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Erinnerungstag

Es gibt einen Brauch in der süddeutschen katholischen Kirche, das sind die sogenannten Jahrämter. Heute ist der Todestag meiner lieben Freundin Silke – und ich könnte mir vorstellen, dass ihre Familie heute gemeinsam zur Kirche geht, um sich an sie zu erinnern. Ihr Name wird im Ablauf der Messe genannt, anschließend versammelt man sich ums Grab, auf dem hoffentlich viele Blumen blühen. Vielleicht zünden sie gemeinsam eine Kerze an … Und reden im Anschluss über sie, erinnern sich, an gemeinsame Tage, an Glück, vielleicht auch an weniger schöne Dinge. Halten ihr Bild damit aufrecht. Und erzählen ihren beiden Kindern, wie sie gewesen ist, wie sie gelacht hat, wovon sie erzählt hat. Was auch immer.

Ich wüsste gerne, wie es den beiden heute geht. Wie die zwei aussehen, worüber sie nachdenken, was sie beschäftigt, womit sie die Tage füllen. Ob sie ein Stück weit ein Erbteil ihrer Mama in sich tragen. Ob sie wohl wie sie aussehen? Als kleine Kinder waren sie eine Mischung aus Mutter und Vater. Wir haben den Kontakt zueinander verloren. Das Bindeglied fehlt, sie war diejenige, die uns alle an ihrem Leben, also auch an ihrem Familienleben, teilhaben ließ. Das haben wir durch ihren Tod verloren. Das ist normal, aber es gibt viele Tage, an denen ich ganz liebevoll auch an ihre Lieben denke. An ihren Mann, an ihre Eltern, ihre Geschwister, ihre Freunde – und vor allem auch an die beiden Kleinen. So, wie ich sie in Erinnerung habe.

Ich erinnere mich gerne an Silke, wir beide haben 2 Jahre Tisch an Tisch gearbeitet, im Job viel Freud und Leid geteilt. Dann habe ich gekündigt, sie wurde schwanger. Wir haben den Kontakt aufrechterhalten, wurden sogar ein witziges Vierer-Gespann. 4 Mädels aus unterschiedlichen Richtungen, die eine Agentur zusammengebracht hat. Und die sich mochten, viele, viele wunderschöne Stunden miteinander verbracht hat. An was ich mich am liebsten erinnere: die Art, wie Silke mit Händen und Füßen gesprochen hat. Auch an dem Tag, an dem sie mir – damals schwanger mit Kind zwei – mit einem Mut machenden Lächeln berichtet hat: „ich habe Leukämie.“

Beruhigt hat mich damals die Tatsache, dass sie wie gewohnt tatkräftig und analysierend alles erläutert hat: eine Chemo käme wegen der Schwangerschaft erst später in Frage. Aber sie sei zuversichtlich. Später hat mich ihr Mut und ihre Zuversicht beruhigt, auch als sie sich gegen eine Chemo und für TCM entschieden hat, für einen alternativen Heilungsweg. Selbst, als sie uns ihren Aufenthalt im Auszeithaus per E-Mail erklärt hat, ihren Zustand sehr drastisch, aber mit einem klaren Statement zum Leben formuliert hat, war ich zuversichtlich. Mein letztes Telefonat mit ihr hat mich positiv, aber nachdenklich zurückgelassen. Sie hat mir versichert, leben zu wollen. Aber mein Unterbewusstsein hat wohl mehr gehört.

Als die Nachricht von ihrem Tod kam war ich traurig. Akzeptiere es aber bis heute als ihren eigenen Entschluss. So hat es mir auch ihr Mann damals geschildert. Sie hat alles geplant, sie wusste was passiert. Und sie ist bewusst gegangen.

Wir sind heute ein 3er-Gespann, seit kurzem wieder alle in München lebend. Heute Abend werden wir gemeinsam verbringen. Sicher mit vielen Erinnerungen. Vor allem aber immer mit Lachen. Das gehört dazu, das ist, was sie uns neben vielen vielen anderen Dingen zurückgelassen hat. Und manchmal höre ich ihre Stimmlage da auch heute noch ganz deutlich heraus.