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Musikalische Erinnerungen

Manchmal sind Momente so sehr mit Musik, mit einem bestimmten Lied, mit einer bestimmten Stimmung, verursacht durch Musik, verknüpft. Je älter wir werden, desto mehr bleiben – zumindest mir – genau diese Erinnerungen und die Musik untrennbar verbunden. Wenn ich also in den nächsten Wochen, Monaten, Jahren diese Musik höre

dann werde ich unweigerlich an einen Abend im Auto zurückdenken: links und rechts jeweils ein Patenkind neben mir. Auf der Fahrt in einen Biergarten, dort genannt Keller, ins schöne Bamberg. Sobald die ersten „Eh, eo, eo – eh, eo, eo – eh, eo, eo – eh, eo, eo“ erklingen „singen“ zwei Kinderstimmen aus voller Brust lautstark mit. Und nicht nur das: die Rückbank vibriert, denn sie tanzen. Alles, was an ihren Körpern nicht angeschnallt ist bewegt sich zur Musik. Das ist ansteckend, ich bin voll dabei, die Köpfe wippen im Takt, die Arme sind in Bewegung, die Beine zucken im Rhythmus. Und auch wenn ich mich sonst beim Mitsingen eher an den Text halte, in der Situation hab ich „mitgemacht“.

Meine Zwei, vielleicht vergesst ihr das irgendwann? Wahrscheinlich. Wie so vieles, was wir gemeinsam erleben? Egal, ich werds in meinem Herzen aufbewahren, als kostbaren Moment – und jedes Mal, wenn ich Bastille / Pompeii höre an diese Fahrt denken, schmunzeln, und bestimmt mal wieder „mitzappeln“ 🙂

Erinnerungstag

Es gibt einen Brauch in der süddeutschen katholischen Kirche, das sind die sogenannten Jahrämter. Heute ist der Todestag meiner lieben Freundin Silke – und ich könnte mir vorstellen, dass ihre Familie heute gemeinsam zur Kirche geht, um sich an sie zu erinnern. Ihr Name wird im Ablauf der Messe genannt, anschließend versammelt man sich ums Grab, auf dem hoffentlich viele Blumen blühen. Vielleicht zünden sie gemeinsam eine Kerze an … Und reden im Anschluss über sie, erinnern sich, an gemeinsame Tage, an Glück, vielleicht auch an weniger schöne Dinge. Halten ihr Bild damit aufrecht. Und erzählen ihren beiden Kindern, wie sie gewesen ist, wie sie gelacht hat, wovon sie erzählt hat. Was auch immer.

Ich wüsste gerne, wie es den beiden heute geht. Wie die zwei aussehen, worüber sie nachdenken, was sie beschäftigt, womit sie die Tage füllen. Ob sie ein Stück weit ein Erbteil ihrer Mama in sich tragen. Ob sie wohl wie sie aussehen? Als kleine Kinder waren sie eine Mischung aus Mutter und Vater. Wir haben den Kontakt zueinander verloren. Das Bindeglied fehlt, sie war diejenige, die uns alle an ihrem Leben, also auch an ihrem Familienleben, teilhaben ließ. Das haben wir durch ihren Tod verloren. Das ist normal, aber es gibt viele Tage, an denen ich ganz liebevoll auch an ihre Lieben denke. An ihren Mann, an ihre Eltern, ihre Geschwister, ihre Freunde – und vor allem auch an die beiden Kleinen. So, wie ich sie in Erinnerung habe.

Ich erinnere mich gerne an Silke, wir beide haben 2 Jahre Tisch an Tisch gearbeitet, im Job viel Freud und Leid geteilt. Dann habe ich gekündigt, sie wurde schwanger. Wir haben den Kontakt aufrechterhalten, wurden sogar ein witziges Vierer-Gespann. 4 Mädels aus unterschiedlichen Richtungen, die eine Agentur zusammengebracht hat. Und die sich mochten, viele, viele wunderschöne Stunden miteinander verbracht hat. An was ich mich am liebsten erinnere: die Art, wie Silke mit Händen und Füßen gesprochen hat. Auch an dem Tag, an dem sie mir – damals schwanger mit Kind zwei – mit einem Mut machenden Lächeln berichtet hat: „ich habe Leukämie.“

Beruhigt hat mich damals die Tatsache, dass sie wie gewohnt tatkräftig und analysierend alles erläutert hat: eine Chemo käme wegen der Schwangerschaft erst später in Frage. Aber sie sei zuversichtlich. Später hat mich ihr Mut und ihre Zuversicht beruhigt, auch als sie sich gegen eine Chemo und für TCM entschieden hat, für einen alternativen Heilungsweg. Selbst, als sie uns ihren Aufenthalt im Auszeithaus per E-Mail erklärt hat, ihren Zustand sehr drastisch, aber mit einem klaren Statement zum Leben formuliert hat, war ich zuversichtlich. Mein letztes Telefonat mit ihr hat mich positiv, aber nachdenklich zurückgelassen. Sie hat mir versichert, leben zu wollen. Aber mein Unterbewusstsein hat wohl mehr gehört.

Als die Nachricht von ihrem Tod kam war ich traurig. Akzeptiere es aber bis heute als ihren eigenen Entschluss. So hat es mir auch ihr Mann damals geschildert. Sie hat alles geplant, sie wusste was passiert. Und sie ist bewusst gegangen.

Wir sind heute ein 3er-Gespann, seit kurzem wieder alle in München lebend. Heute Abend werden wir gemeinsam verbringen. Sicher mit vielen Erinnerungen. Vor allem aber immer mit Lachen. Das gehört dazu, das ist, was sie uns neben vielen vielen anderen Dingen zurückgelassen hat. Und manchmal höre ich ihre Stimmlage da auch heute noch ganz deutlich heraus.

Ur-Opa

Diese Woche haben mich zwei Bilder sehr berührt.

Einmal meine kleine Freundin Lena, die dem Ur-Opa bei schönem Frühlingswetter Gesellschaft auf seiner Bank vor dem Haus leistet. Da sitzen zusammen mehr als 100 Jahre auf der Bank, ein kleines, abenteuerlustiges Mädchen, das die Welt erobern wird. Und ein Junge, junger Mann, liebevoller Ehemann, Vater, Opa und mittlerweile Urgroßvater. Was da wohl durch seinen Kopf zieht, welche Erinnerungen er hat, an andere schöne Frühlings Tage seines Lebens? Gerade, wo die kleine Lena optisch viel von ihrer Oma haben soll? Was er ihr erzählt, welche Geheimnisse die beiden teilen? Und dazu kommen ihre Tagträumereien, Ideen, die Vorstellungen vom Leben … Mehr als 100 Jahre geballte Lebenserfahrung. Wie schön!

Im zweiten Bild, das ich beim Maifeiertagsspaziergang zufällig gesehen habe, sitzt ebenfalls ein gut über 90jähriger Ur-Opa auf einem Brunnen. Die ganze Familie ist beschäftigt, jeder hat seine Aufgabe: Urenkel 1 ist Handlanger, Urenkel 2 reinigt den Rasenmäher, Urenkel 3 planscht mit der Gießkanne. Enkel (Vater der 3) holt gerade den Rasenmähertraktor, der Opa pflanzt ein Erdbeerfeld, die Oma und Ur-Oma arbeiten in den Blumenbeeten, der Ur-Opa passt auf, dass Urenkel 3 nicht in den Brunnen fällt und nicht zu nass wird … Und da macht es nix, dass der Ur-Opa nicht mehr so fit ist und selbst nicht mehr zu langen kann. Jeder hat seine Aufgabe, ganz selbstverständlich. Toll, oder?

Verlieren

Manchmal muss man im Leben einen Menschen verlieren, um festzustellen, dass er einem wirklich fehlt …

Manche Menschen verschwinden einfach aus einem Leben. Gerade als Kind schließt man schnell Freundschaften. Eltern kennen sich, Kinder spielen miteinander, man freundet sich an oder ist Spielgefährte. In der Kindergruppe, im Kindergarten, Grundschule – immer begegnen uns neue interessante Menschen. Mit manchen bleibt man verbunden, ich glaube aber, dass es wenige Menschen gibt, die aus dieser Zeit noch viele Freunde in ihrem späteren Leben haben? Ich habe tatsächlich eine Kindergartenfreundin, habe noch Kontakt zu Nachbars“kindern“. Aus Grundschulzeiten habe ich kaum mehr Kontakte, ok, hin und wieder begegne ich alten Schulkameraden, wenn ich bei meinen Eltern bin, einkaufen gehe, unterwegs bin. Aber das ist doch eher selten.

Es ist der Lauf der Zeit, dass man Freunde findet und diese auch wieder verliert. In den meisten Fällen war es in meiner Kindheit aber eher so, dass das Verlieren nicht aktiv war. Oft hab ich mich entfernt, die Freunde sind „weitergezogen“. Das Verlustgefühl hielt sich sehr in Grenzen, denn die nächste Freundschaft hatte quasi schon begonnen.

Als ich in der dritten Klasse war, hab ich einen Klassenameraden verloren, der an Leukämie starb. Er war kein Freund, aber ich mochte ihn. In der fünften Klasse starb eine ehemalige Mitschülerin bei einem Verkehrsunfall. In den Jahren danach ist es häufig vorgekommen, dass ich Menschen verloren habe, Freunde, die weggezogen sind, auch Freunde, die gestorben sind. Mich haben dabei immer die verlorenen Gelegenheiten am meisten beschäftigt, also: schade, dass ich beim letzten Mal nicht nett war. Dass ich mir nicht mehr Zeit genommen habe – denn anders als bei einer Freundschaft, die vergeht, kann man im Todesfall nicht sagen, es gibt noch eine Chance, sich später noch mal anzunähern?

Verlust bedeutet immer, dass ein Stück Erinnerung bleibt, etwas, das man aufbewahrt, als kostbares persönliches Bild ganz tief im Inneren. Manchmal kann man es teilen, aber meist können die, denen man es gerne mitteilen würde, gar nicht erfassen, was man erzählt, denn sie kannten den Menschen nicht – oder anders. Seine eigene Erinnerung teilt man nur mit dem Menschen, den man verloren hat. Auch wenn dadurch der Verlust nicht geringer wird, irgendwann kann man mit Liebe und einem sehr warmen Gefühl an den denken, den man verloren hat. Und hält ihn und seine Eigenart dadurch ein Stück weit lebendig …

Das liest sich jetzt möglicherweise etwas wirr, aber mir hilft es gerade, meine liebevollen Gedanken an meinen alten Freund und Weggefährten einer ganzen Dekade hervorzuholen. Den ich, obwohl wir uns schon vor einigen Jahren voneinander verabschiedet haben, heute verloren habe. Ohne noch mal gemeinsam zu lachen, Gedanken zu teilen, zu reden oder uns ohne Worte zu verstehen. Der seinen Platz in meinem Herzen hat und in meiner Erinnerung lebendig bleibt.