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Co-Sänger

Samstag in irgendeiner Kirche in Bayern: pünktlich um halb 10 stehe ich auf der Empore, um einen mir nicht bekannten Organisten und Sänger kennenzulernen und mit den beiden für die unmittelbar bevorstehende Hochzeit zu proben. Die Braut kommt aus der Gegend, der Bräutigam stammt aus Irland. Mein Co-Sänger ist bester Freund des Bräutigams und laut Aussagen des Brautpaares singt er „ganz toll“. Die Noten hat er bekommen und zugesichert, pünktlich zum gemeinsamen Proben zu erscheinen. Organist und Sängerin fangen aus Ermangelung des Co-Sängers schon mal an zu Proben. Läuft gut, die Stücke sind nicht zu schwierig, passen gut zur Orgel, die Akkustik ist toll. Der Co-Sänger erscheint, er ist schwer zu verstehen, was nicht nur seinem irischen Akzent geschuldet ist. Leider hat er keine eigenen Noten dabei, er dünstet noch etwas den reichlichen Bierkonsum des Vorabends aus …

Gut, das kann Frau verkraften. Schwieriger ist die Tatsache, dass er die beiden Stücke nicht KANN. Ich singe ihm Passagen vor, mehr und mehr stellt sich heraus, dass er keine Noten lesen kann. Und dass es ihm auch sowohl an Stimme als auch an, nennen wir es mal melodischem Grundverständnis fehlt. Hm, ok, der Organist und ich kommen nach knapp eineinhalb Stunden ohne wesentliche Verbesserung überein, dass er nur bei einem Stück mitsingen soll – und ich ihn auch dabei bei seinem Part unterstütze.

In der Kirche wars ziemlich kalt, das Brautpaar kam verspätet, alles war etwas unkonventionell. Und vor allem mit vielen ungeplanten Unterbrechungen. Mein Co-Sänger wurde vor dem gemeinsamen Stück immer nervöser, zum Glück war ich recht ruhig. Das Stück ist nicht arg lang, ich kann auch im Nachhinein nur sagen: zum Glück. Dann war der Traugottesdienst vorbei, wir machten uns zu dritt auf den Weg nach unten, vorbei an einem ganzen Chor, der die anschließende Taufe musikalisch umrahmen sollte – und alle sehr ungehalten waren, ob der zeitlichen Verzögerung, die ja immerhin ihre Probenzeit auf Null verkürzte.

Unten angekommen die Gratulation ans Brautpaar: ein überglücklicher Bräutigam, der seinen Freund in die Arme schloss, mit Tränen der Rührung. Eine Braut, die sich aufrichtig bei mir bedankte und mir dann quasi unbemerkt zuflüsterte, dass sie wirklich nicht wusste, wie seine Sangeskunst sei, dass ihr aber jetzt klar sei, dass ihr Mann einfach keine Ahnung von Musik habe 🙂

Spruch zum Wochenende: Himmel Landshut

„Himmel Landshut – tausend Landshut. Hallooooo!“ Mit diesem mittelalterlichen Spruch verabschiede ich mich ins Wochenende – er wird mich und die Stadt Landshut in Niederbayern mitsamt ihren Bewohnern und Besuchern für die nächsten 4 Wochenenden begleiten. Die Einheimischen nennen die jetzt beginnende, alle 4 Jahre anstehende Zeit liebevoll LaHo. Wer sehen möchte, wie witzig mittelalterliches Treiben in Gewändern der Neuzeit aussieht, der klickt am besten mal hier rein. Ab sofort darf aber keiner der Mitwirkenden mehr neuzeitlich sein, also alles an Kleidung authentisch, keine Brillen, kein Schmuck, vor allem keine mobilen Endgeräte … Es ist ein Eintauchen in eine andere Welt. Das Schöne an Landshut ist, dass die Mitwirkenden dieses Fest feiern und zelebrieren, voll Stolz, mit sehr viel Liebe zum Detail – und auch wenns Wetter nicht passt (die dürfen nämlich auch nur bei sintflutartigen Regenfällen einen Plastikschutz über die Kostüme ziehen. Deshalb: meine Daumen für gutes Wetter sind gedrückt. Ganz uneigennützig, denn ich würde gerne wunderschöne Bilder vor weißblauem Himmel machen.

PS: noch ein Lesetipp einer einheimischen Bloggerin, über den ich eben gestolpert bin, eine sehr eigenwillige Erklärung, ich finds lesenswert!