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Sonnentag

An einem Tag wie heute geht man gern zum Friedhof. Farbenfroh mit warmen Sonnenstrahlen find ich den alljährlichen Besuch der Gräber schön. Auf dem kleinen Buchsbaum am Familiengrab saßen unzählige Marienkäfer im Sonnenbad. Alte Freunde sehen, selten gewordene, deshalb so kostbare Momente. Den Onkel drücken, der kürzlich mehr Glück als Verstand hatte, die schmerzhafte Kraft eines Stahlseils zu spüren bekommen hat. Und schon wieder einen frechen Spruch auf den Lippen hat. Zum Glück! Später durfte ich auf der Fahrt zur besten Freundin in der Spätnachmittagsstimmung die Föhn-Alpenkette, in den Tälern ein paar erste Nebelschleier bewundern. Eben sind wir bei Halbmond unter klarem Sternenhimmel durch die Kleinstadt gebummelt. Viele Veränderungen – und manches bleibt, wie es immer war.

Erinnerungstag

Wir gehen in meiner Familie „gut“ mit unserem Verlust um. Sprechen, tauschen Erinnerungen lebendig aus, sind offen, lachen oft gemeinsam. In der Ecke des Küchentisches steht ein Bild meiner verstorbenen Schwester. Sie ist jung gestorben, aber wir behalten sie in unserer Mitte – ein Stück weit lebendig. Für uns ist das normal, es gehört zu unserem Leben. Für Außenstehende mag es manchmal sonderbar anmuten. Da ich selbst mit gelebter Erinnerung schon immer besser klarkomme, als mit Totschweigen, kann ich auf Irritation in solchen Situationen gut eingehen. Und ich habe bislang niemanden erlebt, der nach Erklärung gar nicht damit umgehen konnte. Im Gegenteil.
Heute ist ihr Geburtstag, 35 Jahre wäre sie geworden. Ich stelle mir nie die Frage, wie sie heute wohl wäre. Tief in mir drin bin ich überzeugt, dass sie sich nicht sehr verändert hätte. Natürlich wäre sie 15 Jahre älter, aber ihr Wesen, ihr so liebevoller Charakter, hätte sich einfach mit ihr und den Jahren weiterentwickelt. Wo und wie sie leben würde, das hätte sich aus ihren Erlebnissen in diesen 15 Jahren ergeben.
Jeder in unserer Familie hat seine eigene Verlustgeschichte, irgendwie haben wir es trotzdem gemeinsam geschafft, ihren Tod zu verarbeiten. Und daraus haben wir familiäre Traditionen gebildet. Zu denen auch der unkomplizierte Umgang mit Erinnerungstagen gehört, also Geburtstag und Todestag.
Insofern hab ich heute morgen eine frühlingshafte Autofahrt durch die Heimat gemacht, um bei ihrer alten Freundin, die mittlerweile einen süßen, kleinen Laden betreibt, ein paar Blümchen zu besorgen. Dieses Jahr passend zum Wetter einen kunterbunten Frühlingsstrauß. Den meine Mama am Nachmittag bei strahlendem Sonnenschein zum Grab gebracht und an der besten Stelle platziert hat. Auf dem Friedhof trifft sie immer jemanden zum Ratschen, sie fühlt sich dort wohl, kümmert sich liebevoll um die Grabgestaltung. Das hilft ihr und meinem Vater.
Wir Geschwister haben andere Wege. Jeder so, wie er es am besten findet. Genau wie sie sich immer einen eigenen Weg gesucht hat. Sie war besonders. Nicht nur für mich. Auch ein Grund, warum wir sie niemals totschweigen werden.

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„Lass dich nicht unterkriegen, sei frech und wild und wunderbar.“
(Astrid Lindgren)

Spruch zum Wochenende: Himmel

Heute vormittag bin ich mit meiner Nichte über den heimischen Friedhof gegangen und habe die für Allerheiligen so wunderschön geschmückten Gräber vor dem novemberlich herbstlichen blau-Weißen Himmel bewundert. Es gibt Ruhestätten, die fast einen Blick in den Himmel offenbaren? Und dabei ist mir einer meiner liebsten Sprüche einer meiner Lieblingsschriftstellerinnen eingefallen, den ich zum Spruch für mein Wochenende mache:

„Wie schön muss es erst im Himmel sein, wenn er von außen schon so schön aussieht?“ (Astrid Lindgren)

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Feiertag

Heute war Feiertag. Ob denen, die sich über den freien 1. November freuen (und motzen, wenn der freie Tag aufs Wochenende fällt) bewusst ist, wohin die Massen an Menschen auf Deutschlands Straßen an diesem Tag unterwegs sind? In meiner Familie wird Allerheiligen ganz katholisch begangen. Wir gehen in die Kirche, anschließend ans Familiengrab, gedenken gemeinsam den verstorbenen Familienmitgliedern. In der Generation meiner Eltern ist es vollkommen selbstverständlich, für die jährliche Fahrt ans Familiengrab auch große Strecken zurückzulegen. Merkt man übrigens auch, wenn man auf die vielen nicht ortsansässigen Autokennzeichen achtet, die über Land fahren.
Als Nebeneffekt treffen sich auf dem Land alte Freunde und Bekannte aus dem Dorf. Das hat manchmal ganz witzige Aspekte, wenn die Freude über das Wiedersehen die uns schon von Kindesbeinen anerzogene Was-Sich-In-Der-Kirche-Gehört-Etikette überwiegt. Und peinlich berührte Köpfe sich vollkommen unschicklich umdrehen, neugierig gaffen. Klar, jeder will sehen und gesehen werden… In meinem Heimatort gibt es ein paar amüsante Rituale, meiner Meinung nach zu meiner persönlichen Belustigung erfunden. Auch wenn die Protagonisten oft gar nicht merken, dass ich sie mitbekomme: zum Beispiel bemühen sich die Ministranten Jahr für Jahr, einen von ihnen mit einer Kerze anzuzünden. Obwohl die Mitwirkenden über die Jahre gewechselt haben und die Kleinen nachgerückt sind, das Spiel belustigt mich und meinen Bruder seit vielen Jahren. Dazu versuchen sich die geistlichen Herrn alljährlich an einer sinnvollen Predigt. Angesichts der Thematik des Sterbens und des Glaubens an die Auferstehung keine einfache Herausforderung. Der Pfarrer im Ruhestand von heute hat versucht, über Sicherheit in Zeiten wachsenden Terrorismus‘ in der Welt zu sprechen. In der Schulsprache hätte man mit einem ungenügend oder einer Themaverfehlung zurück auf seinen Sitzplatz geschickt.
Für mich gehört Allerheiligen seit meiner frühesten Kindheitserinnerung zum kirchlichen Jahr. In mein Elternhaus kam am 1. November eine große Schar Verwandtschaft. Dazu, und das ist denke ich eher ungewöhnlich, die Nachfahren der Flüchtlingsfamilien, die nach dem 2. Weltkrieg bei meinen Urgroßeltern untergebracht waren. Als Kinder haben wir diese zusätzlichen Besucher hoch geschätzt, brachten sie doch immer Schokolade für uns Kinder und alte Geschichten mit. Ihre Mutter bzw. Großmutter wurde in unserem Familiengrab begraben. Da außerdem eine der 3 Schwestern in den Nachbarort geheiratet hat nutzten 2 der Schwestern Allerheiligen für den Grabbesuch und das Wiedersehen mit der Schwester. Das sorgte dafür, dass unser Haus voll war, gutes Essen serviert wurde und der Erzählfluss nie versiegte.
Den Teil mit dem Gräberrundgang fand ich als Kind abwechselnd langweilig oder erschreckend. Ruhig stehen, beten, ernst bleiben, nicht zappeln, keine Fragen stellen, gähn …. In anderen Jahren waren frische Gräber, jemand war gerade erst gestorben. Und irgendwie hatte ich kein gutes Gefühl, quasi direkt neben einem frisch begrabenen Toten zu stehen. Schon erwachsen wäre ich übrigens bei dem ganzen Gedränge beinahe ins frisch ausgehobene Familiengrab gefallen, in dem wenige Tage später meine Oma bestattet wurde. Ich hab laut gelacht und rundum musste der ein oder andere auch herzlich loslachen. Makaber, aber ganz bestimmt lustig.
Vor allem in meinen wilden Teenagertagen habe ich mich mit allen Vieren gegen Allerheiligen gesträubt, rebelliert gegen das katholische Müssen und gemotzt über das Nicht-Darüber-Diskutieren-Bereitsein meines Vaters. Heute mache ich es einfach, gehe zum offiziellen Totengedenktag, stehe in der Kirche, stehe am Grab. Und beobachte in Ruhe. Die Zeit lässt sich gut zum Nachdenken nutzen. Und ich genieße, dass auch heute noch ein Teil der Familie in meinem Elternhaus zusammenkommt. Es wird weniger. Insofern nehme ich die Geschichten mit, solange sie erzählt werden.