Schlagwort-Archive: erinnerung

Ur-Opa

Diese Woche haben mich zwei Bilder sehr berührt.

Einmal meine kleine Freundin Lena, die dem Ur-Opa bei schönem Frühlingswetter Gesellschaft auf seiner Bank vor dem Haus leistet. Da sitzen zusammen mehr als 100 Jahre auf der Bank, ein kleines, abenteuerlustiges Mädchen, das die Welt erobern wird. Und ein Junge, junger Mann, liebevoller Ehemann, Vater, Opa und mittlerweile Urgroßvater. Was da wohl durch seinen Kopf zieht, welche Erinnerungen er hat, an andere schöne Frühlings Tage seines Lebens? Gerade, wo die kleine Lena optisch viel von ihrer Oma haben soll? Was er ihr erzählt, welche Geheimnisse die beiden teilen? Und dazu kommen ihre Tagträumereien, Ideen, die Vorstellungen vom Leben … Mehr als 100 Jahre geballte Lebenserfahrung. Wie schön!

Im zweiten Bild, das ich beim Maifeiertagsspaziergang zufällig gesehen habe, sitzt ebenfalls ein gut über 90jähriger Ur-Opa auf einem Brunnen. Die ganze Familie ist beschäftigt, jeder hat seine Aufgabe: Urenkel 1 ist Handlanger, Urenkel 2 reinigt den Rasenmäher, Urenkel 3 planscht mit der Gießkanne. Enkel (Vater der 3) holt gerade den Rasenmähertraktor, der Opa pflanzt ein Erdbeerfeld, die Oma und Ur-Oma arbeiten in den Blumenbeeten, der Ur-Opa passt auf, dass Urenkel 3 nicht in den Brunnen fällt und nicht zu nass wird … Und da macht es nix, dass der Ur-Opa nicht mehr so fit ist und selbst nicht mehr zu langen kann. Jeder hat seine Aufgabe, ganz selbstverständlich. Toll, oder?

Verlieren

Manchmal muss man im Leben einen Menschen verlieren, um festzustellen, dass er einem wirklich fehlt …

Manche Menschen verschwinden einfach aus einem Leben. Gerade als Kind schließt man schnell Freundschaften. Eltern kennen sich, Kinder spielen miteinander, man freundet sich an oder ist Spielgefährte. In der Kindergruppe, im Kindergarten, Grundschule – immer begegnen uns neue interessante Menschen. Mit manchen bleibt man verbunden, ich glaube aber, dass es wenige Menschen gibt, die aus dieser Zeit noch viele Freunde in ihrem späteren Leben haben? Ich habe tatsächlich eine Kindergartenfreundin, habe noch Kontakt zu Nachbars“kindern“. Aus Grundschulzeiten habe ich kaum mehr Kontakte, ok, hin und wieder begegne ich alten Schulkameraden, wenn ich bei meinen Eltern bin, einkaufen gehe, unterwegs bin. Aber das ist doch eher selten.

Es ist der Lauf der Zeit, dass man Freunde findet und diese auch wieder verliert. In den meisten Fällen war es in meiner Kindheit aber eher so, dass das Verlieren nicht aktiv war. Oft hab ich mich entfernt, die Freunde sind „weitergezogen“. Das Verlustgefühl hielt sich sehr in Grenzen, denn die nächste Freundschaft hatte quasi schon begonnen.

Als ich in der dritten Klasse war, hab ich einen Klassenameraden verloren, der an Leukämie starb. Er war kein Freund, aber ich mochte ihn. In der fünften Klasse starb eine ehemalige Mitschülerin bei einem Verkehrsunfall. In den Jahren danach ist es häufig vorgekommen, dass ich Menschen verloren habe, Freunde, die weggezogen sind, auch Freunde, die gestorben sind. Mich haben dabei immer die verlorenen Gelegenheiten am meisten beschäftigt, also: schade, dass ich beim letzten Mal nicht nett war. Dass ich mir nicht mehr Zeit genommen habe – denn anders als bei einer Freundschaft, die vergeht, kann man im Todesfall nicht sagen, es gibt noch eine Chance, sich später noch mal anzunähern?

Verlust bedeutet immer, dass ein Stück Erinnerung bleibt, etwas, das man aufbewahrt, als kostbares persönliches Bild ganz tief im Inneren. Manchmal kann man es teilen, aber meist können die, denen man es gerne mitteilen würde, gar nicht erfassen, was man erzählt, denn sie kannten den Menschen nicht – oder anders. Seine eigene Erinnerung teilt man nur mit dem Menschen, den man verloren hat. Auch wenn dadurch der Verlust nicht geringer wird, irgendwann kann man mit Liebe und einem sehr warmen Gefühl an den denken, den man verloren hat. Und hält ihn und seine Eigenart dadurch ein Stück weit lebendig …

Das liest sich jetzt möglicherweise etwas wirr, aber mir hilft es gerade, meine liebevollen Gedanken an meinen alten Freund und Weggefährten einer ganzen Dekade hervorzuholen. Den ich, obwohl wir uns schon vor einigen Jahren voneinander verabschiedet haben, heute verloren habe. Ohne noch mal gemeinsam zu lachen, Gedanken zu teilen, zu reden oder uns ohne Worte zu verstehen. Der seinen Platz in meinem Herzen hat und in meiner Erinnerung lebendig bleibt.

An was man sich erinnert – und woran nicht

Kinder leben im Augenblick – warum soll ich jetzt schon mit Spielen aufhören? Gerade ist es toll! Warum soll ich jetzt schon ins Bett? ich bin noch gar nicht müde? Mir macht es keinen Spaß, mit der da oder dem da zu spielen – ich mach einfach was anderes. Eine herrliche Einstellung, wenn nur wir Erwachsenen nicht wären, die denken, alles regeln zu müssen. OK, manche Regeln sind gar nicht mal so daneben und ein paar davon müssen natürlich sein ….

Dennoch beneide ich euch Kids schon sehr, denn über vernünftig oder unvernünftig sein hab ich mir in meiner Kindheit wenig Gedanken gemacht. Dafür erinnere ich mich an tolle Nachmittage: eine ganze Bande von Kindern, quasi jeder aus dem Dorf, der laufen konnte, bis hin zu den älteren Jungs (die waren damals für mich irre alt, also 5 oder mehr Jahre älter, puh!). Wir haben Räuber und Gendarm gespielt, das ganze Dorf war unsere Spielwiese. Oder Volleyball im alten Schulhaus. Oder Fußball irgendwo auf einer Wiese. Oder ein Baumhaus gebaut (ok, Haus ist übertrieben: Bretter so zu einer Fläche zusammengefügt, dass es uns Fliegengewichte kurzzeitig getragen hat, das triffts besser). Vereinbarte Uhrzeiten zum Nachhausekommen waren immer schnell vergessen. Ich hab oft Ärger mit meiner Oma und meinen Eltern bekommen, vor allem mit der Oma, denn die hatte für solche Vergnügungen keinerlei Verständnis.

Je älter ich werde, desto mehr wünsche ich mir zurück, einfach nur im Hier und Jetzt zu sein. Nicht immer über „was wäre wenn“ zu grübeln, sondern einfach zu tun und zu erleben. Meistens kann ichs, aber nicht immer.

Warum ich darüber nachdenke? Kürzlich habe ich auf dem Fußmarsch zum Oktoberfest jemanden getroffen, eine Frau hatte mich angesprochen und nach dem Weg gefragt. Wir haben uns dann gegenseitig begleitet und kamen ins Plaudern. Ich hätte sie aus der Entfernung auf 50 geschätzt, tatsächlich erzählte sie mir, sie sei 75 Jahre alt, mache täglich Yoga und achte sehr auf ihre Gesundheit. Sie sei auf dem Weg zu einem Rendezvous, habe sich aber in der Nähe der Wiesn verabredet, für den Fall, dass das nix werde können sie schnell rüberwechseln und trotzdem Spaß haben. Ich musste schmunzeln. Dann hab ich etwas gejammert, schließlich war ich schon etwas erkältet, hatte leichte Halsschmerzen und wäre eigentlich gut schlafend im Bett aufgehoben gewesen. Sie schaute mich schmunzelnd von der Seite an und meinte: „Wenn ich nachdenke, ich erinnere mich an keine einzige Nacht, die ich schlafend in meinem Bett verbracht habe. Auch nicht daran, dass ich mich hinterher besser gefühlt hätte? Das Leben ist draußen, hier und jetzt! Man verpasst zu viel schlafend.“

Wie wahr? Ich hatte übrigens einen meiner schönsten Wiesn-Abende in diesem Jahr, die Halsschmerzen waren schnell vergessen, das Licht war irre, die Stimmung toll. Und ich war unterwegs, habe das Leben gespürt und werde mich daran wohl tatsächlich immer mal wieder erinnern. Wie an die lebendigen Tage meiner Kindheit – und sogar über den Krach mit Oma kann ich heute lächeln, das gehört auch dazu.