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Das mit dem Senf


Weil ich etwas mehr Bärlauch hatte und auch mal gern was Neues ausprobiere hab ich in diesem Jahr erstmals Bärlauchsenf gemacht. Grob hab ich mich dabei an dieses Rezept gehalten, bei den Mengen aber nach Geschmack variiert:

  • 100 g Senfkörner mit je etwa 
  • 100 g Wasser und Essig in einem Topf aufkochen lassen, dann nach und nach mit 
  • zwei Handvoll Bärlauch (einfacher geht es, wenn man den Bärlauch vorher mit etwas Öl bereits als Paste verarbeitet hat), 
  • etwa 2 TL Kräutersalz und 
  • 100 g Honig gut pürieren. 

Abschmecken, in kleine Gläser umfüllen, den Rand oben mit einem Schuss Öl abschließen bzw. haltbar machen und im Kühlschrank aufbewahren.

Klappt laut Auskunft meines Vaters mit fast jedem Kraut, er könnte allerdings natürlich auf jegliche grüne Zutat verzichten. Und ein bisschen Familiengeschichte: das ist indirekt ein Rezept meiner Oma, die bis in die 80er Jahre selber Senfpflanzen gezogen und deren Körner geerntet hat, um ganzjährig frischen Senf zu produzieren. Was man nicht alles erfährt, wenn man Fragen stellt.

Das mit der Freude

Wenn man ein kleines bisschen live (sogar in Form eines Tickers) dabei sein darf, wenn die liebe Kollegin zum zweiten Mal Oma wird, obwohl sie noch so gar nichts von einer Großmama an sich hat. Wenn dann alle wie Honigkuchenpferde um die glückselige Großmutter stehen, die beim ersten Anblick des neuen Enkelchens per Handy-Bild so herzlich lachen muss, vor lauter Glück. Dann ist ein wirklich besonderer Tag, denn ein wunderbarer kleiner neuer Erdenbürger darf sich  – hoffentlich gesund und mit offenen Augen – seine ganz eigene Welt erobern. Und darüber darf man sich einfach mal von Herzen mitfreuen.

[KG-Challenge #10] Historical – Verreisen

train-19640_1280Seufzend legt sie das ordentlich gefaltete Nachthemd auf den Wäschestapel, hakt auch diesen letzten Punkt auf ihrer langen Liste ab. Eine ganze Seite, in Marias feinster Schreibschrift aufgeschrieben steht da, von Strümpfen und Unterwäsche, Arbeitsschürzen, Kopftüchern, Handschuhen und Mützen, von Röcken, Blusen, Westen, Kleidern. Alles hat sie frisch gewaschen, gestärkt, den großen Holzofen in der Küche geschürt, damit sie die sauberen Sachen auch ordentlich plätten konnte. Jetzt liegen die Stöße bereit, in die Tasche und den Koffer gepackt zu werden.

Still lässt sie den Blick durch den Raum schweifen. Ihr Zimmer, ihr eigenes Zimmer. Sogar ein Fenster hat die Kammer, mit Blick in den Hof hinunter. Wie oft haben sie hier als Kinder gesessen und verstohlen beobachtet, was sich vor dem Haus abspielte. Wenn Besucher kamen, den Mägden und Knechten bei der Arbeit zugesehen. Ihr kleines Reich, in das sie sich so oft zurückgezogen hat, auch wenn sie traurig war. Hier liegen seit frühester Kindheit die Schätze versteckt, die sie gefunden hat. Ein gepresstes Veilchen von der Großmutter, der glitzernde Stein und die Flaschenpost aus dem Bach, das wertvolle Kreuz, das sie von der Firmpatin aus Altötting bekommen hat. Ihr Zimmer, das sie sich, seit die älteste Schwester den Hof verlassen hat, nur noch mit den zwei anderen Schwestern teilt.

Wie es wohl sein wird, da, wo sie jetzt hingehen wird. Wie wohl die Menschen da sein werden? Etwas flau ist ihr, im Magen, beim Gedanken, so weit weg von daheim sein zu müssen. Aber sie will lernen, den Vater und die Geschwister stolz machen. Und sie wird ja Briefe schreiben, da wird das Heimweh schon nicht so schlimm sein. Sehnen wird sie sich, nach den anderen. Nach dem Bauernhof, der Arbeit, der täglichen Routine. Da, wo sie hingeht, wird alles ganz anders sein, als hier. Keine gewohnten Abläufe. Keine jahreszeitliche Arbeit auf den Feldern und Äckern. Kein morgens schon vor der Sonne aufstehen, die Tiere verrichten, den Stall sauber machen, Kühe melken, Eier abtragen, dann sitzen sie alle immer zusammen bei der Frühsuppe. Der Vater, die Geschwister, die Mägde und Knechte. Sie seufzt.

Was ihr schon mal nicht fehlen wird? Die immer harte Arbeit im Hopfen. Nicht mal im tiefsten Winter gibt der Ruhe. Oft müssen sie schon im Januar bei eiskalten Temperaturen nach draußen, um Draht aufzuhängen. Dann geht es im Frühjahr ans Ausputzen. Sie muss lächeln, denn dieses Jahr hat die Sonne ihre empfindliche Haut arg aufgebrannt, obwohl sie und die Schwestern immer mehrere Hemden und Kopftücher tragen. Im Frühling ist die Sonne so schön warm, da will man auch mal ein paar Strahlen mit dem Gesicht einfangen. Aber beim letzten Mal, nein, das war zu viel. Tagelang war ihr Gesicht feuerrot. Nein, das wird ihr nicht fehlen. Im Sommer allerdings, wenn es so schön grün ist im Hopfenfeld und so gut riecht. Und da ist es dann auch angenehm schattig … Hm, im September die Ernte, nein, die wird ihr gar nicht fehlen. Von früh bis spät ist das schwere Arbeit, die paar Stunden Schlaf dazwischen? Viel zu kurz.

Sie seufzt erneut. Weil irgendwie wird einfach alles anders sein. Neu. Und so weit weg. Aber sie hat einen Koffer für all die schönen neuen Kleider bekommen. Liebevoll streicht sie über den eleganten Stoff. Und über die schöne, weiche Strickjacke. Das feine Sonntagskleid. Besonders gut gefällt ihr das neue Nachthemd. Weiß, mit feinen Streifen in hell- und dunkelblau. Ihre Lieblingsfarben. Die Farben passen so gut zu ihren Augen, hat einer mal gesagt … Sie seufzt nochmal. Dann packt sie die Tasche fertig, klappt den Kofferdeckel zu, schnürt die Schuhe, zieht den guten Mantel an. Und macht sich auf den Weg nach unten, um „Pfiad Gott“ zu sagen.

Im Hof wartet der Wagen, der große Bruder hat die beiden Haflinger angeschirrt, alle haben sie die Pferde ordentlich herausgeputzt, am Geschirr hängt sogar ein Hopfensträußchen. Daneben stehen die Brüder, die Schwestern, die Mägde und Knechte, alle laufen noch ein Stück mit und winken ihr mit einem lachenden und einem weinenden Auge zu. „Bis bald!“, „Komm gsund wieder!“, „Behüt dich Gott!“ rufen sie ihr zu. Sie verkneift sich einen Schluchzer, lacht und winkt zurück. Die Strecke bis zum Bahnhof bringt sie der Vater. Ach, wär das schön, eines der modernen Automobile zu haben. Im Dorf, da gibts welche. Aber der Vater will kein Automobil kaufen, er braucht doch Maschinen, und das kostet alles sehr viel Geld. Nur so nobel zum Zug gebracht werden, das hätte sie schon schön gefunden. Wie eine Dame. Aber so geht es auch. Und weit ist es ja nicht gerade. Am kleinen Landbahnhof gibt sie dem Vater die Hand zum Abschied und schaut ihm nach, wie er nach Hause fährt. Die Wartezeit vertreibt sie sich verlegen, indem sie scheu die anderen Wartenden beobachtet. Irgendwann genießt sie aber verträumt die Herbstsonne, die vom strahlendblauen Himmel leuchtet. Warm ist es. Dann kommt das Bockerl, eine schnaufende Dampflok zieht mindestens 4 Waggons. Sie steigt ein, sucht sich einen Sitzplatz, stellt Tasche und Koffer neben sich ab und setzt sich. „Sei brav, sei bescheiden, sei sittsam, sei leise, sei gehorsam!“ hallt die Stimme des Vaters durch ihren Kopf. Dabei möchte sie zu gern ihre Mitreisenden beobachten. Wie gern hätte sie sich unterhalten, aber das schickt sich nun mal nicht für ein junges Mädchen, das allein auf Reisen ist.

Eigentlich sollte ja auch die Tante sie begleiten, nur hat sie sich bei der Feldarbeit den Fuß gebrochen. Beim Gedanken daran kommt ihr doch ein verschmitztes Lächeln aus, alle kümmern sich liebevoll um das arme Hinkebein. Zum Glück war es ein unkomplizierter Bruch, der wahrscheinlich wieder gut verheilen wird. Dann wollte ihr der Vater doch glatt die Magd Bertha als Reisebegleitung oder besser Anstandsdame aufhalsen. Ha, das hätte was werden können. „Dumme Bertha“ nennen die Schwestern und sie die dicke Frau nicht ohne Grund. Die verläuft sich ja schon auf dem heimischen Bauernhof, wie wollte die denn die Orientierung auf einem Weg von mehr als 50 Kilometern behalten? Sie grinst, hält aber erschrocken inne, als sie ihr Spiegelbild im Fenster entdeckt. Nein, sie will dem Vater keinen Kummer machen, blickt jetzt ernst und stur aus dem Fenster. Auf die Aufforderung „Ihren Fahrschein, Fräulein“ reagiert sie deshalb irritiert erst, als der Schaffner sich vor ihr aufbaut und ihr laut ins Ohr schreit.

Beim Umsteigen in der kleinen Stadt findet sie nicht gleich das richtige Gleis, muss einen Mann fragen, der sie zunächst abschätzend mustert, dann aber doch hilft. Denn hier hat sie nur eine Viertelstunde Zeit. Geschafft, sie sitzt im Schnellzug, schon ertönt der Pfiff und die Dampflok nimmt schnell Tempo auf. Draußen fliegt das flache Land nur so vorbei, ganz anders als das heimische Hügelland ist es hier. Angekommen in der großen Landeshauptstadt weiß sie zum Glück, wo die kleine Bahn in den Westen abfährt. Hier war sie schon einmal mit Onkel und Tante. Sie nimmt in einem großen Abteil Platz, packt ihre Brotzeit aus – und muss lächeln. Da hat ihr die ältere Schwester doch wirklich ein Ei dazugelegt. Wie sie sich freut, über diese kleine Überraschung. Das Butterbrot schmeckt ihr mit Ei einfach am besten. Und was ist das? Da hat die andere Schwester ihr doch wirklich ein paar frische Beeren gesammelt. Hm, sie schließt genussvoll die Augen und freut sich an der Süße. Sie schaut sich um, kaum ein Platz ist mehr frei. Jetzt sind es nur noch ein paar Stunden über die Dörfer. Es ist längst später Nachmittag geworden. Hoffentlich kommt sie rechtzeitig, denn die Schulpforte schließt abends, was soll sie machen, wenn sie vor verschlossener Tür steht? Ohweh. Eine Dame im altmodischen Kostüm, wie sie es schon bei einer der Mägde gesehen hat, die sich für das Oktoberfest herausgeputzt hatte, setzt sich neben sie, fragt freundlich, wohin sie unterwegs ist. „In die Haushaltungsschule nach Markt Indersdorf fahr ich.“ „Ach, wie schön, dann bist du wohl unsere neue Schülerin? Ich bin eine deiner Lehrerinnen. Mein Name ist Fräulein Müller. Dann freu ich mich über deine nette Gesellschaft.“

Und tatsächlich vergeht die Zugfahrt jetzt wie im Flug. Die Lehrerin macht sie auf besonders schöne Kirchen aufmerksam, nennt die Namen der Dörfer und erzählt allerlei über die Gegend, durch die sie reisen. Und irgendwann stellt sie ihr Fragen, über die Familie, den Bauernhof, die Dörfer und will alles über ihre Heimat, die Hallertau, wissen. Wie gut, dass sie sich begegnet sind, denn sogar die halbe Stunde Fußmarsch ist jetzt kurzweilig, da sich die Maria und das Fräulein Müller so viel erzählen haben. Und am Schulgelände angekommen weiß sie schon viel über den Tagesablauf, den Speisesaal, die Aufgaben. Und ein paar kleine Geschichten über ihre Mitschülerinnen in der neuen Schule hat sie auch schon gehört.

An der Pforte angekommen verabschiedet sich Fräulein Müller von ihr, aber nicht für lange, denn schon beim Abendbrot werden sie sich wiedersehen. Eine freundliche Schwester versorgt Maria mit Büchern und Bettwäsche. Sie bekommt 2 Handtücher, 2 Schürzen und 2 schöne blaue Schreibhefte. „Da trägst du deinen Namen und das heutige Datum ein. Und ab sofort schreibst du jeden Tag auf eine Seite, alles, was du gelernt und getan hast.“ Die Nonne bringt Maria in den Schlafsaal und zeigt ihr Schrank, Bett und den Waschraum. „Du hast Zeit, auszupacken und dich zu waschen, komm in einer halben Stunde in den Speisesaal. Die Glocke läutet für alle.“ Sie schaut sich um, packt den Koffer aus, räumt ihre Wäsche ordentlich in die Kommode, die Kleider, Jacken und den Mantel hängt sie auf die Bügel. In das kleine Nachtkästchen kommt der Rosenkranz, das Gebetbuch. Und die Kette mit dem filigranen Blütenanhänger, das Schmuckstück ist ihr wert und teuer, die verstorbene Mutter hat es getragen. Der Vater hat es ihr mit auf die Reise gegeben. Versonnen blickt sie auf die anderen Betten, irgendwo hört sie ein Lachen. Und jetzt macht sich auf, sie hat Hunger. Und neugierig ist sie auch, auf die Menschen, die ab sofort zu ihrem Leben gehören. Später wird sie eine Brief schreiben, an zu Hause. Sie wird ihnen schreiben, dass sie gut angekommen ist. Und dass sie fleissig und eifrig lernen wird. Und dass sie ihr schreiben sollen, der Vater und die Geschwister, damit sie mitbekommt, was zu Hause passiert.

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Carola vom Schreibkasten hat unter [KG-Challenge #10] zu einer Kurzgeschichte zum Thema „Historische Reise“ aufgerufen. Mein Beitrag ist eine fiktive Geschichte, die allerdings einen wahren Kern enthält, denn tatsächlich hat meine Großmutter vor knapp 85 Jahren ihre Heimat in der Hallertau verlassen, um im „fernen“ Markt Indersdorf die Haushaltungsschule zu besuchen. In blauen Schreibheften hat sie jeden einzelenen Tag in ordentlichen Notizen festgehalten. Und ein paar Briefe sind bis heute erhalten, an den Vater zu Hause, mit Grüßen an Familie und die Nachbarschaft.

100. Geburtstag

Liebe Oma, heute wär dein 100. Geburtstag. Geboren im Jahr 1915, ein Kind im ersten Weltkrieg. Aufgewachsen bist du mit einer Geschwisterschar auf dem elterlichen Anwesen, warst eine Großbauerstochter. Dein Vater, ein stolzer Hopfenbauer mit langem Stammbaum, deine Mutter stammte ebenfalls aus einem großen Hof. Sie ist bei der Geburt des jüngsten Geschwisterchens mit dem ungeborenen Kind verstorben. Ihr seid mutterlos aufgewachsen, dein Vater hat für die Zeit untypisch nicht mehr geheiratet. Er hat euch streng erzogen, alles musste ordentlich sein. Zu viel Herzlichkeit gab es nicht, der Betrieb musste funktionieren. Aufgezogen haben euch die großen Geschwister und Kindsmädge. Da war auch die ungeliebte Bertha dabei – sie scheinst du am wenigsten gemocht zu haben? Du warst ein fleissiges Kind, Klassenbeste in der Dorfschule, noch mit über 80 Jahren hast du uns Gedichte und Liedtexte aufgesagt, die du als Kind auswendig gelernt hast. Und kanntest jedes Märchen nicht nur sinngemäß, sondern wortgetreu …

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Deine Kindheit und Jugend lag in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Nach der Volksschule durftest du nach Markt Indersdorf, hast eine weiterführende Schule besucht, dich aber sehr nach zu Hause gesehnt. Brav Briefe geschrieben, um zu berichten. Nie ein persönliches Wort, immer sehr höflich und korrekt. Es kam der zweite Weltkrieg, zum Glück wart ihr vier Schwestern, ein Bruder wurde ausgemustert, der andere Bruder kam unversehrt zurück. Die älteste Schwester war schon verheiratet, du hast meinen Opa geheiratet, als er aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurückkam. Mit schon über 30. Deine anderen Geschwister blieben unverheiratet, bewirtschafteten gemeinsam den elterlichen Hof. Von deiner Hochzeit 1949 wurde in den Jahren danach oft erzählt, es war die erste große Nachkriegshochzeit im Dorf, ein fröhliches Fest. Mit einer Musikkapelle, einem Kirchzug, du warst wunderhübsch, ein schlichtes, aber elegantes weißes Kleid, ein Kranz zierte deinen Kopf. Neben dir mein stolzer Opa im feinen Zwirn, die beiden Urgroßväter die stattlichen Trauzeugen. Das Fest fand in der Dorfwirtschaft mit einem üppigen Festmahl statt. Ab deinem Hochzeitstag warst du Bäuerin und Hausfrau, wobei es dir die Urgroßeltern laut den Kindheitserinnerungen meiner Mama nicht immer leicht gemacht haben? Du hast nie geklagt.

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Dann kamen die Kinder, meine Mama hast du zu Hause entbunden, und dass es eine sehr schwere Geburt war haben die Frauen im Dorf selbst mir noch als Kind erzählt. Bei meiner Tante haben die Ärzte dich zum Kaiserschnitt ins Krankenhaus gebracht – und dir geraten, keine weiteren Kinder mehr zu bekommen. Hat auch gereicht, schließlich war das Haus immer voll. Meine Urgroßeltern hatten viele Kinder, die wiederum alle Familien hatten. Die immer kommen durften, es war ein offenes Haus, an dem man sich zu den Feiertagen traf, die Enkelkinder verbrachten die Ferienzeiten auf dem Bauernhof … Eine schöne, unbeschwerte Zeit, für dich immer mit viel Arbeit neben den anderen anfallenden Pflichten verbunden. Dazu kam die Pflege der alternden Urgroßeltern, dein Mann, mein Opa, der an Krebs erkrankte. Meine Eltern übernahmen den Hof, wir Kinder kamen. Und damit hattest du eine neue Aufgabe als Oma. Obwohl ich mich natürlich nicht erinnern kann habe ich das Bild von uns beiden im Kopf, ich als Baby im Kinderwagen, du, die du mich trotz eines Regenschauers unter dem Vordach hin und her schiebst, damit ich an der frischen Luft bin. Du hast uns Kindern das Frühstück gemacht, uns rechtzeitig aus dem Haus gescheucht, nach dem Mittagessen darauf geachtet, dass die Hausaufgaben vor dem Spielen gemacht wurden, mit uns Lesen, Schreiben und Rechnen geübt. Hinter uns hergeräumt, uns verwöhnt, warst oft streng, hättest unsere Freunde als „Hoagart“ oft am liebsten wieder aus dem Haus geworfen. Du warst ehrgeizig – und ganz schön stolz auf jedes deiner Enkelkinder. Und selbst im hohen Alter warst du selbstständig, hast deine Aufgaben erfüllt, dich um alles gekümmert. Es ist dir nicht leicht gefallen, Dinge nicht mehr selber zu können. Wie oft haben wir zu hören bekommen „als ob du das wissen würdest“. Bis weit über 80 Jahre warst du auch fit, hast gekocht, gekehrt, gebügelt, Wäsche verrichtet. Die letzten Jahre warst du auf Hilfe angewiesen, das ging schleichend, zum Schluss warst du in deiner eigenen Welt. Hast Gegenwart mit Vergangenheit vertauscht, so kamen wir immer wieder in den Genuss deiner Wut auf die böse Bertha, die so viele Jahrzehnte überdauerte. Was hat die Ärmste nur mit euch Kindern gemacht? Und konnten über deine Parallelen zwischen Lebenden und längst verstorbenen Personen schmunzeln (oder uns ärgern).
Du warst Zeit deines Lebens ein gläubiger Mensch, hast keinen Gottesdienst ausgelassen, das Rote Kreuz und andere Hilfsorganisationen durch Spenden unterstützt. Der Glaube hat dir durch schwierige Zeiten geholfen, du warst regelmäßig zur Wallfahrt in Altötting. Als Kind muss ich vielleicht sogar öfter dabeigewesen sein, wenn ich Schwarze Madonna höre erscheint sofort das Bild einer Reisegruppe älterer Damen. An einem heißen Sommertag, alle tragen dunkle Kleider, einen Hut, die große Handtasche. Und schwitzen. Ich war schon als Kind sehr geruchsempfindlich, es war eine Qual. Erst am Stand mit den Rosenkränzen vor der Wallfahrtskirche hab ich wieder geatmet (vorher hab ich einfach die Luft angehalten, um an dem Geruch nicht zu ersticken …). Von dir haben wir als Kinder das Beten gelernt, das Abendgebet gemeinsam gebetet, mit dir waren wir in der Kirche, kannten die Abläufe. Du hast uns die Geschichten der Heiligen erzählt. Und du warst stolz auf deinen Namen Maria, jedes Jahr am 12. September kam deine Familie zum Namenstagfeiern zusammen, es gab Kaffee und Kuchen …

Ich wäre gern bei dir gewesen, um deine Hand ganz am Ende zu halten. Wäre nicht der dämlichste Stau dazwischengekommen, den ich in meinem Leben erlebt habe, dann wär ich bei dir gewesen. Wie du so oft bei mir gewesen bist. Ich denk heute ganz besonders an dich und dein Leben, wir haben nur einen kleinen Bruchteil mit dir erleben dürfen. Manchmal hätt ich mir gewünscht, mehr über deine Gedanken und Gefühle zu erfahren, aber das war nicht deine Welt, darüber wolltest du nicht so gerne sprechen. Alles Liebe zum 100. Geburtstag, liebe Oma

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