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Erzähl-ein-Märchen-Tag

Es war einmal … Warum genau hat die Menschheit wohl begonnen, Märchen zu erzählen? Das „Entertainment“ in den vergangenen Jahrtausenden hatte nicht so viel mit den Freizeitaktivitäten von heute zu tun. Der Tag und das Tagwerk begann, irgendwann wurde es Abend. Und wenn die Menschen nicht zu müde waren, dann haben sie Geschichten erzählt. Einige konnten das besser, sie waren fantasievoller, kreativer, hatten die besseren Stimmen. Wussten, wie sie mit Worten Spannung erzeugen. In verschiedenen Kulturen blieben die Märchen in der Familie bzw. im Haus, in anderen Kulturkreisen hat sich ein Beruf daraus entwickelt, der Märchenerzähler war eine Attraktion auf Jahrmärkten oder bei Hofe. Dann gab es noch die Menschen, die die Geschichten sammelten und sie irgendwann aufschrieben. Zum Glück, so sind uns viele der Erzählungen bis heute überliefert, zum Beispiel die Märchensammlung der Brüder Grimm oder Märchen aus 1001 Nacht …

Der heutige Tag steht weltweit unter dem Motto „Erzähl ein Märchen“. Es geht ums Geschichtenerzählen, um das Vorlesen oder selber erfinden, ums Fabulieren und die Fantasie anregen. Da können Prinzessinnen, Zauberer, Kobolde, Elfen, Ritter, Zwerge, Riesen, Helden oder Hexen vorkommen, es kann eine Liebesgeschichte mit Happy End sein, Menschen werden in Tiere verwandelt – oder eine Welt, in der Tiere sprechen können, Kleider tragen und Berufe haben …

Eine wunderschöne Erzählung ist Peterchens Mondfahrt, von der ich hier eine niedergeschriebene Fassung gefunden habe – schon praktisch, wenn man kein Buch zur Hand hat? Oder

Und vielleicht regt der Erzähl-ein-Märchen-Tag ja den ein oder anderen an, eine Geschichte zu erzählen? Ich freu mich drauf 🙂

Tagebücher – 100 Jahre alt

Wir leben im Jahr 2014 – vor 100 Jahren war die Situation bedrohlich, beängstigend, unsicher, unplanbar.  So unmittelbar stand der 1. Weltkrieg bevor. Der so unglaublich viel verändert hat. Immer wieder erschrecken mich die Bilder der Mobilmachung, die jungen Männer mit blumengeschmückten Gewehren, geradezu umjubelt zogen sie durch die Straßen. Als ob sie mal eben als Team bei einer Sportveranstaltung antreten wollten. Und die Abschiedsworte von so vielen waren: Spätestens Weihnachten sind wir wieder daheim …

Ich habe vergangene Woche zufällig eine  TV-Dokumentation gesehen, die unter der Überschrift „14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs“ über die Vorgeschichte und den Aufbruch, von der Front, aus der Heimat und vom Kriesgende berichtet. Das sind keine Geschichtsbücher, die neutral über politische Geschehnisse und deren Folgen erzählen. Das ist gelebte und erlebte Geschichte. Aus privaten Tagebüchern, von Menschen aus ganz Europa, mit ihrer Sichtweise, ihren Gefühlen, Ängsten, Träumen, Sehnsüchten und Befindlichkeiten … Mir fehlt noch die letzte Folge, das, was ich bislang gesehen habe, macht mich nachdenklich, beschäftigt und bewegt mich – auch wenn es Vergangenheit ist – sehr!

Habe eben eine Seite gefunden mit den Hintergründen – alle 4 Folgen sind noch bis zum 4.6. verfügbar. Vielleicht hat noch jemand Interesse. Sind hier abrufbar. Und es gab schon vor Wochen 6 Beiträge im Radio, mehr kann man hier nachlesen/hören.

Mein Babysittertag

Heute morgen war ich durch wunderbaren Herbstnebel und Sonnenstrahlen unterwegs zu meiner Nichte. Wir haben zum ersten Mal knapp 10 Stunden allein verbracht, mit Ablaufplan, versteht sich. Den haben wir im Eifer des Gefechts zwar nicht mehr gefunden. Aber den Tag dennoch sehr gut, sehr harmonisch, mit sehr schönen innigen Momenten gemeistert. Natürlich hat sie mich um den Finger gewickelt und immer mal wieder ihren Kopf durchgesetzt. Aber: ich auch. Und darauf kann ich mit Recht stolz sein. Und wir haben es immer aufs Klo geschafft, es ging kein einziges Mal was daneben. Wir haben genug gegessen und getrunken, der Mittagsschlaf war problemlos, sie ist nach wenigen Minuten eingeschlafen. Gut, mit Schnuller, aber trotzdem …

Wir haben so viel erlebt, die Schafe gefüttert, Maiskolben gesammelt, den Spielplatz ganz für uns gehabt. Ruhig gespielt, gekichert, uns gekitzelt, mit dem Doktorkoffer alles untersucht. Nach dem Mittagsschlaf wars etwas eng, denn um halb 4 war Kinderturnen. Eine ganze Meute von geschätzt 2- bis 5-Jährigen wuseln, rennen durch die Turnhalle, alle hatten Mamas dabei, die mich als brave Tante sehr nett aufgenommen haben. Ok, wahrscheinlich eher verwechselt, wer uns selten sieht meint immer, meine Schwester und ich würden uns soooo ähnlich sehen. Am Anfang ist Madame oft etwas schüchtern, am Schluss hat sie so aufgedreht, als ob alles nach ihrer Pfeife tanzt. Und die beste Freundin Anna war natürlich auch dabei, das nennt man echte Liebe. Was Anna macht macht meine bezaubernde Nichte auch. Und umgekehrt. War mal wieder der gelebte Spruch: zu zweit geht alles besser.

Und wie mutig die Knirpse sind. Und wie trittsicher. Wie ausbalanciert. Und wie temperamentvoll. Auch wenn hin und wieder ein Tränchen fließt, heulen, und weiter geht’s. Ich war wie immer das größte Kind, hab mit leuchtenden Augen beobachtet, alle angefeuert. Und versucht, unauffällig zu unterstützen, denn „nein, nein, nein, das kann ich allein, niiiiiiiicht festhalten …“ Schisser, ich!
Zum Abschluss eines goldenen Oktobertages waren wir noch an der Pferdekoppel und haben den stolzen Tieren beim Grasen zugesehen. Mit wunderschönen Lichtspielen im Fell.

Und jetzt: bin ich fix und fertig! Babysitten ist ein echt harter Job 🙂

3096 Tage

Gestern abend saß ich mit hunderten von Menschen im Matthäser Kino und habe einen Film gesehen, über die Entführung eines zehnjährigen Mädchens, das sich nach 8 Jahren befreien konnte. Besonders nachdenklich stimmt mich, dass diejenige, deren Geschichte erzählt wird, mit im Kinosaal saß. Viele Gäste haben sich umgedreht, versucht einen Blick auf Natascha Kampusch zu erhaschen, die Frau zu sehen, die das alles erlebt hat. Ich habe auch geschaut, mich dann aber wieder nach vorne gedreht, in der Erwartung in den nächsten 109 Minuten ohnehin viel zu viel zu sehen, viel zu viel mitzufühlen – und trotzdem nicht nachempfinden zu können, was eigentlich geschehen ist.

Sobald der Film lief war eine fast greifbare Stille im Raum, eine seltsame Ergriffenheit. Bei diesem Stoff bleibt niemand unberührt, jeder auf seine eigene Weise, ich vermute, dass jeder Kinobesucher aufgrund seines eigenen Erfahrungshintergrunds andere Schlussfolgerungen zieht, sich mit unterschiedlichen Gedanken und Eindrücken befasst und seine Sicht der Dinge hat. Vielleicht ist das der Grund, warum Regisseurin und Produzent klargestellt haben, dass sie eine Geschichte zum Film gemacht haben, die auf wahren Begebenheiten beruht. Aber eben auch eine Filmgeschichte ist.

Es ist schwierig, ein Urteil abzugeben, denn „gefällt mir“ ist definitiv nicht passend. Ich fand den Film berührend, er stimmt nachdenklich, macht in vielen winzigen Sequenzen aufmerksam, wie wenig der Mensch beobachtet, wie wenig wir darauf vorbereitet sind, Situationen, die eigentlich „ganz normal“ erscheinen, zu hinterfragen. Im Unterschied zu den zahlreichen Kritikern finde ich mutig, sowohl diese sehr eigene Geschichte als Stoff in einen Film fließen zu lassen, daran mitzuarbeiten und hinterher inmitten eines Publikums zu sitzen, das erwartet, danach alle Antworten auf „offene“ Fragen zu bekommen, als auch, Fragen schlicht nicht zu beantworten. Für alle, die auf der Suche nach Antworten sind ist der Film nichts – er erzählt eine Geschichte. Eine erschreckende Geschichte, die bedrückt, beklemmt, ängstigt … Nicht mehr und nicht weniger.

Ich bin dennoch froh, den Abend mit dem Film verbracht zu haben. Er hat mich zum Nachdenken gebracht, mich dankbar gemacht, für die Fenster in meinem Kinder- und Jugendzimmer, die immer offenen Türen nach draußen, die frische Luft, Sonne, Schnee, Garten, Wiesen und Wälder … Ich bin sehr still und noch ein Stück bewusster aus dem Film herausgegangen. (Und war irritiert, dass es Menschen gibt, die beim Abspann sofort anfangen zu plappern – aber das ist wohl eine mögliche Übersprungsreaktion? Egal!) Das Klavier im Abspann habe ich als unwahrscheinlich schön empfunden, traurig und melancholisch, aber gleichzeitig positiv – sehr passend.

Für mich das Motiv des Films: die blaue Decke, die der Entführer seinem Opfer im Wagen überwirft, um sie zu verbergen, taucht am Ende wieder auf, als die Polizei die Befreite vor neugierigen Blicken und Fotografen schützen will. 8 Jahre später, nach 3096 Tagen …

Eine gute Kritik steht heute auf Merkur Online, dieser in der Rheinischen Post online kann ich mich nicht anschließen, aber das sind zwei Meinungen, die zeigen, wie sehr das Thema polarisiert.