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Familiengeschichten: Filmstoff

Gibt ja so Filme, da zweifelt man als Zuschauer, ob der Stoff nicht schlicht zu unrealistisch ist. Und dann passiert das Leben – und alles wird relativ.

Vor einigen Monaten gabs in der Familie zwei Trennungen – zeitgleich. Eine Cousine, ein Cousin, Geschwister, wieder auf dem Singlemarkt. Klar wurde in der Familie etwas spekuliert. Aber, na ja, man kennt sich. Ist ja auch nicht die erste Trennung in unserem Cousinen-Cousin-Netzwerk. Im Gegenteil. Dann hörte ich aus dem Freundeskreis ein paar Gerüchte. Komisch. Absurd. Mittlerweile bestätigt. Der Mann meiner Cousine lebt seit einigen Wochen glücklich mit der Frau meines Cousins. Bleibt irgendwie alles in der Familie? Oder zumindest bleiben die gewohnten Protagonisten. In neuen Rollen.
Und so auf einen Blick scheinen – bis auf meine Tante, die übrigens auch nur auf die von ihr jetzt nur noch Schlampe genannte Schwiegertochter sauer ist, die den braven und sicherlich auch nicht ganz ohne Einverständns involvierten Schwiegersohn verführt hat – kommen alle mit der Situation bestens klar.

Sollte das jetzt jemand verfilmen wollen: das Ende ist halt eher unspektakulär, irgendwie so Happy End à la Hollywood? 🙂

3096 Tage

Gestern abend saß ich mit hunderten von Menschen im Matthäser Kino und habe einen Film gesehen, über die Entführung eines zehnjährigen Mädchens, das sich nach 8 Jahren befreien konnte. Besonders nachdenklich stimmt mich, dass diejenige, deren Geschichte erzählt wird, mit im Kinosaal saß. Viele Gäste haben sich umgedreht, versucht einen Blick auf Natascha Kampusch zu erhaschen, die Frau zu sehen, die das alles erlebt hat. Ich habe auch geschaut, mich dann aber wieder nach vorne gedreht, in der Erwartung in den nächsten 109 Minuten ohnehin viel zu viel zu sehen, viel zu viel mitzufühlen – und trotzdem nicht nachempfinden zu können, was eigentlich geschehen ist.

Sobald der Film lief war eine fast greifbare Stille im Raum, eine seltsame Ergriffenheit. Bei diesem Stoff bleibt niemand unberührt, jeder auf seine eigene Weise, ich vermute, dass jeder Kinobesucher aufgrund seines eigenen Erfahrungshintergrunds andere Schlussfolgerungen zieht, sich mit unterschiedlichen Gedanken und Eindrücken befasst und seine Sicht der Dinge hat. Vielleicht ist das der Grund, warum Regisseurin und Produzent klargestellt haben, dass sie eine Geschichte zum Film gemacht haben, die auf wahren Begebenheiten beruht. Aber eben auch eine Filmgeschichte ist.

Es ist schwierig, ein Urteil abzugeben, denn „gefällt mir“ ist definitiv nicht passend. Ich fand den Film berührend, er stimmt nachdenklich, macht in vielen winzigen Sequenzen aufmerksam, wie wenig der Mensch beobachtet, wie wenig wir darauf vorbereitet sind, Situationen, die eigentlich „ganz normal“ erscheinen, zu hinterfragen. Im Unterschied zu den zahlreichen Kritikern finde ich mutig, sowohl diese sehr eigene Geschichte als Stoff in einen Film fließen zu lassen, daran mitzuarbeiten und hinterher inmitten eines Publikums zu sitzen, das erwartet, danach alle Antworten auf „offene“ Fragen zu bekommen, als auch, Fragen schlicht nicht zu beantworten. Für alle, die auf der Suche nach Antworten sind ist der Film nichts – er erzählt eine Geschichte. Eine erschreckende Geschichte, die bedrückt, beklemmt, ängstigt … Nicht mehr und nicht weniger.

Ich bin dennoch froh, den Abend mit dem Film verbracht zu haben. Er hat mich zum Nachdenken gebracht, mich dankbar gemacht, für die Fenster in meinem Kinder- und Jugendzimmer, die immer offenen Türen nach draußen, die frische Luft, Sonne, Schnee, Garten, Wiesen und Wälder … Ich bin sehr still und noch ein Stück bewusster aus dem Film herausgegangen. (Und war irritiert, dass es Menschen gibt, die beim Abspann sofort anfangen zu plappern – aber das ist wohl eine mögliche Übersprungsreaktion? Egal!) Das Klavier im Abspann habe ich als unwahrscheinlich schön empfunden, traurig und melancholisch, aber gleichzeitig positiv – sehr passend.

Für mich das Motiv des Films: die blaue Decke, die der Entführer seinem Opfer im Wagen überwirft, um sie zu verbergen, taucht am Ende wieder auf, als die Polizei die Befreite vor neugierigen Blicken und Fotografen schützen will. 8 Jahre später, nach 3096 Tagen …

Eine gute Kritik steht heute auf Merkur Online, dieser in der Rheinischen Post online kann ich mich nicht anschließen, aber das sind zwei Meinungen, die zeigen, wie sehr das Thema polarisiert.