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Schreibzeit #4 – Demut

Ich bin in den vergangenen zwei Wochen demütig geworden. Sehr. Räumurlaub, zwei Urlaubswochen zum Ausräumen, Verräumen, Leerräumen. Ein riesengroßes Projekt ist das, was ich mir vorgenommen habe, und um ehrlich zu sein: ich habe nicht mal ein Bruchteil geschafft. Durchaus viel, aber ein Haus ausräumen, in das seit Generationen nur reingeräumt wurde, ist nicht mal mit zwei Wochen Freizeit einfach so zu schaffen. Vor allem, wenn man nicht alles in den Container schmeißt. Sondern sortiert, zusammenbringt, filtert, Ordnung reinbringt. Wegschmeißt, wegstellt. Räume und Renovierungsbedarf finalisiert. Ich bin demütig, denn obwohl ich seit Monaten gedanklich alles durchgegangen bin und es im Schlaf hundert mal bereits gemacht habe: jetzt ist es soweit. Echtzeit. So etwa die Hälfte ist verräumt, der Rest muss umgezogen werden. Und dann geht’s los. Renovieren, seniorengerecht, das Alte, Besondere erhalten und bewahren, modernisieren, wo möglich. Ich habe einen Heidenrespekt vor allem, was bereits geschafft ist. Und was vor uns liegt. Viel Arbeit, aber zum Glück ein Familienprojekt. Ein ziemlich großes, ok. Aber ich bin einmal mehr dankbar, dass ich das nicht allein machen muss.

(Ja, auch wenn es auch mal einfacher wäre, so bei Entscheidungen und so)

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Bines Thema für die aktuelle Schreibzeit: Demut“

Brief an Marie

Endlich wiedergefunden: diesen Zeit-Artikel, in dem ein Papa seiner Tochter einen Brief schreibt – um sich zu erklären, denn mit seiner Rolle fühlt er sich ihr gegenüber sichtlich unwohl. Hat ein schlechtes Gewissen. Eigentlich will er seiner Tochter eine unbeschwerte Kindheit schenken, klappt aber nicht. Weil der Druck auf die Kinder wächst, weil sie auch am Wochenende lernen müssen, statt zu spielen und Kind zu sein, weil es straffe Zeitpläne gibt. Weil man sich als Eltern schnell selbst unter Druck gesetzt fühlt von der Leistungsgesellschaft. Verzwickte Angelegenheit. Gleichzeitig eine Entschuldigung – aber auch keine. Weil eigentlich ist ihm ja klar, dass seine Tochter ihn gar nicht so rundum mit allen seinen Bedenken verstehen kann. Für sie ist ja ihre Welt normal. Alles, was Erwachsene von Kindern fordern: ist eben so. Sie kennt es nicht anders. Noch nicht mal einen Tag sei es ihm gelungen, sie das Kind sein zu lassen, das sie doch eigentlich sei …

Eine Frage, die beim Lesen unterschwellig auftaucht: ist es überhaupt unser Maßstab, also der Maßstab der heutigen Erwachsenen, über das Erleben der Kindheit zu urteilen? Auch wir sind vollkommen anders aufgewachsen, als die Generation vor uns. Und die davor und die vielen, die davor waren. Und ich sage mit Überzeugung, dass meine Kindheit wunderbar und unbeschwert war. Weil ich es so empfunden und gefühlt habe. Das sagen auch meine Eltern, die der Nachkriegsgeneration entstammen. Und da waren Erzählungen der Großeltern, die im ersten Weltkrieg Kinder waren. …

Was werden die heutigen Kinder über ihre Kindheit sagen, wenn sie da ankommen, wo wir heute bereits sind? Der Artikel ist so superklasse, toll geschrieben, fasst den Leistungs-Leidensdruck, der Eltern im wahrsten Sinn des Wortes handlungsunfähig macht, so auf den Punkt zusammen – dass ich ihn einfach nur zum lesen empfehlen kann.