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Eine Kerze entzünden

2013 hört auch auf den letzten Metern nicht auf, (m)ein Jahr der Abschiede zu werden. Ein sehr lieber Mensch, zwar neu in meinem Leben, aber er hat in der kurzen Zeit bereits eine Spur in mir, in meinen Gedanken und meiner Gangrichtung hinterlassen, ist am Samstag unerwartet, aber friedlich für immer eingeschlafen. Da Weihnachten ja auch eine Zeit ist, in der man sich gerne den alten Traditionen widmet, entzünde ich heute virtuell eine Kerze für ihn. Und hoffe, dass er an seinem neuen Ort Ruhe und Geborgenheit findet. Seiner Familie schicke ich viel Kraft für die kommenden Tage und Wochen.

Kinder entzünden im Salzburger Dom eine Kerze für ein verstorbenes Familienmitglied
Kinder entzünden im Salzburger Dom eine Kerze

Warum es gut tut, immer mal wieder alte Fotoalben zu durchstöbern

Irgendwo habe ich kürzlich gelesen, wie unwahrscheinlich viele Bildaufnahmen (Fotos und Videos) Eltern heute von ihren Kindern machen. Klar, das digitale Zeitalter bietet unendliche Möglichkeiten und Speicherkapazitäten. Muss man wirklich alles festhalten? Im Bild? Auch ich bin manchmal unterwegs und habe permanent die Kamera im Anschlag, um kein Motiv zu verpassen. Darauf gibts keine allgemeingültige Antwort, muss jeder für sich entscheiden. Für mich gilt: es gibt keine schönere Erinnerung, als in alten Fotos und Alben zu stöbern. Habe ich gestern abend gemacht, eigentlich auf der Suche nach Fotos aus den ersten Lebensjahren meines mittlerweile riesengroßen, weil 7jährigen Patenkindes. (Wir machen immer Uns-ganz-doll-Umarmen-Bilder, schon als er noch ganz klein war, die wollte ich mal anschauen und mit den aktuellen „vergleichen“)

Aus der Suche wurde ein Fotoalben-Schauen-Abend, mit vielen Funden, Überraschungen und Erinnerungen. Mensch, was hatten wir in unserer Kindheit für eine wunderbare, farbenfrohe Mode? Diese 70er, Schlaghosenalarm, das Revival haben wir irgendwann in den 90ern freiwillig mitgemacht, mit Sonnenblumen im Haar und Dieter Thomas Kuhns Festivalmotto: „Leidenschaft, Lust und Liebe“. In meinen Fotoalben kleben neben Millionen Landschaftsbildern fein säuberlich Menschen, die eine wichtige Rolle in meinem Leben gespielt haben, alte Freunde, Mitschüler, viele, die ich heute wohl kaum mehr auf der Straße erkennen würde. Die mich aber trotzdem ein Stück des Weges begleitet haben, manche über viele Jahre.

Und da kommt auch eine Selbstreflektion: ich selber fühle mich ja sehr jugendlich, schaue schließlich längst nicht so alt aus, wie es mein Geburtsdatum im Ausweis glauben macht?! Nur: wenn ich dann alte Bilder von mir sehe, dann muss ich mir ehrlich eingestehen: du bist keine 20 mehr. Du hast dich weiterentwickelt, bist älter und reifer geworden. Damals sahst du anders aus. Nicht viel, aber schon sichtbar! Da ist dieses Bild im roten Kleid, das ich lange vergessen habe: da steht ein Mädchen. Heute bin ich nicht mehr ganz so mädchenhaft … Am schönsten sind die Erinnerungen an Momente, in denen man so unendlich Zeit hat, Bilder aufzunehmen plus die Motive: Urlaubstage, am Meer, in den Bergen, an der See, in Städten. Feiern, Geburtstage, außergewöhnliche Wochenenden. Das alles sind heute Impulse, lässt mich überlegen, Pläne schmieden … ach, es tut einfach gut, alte Fotoalben durchzublättern. Und wenn es nur ist, mittendrin einem lieben Menschen ein kurzes Lebenszeichen zu geben: „Weißt du noch? Damals …“

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Noch ein kurzer Exkurs zur andauernden Debatte Eltern-veröffentlichen-Bilder-ihrer-Kinder-im-Netz: Auch die Kinder von heute freuen sich garantiert nicht, wenn sie in 20 Jahren Fotos von ihren nackten Popos in der Community wiederfinden, die bis dahin noch Facebook heißt oder dieses abgelöst hat. Genauso wenig wie wir heute oder die generation vor uns amused war, über Aufnahmen, die uns einfach nur doof aussehen lassen. Bei der Veröffentlichung dieser Aufnahmen auf öffentlich einsehbaren Netzwerken, Communities o.ä. gehts aber nicht darum, dass sie gemacht wurden, sondern um unüberlegtes Handeln der Erziehungsberechtigten. Und damit ist nicht zu spaßen. Stolze Eltern werden im Internet quasi zu Mithelfern. Liebe Eltern: es gibt Möglichkeiten, Bilder, eigene und die eures Nachwuchses zu schützen. Probierts doch mal aus?

Musikalische Erinnerungen

Manchmal sind Momente so sehr mit Musik, mit einem bestimmten Lied, mit einer bestimmten Stimmung, verursacht durch Musik, verknüpft. Je älter wir werden, desto mehr bleiben – zumindest mir – genau diese Erinnerungen und die Musik untrennbar verbunden. Wenn ich also in den nächsten Wochen, Monaten, Jahren diese Musik höre

dann werde ich unweigerlich an einen Abend im Auto zurückdenken: links und rechts jeweils ein Patenkind neben mir. Auf der Fahrt in einen Biergarten, dort genannt Keller, ins schöne Bamberg. Sobald die ersten „Eh, eo, eo – eh, eo, eo – eh, eo, eo – eh, eo, eo“ erklingen „singen“ zwei Kinderstimmen aus voller Brust lautstark mit. Und nicht nur das: die Rückbank vibriert, denn sie tanzen. Alles, was an ihren Körpern nicht angeschnallt ist bewegt sich zur Musik. Das ist ansteckend, ich bin voll dabei, die Köpfe wippen im Takt, die Arme sind in Bewegung, die Beine zucken im Rhythmus. Und auch wenn ich mich sonst beim Mitsingen eher an den Text halte, in der Situation hab ich „mitgemacht“.

Meine Zwei, vielleicht vergesst ihr das irgendwann? Wahrscheinlich. Wie so vieles, was wir gemeinsam erleben? Egal, ich werds in meinem Herzen aufbewahren, als kostbaren Moment – und jedes Mal, wenn ich Bastille / Pompeii höre an diese Fahrt denken, schmunzeln, und bestimmt mal wieder „mitzappeln“ 🙂

Erinnerungstag

Es gibt einen Brauch in der süddeutschen katholischen Kirche, das sind die sogenannten Jahrämter. Heute ist der Todestag meiner lieben Freundin Silke – und ich könnte mir vorstellen, dass ihre Familie heute gemeinsam zur Kirche geht, um sich an sie zu erinnern. Ihr Name wird im Ablauf der Messe genannt, anschließend versammelt man sich ums Grab, auf dem hoffentlich viele Blumen blühen. Vielleicht zünden sie gemeinsam eine Kerze an … Und reden im Anschluss über sie, erinnern sich, an gemeinsame Tage, an Glück, vielleicht auch an weniger schöne Dinge. Halten ihr Bild damit aufrecht. Und erzählen ihren beiden Kindern, wie sie gewesen ist, wie sie gelacht hat, wovon sie erzählt hat. Was auch immer.

Ich wüsste gerne, wie es den beiden heute geht. Wie die zwei aussehen, worüber sie nachdenken, was sie beschäftigt, womit sie die Tage füllen. Ob sie ein Stück weit ein Erbteil ihrer Mama in sich tragen. Ob sie wohl wie sie aussehen? Als kleine Kinder waren sie eine Mischung aus Mutter und Vater. Wir haben den Kontakt zueinander verloren. Das Bindeglied fehlt, sie war diejenige, die uns alle an ihrem Leben, also auch an ihrem Familienleben, teilhaben ließ. Das haben wir durch ihren Tod verloren. Das ist normal, aber es gibt viele Tage, an denen ich ganz liebevoll auch an ihre Lieben denke. An ihren Mann, an ihre Eltern, ihre Geschwister, ihre Freunde – und vor allem auch an die beiden Kleinen. So, wie ich sie in Erinnerung habe.

Ich erinnere mich gerne an Silke, wir beide haben 2 Jahre Tisch an Tisch gearbeitet, im Job viel Freud und Leid geteilt. Dann habe ich gekündigt, sie wurde schwanger. Wir haben den Kontakt aufrechterhalten, wurden sogar ein witziges Vierer-Gespann. 4 Mädels aus unterschiedlichen Richtungen, die eine Agentur zusammengebracht hat. Und die sich mochten, viele, viele wunderschöne Stunden miteinander verbracht hat. An was ich mich am liebsten erinnere: die Art, wie Silke mit Händen und Füßen gesprochen hat. Auch an dem Tag, an dem sie mir – damals schwanger mit Kind zwei – mit einem Mut machenden Lächeln berichtet hat: „ich habe Leukämie.“

Beruhigt hat mich damals die Tatsache, dass sie wie gewohnt tatkräftig und analysierend alles erläutert hat: eine Chemo käme wegen der Schwangerschaft erst später in Frage. Aber sie sei zuversichtlich. Später hat mich ihr Mut und ihre Zuversicht beruhigt, auch als sie sich gegen eine Chemo und für TCM entschieden hat, für einen alternativen Heilungsweg. Selbst, als sie uns ihren Aufenthalt im Auszeithaus per E-Mail erklärt hat, ihren Zustand sehr drastisch, aber mit einem klaren Statement zum Leben formuliert hat, war ich zuversichtlich. Mein letztes Telefonat mit ihr hat mich positiv, aber nachdenklich zurückgelassen. Sie hat mir versichert, leben zu wollen. Aber mein Unterbewusstsein hat wohl mehr gehört.

Als die Nachricht von ihrem Tod kam war ich traurig. Akzeptiere es aber bis heute als ihren eigenen Entschluss. So hat es mir auch ihr Mann damals geschildert. Sie hat alles geplant, sie wusste was passiert. Und sie ist bewusst gegangen.

Wir sind heute ein 3er-Gespann, seit kurzem wieder alle in München lebend. Heute Abend werden wir gemeinsam verbringen. Sicher mit vielen Erinnerungen. Vor allem aber immer mit Lachen. Das gehört dazu, das ist, was sie uns neben vielen vielen anderen Dingen zurückgelassen hat. Und manchmal höre ich ihre Stimmlage da auch heute noch ganz deutlich heraus.