranstaltung war. Vor allem auf den Faschingsbällen war sie eine Stimmungskanone, auf Theaterbühnen hat sie jeden an die Wand gespielt. Dabei musste sie sich diese Aktivitäten erstreiten, wollte ihr Mann doch am liebsten, dass sie mit ihm zu Hause bleiben sollte. Nur sie beide. Ganz für sich. Immer wieder hat sie mir von ihren häuslichen Kriegen berichtet, von den Phasen, in denen sie sich durchgesetzt hat, in denen er unglücklich war. Und von den Phasen, in denen sie ihm zuliebe verzichtet hat und ihn zufrieden gemacht hat, um selbst unglücklich zu sein.
Vor einigen Jahren ist er gestorben, alle haben erwartet, dass das Marerl aufleben würde. Dass sie ihre Wünsche und Träume lebt, reist, unter Menschen geht … Doch stattdessen hat die Depression sie schon damals von uns allen weggeholt, hat sie gar nicht mehr zu sich kommen lassen, sie am Leben gehindert.

Sie ist gestern erlöst worden. Sie war ein tiefgläubiger Mensch, hat von ihrem Glauben immer gern als dem reinen, tiefen und unverfälschten Glauben eines Kindes gesprochen. Deshalb bin ich heute sicher, dass sie gestern von ihrem Schutzengel abgeholt wurde und schon heute vom Paradies auf uns alle herunterblickt. Mit ihrem so liebevollen und unvergesslichen Lächeln.