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#Sonntagsfreude: Gewohnheit

IMG_1526-0Leben bedeutet Veränderung, mal laufen die Dinge besser, mal schlechter. Meine Eltern erleben gerade eine Menge Veränderungen, manche altersbedingt, sie sind jetzt Rentner. Manche ergeben sich aus Notwendigkeiten in ihrem Tagesablauf, ist eben nicht mehr, wie wenn der Betrieb voll laufen muss. Manche, weil die bezaubernde Nichte bzw. deren Betreuungssituation sie fordert. Dann die Vorboten der Hausrenovierung. Alles gar nicht so ohne, da knirscht es auch bei einem so aufeinander eingespielten Team hin und wieder mächtig im Gebälk. Aber sie schaffen es, die Dinge ordentlich auszudiskutieren. Und danach ist auch wieder gut.  Ohne Nachbrummeln. Früher eher selten, heute sitzen sie stundenlang in der Küche und Ratschen. Dazu war in den arbeitsreichen Jahren nicht immer Zeit, trotzdem haben sie auch damals den Austausch geschafft. Ist wohl einer der Gründe, wieso die zwei noch heute öfter mal händchenhaltend harmonisch zum Dorf-Kaffee-Kranzerl marschieren, während andere Paare getrennt voneinander oder zumindest stumm Abstand haltend gehen?

Auch bei den Sonntagsfreuden gibt es Veränderungen, Maria hat ihren Kreativberg beendet, weist aber ebendort auf Barbara und ihren Blog hin, wo die Sonntagsfreude weitergehen soll. Das hatte auch Regine von allesaussergewoehnlich angeboten, deshalb verweise ich heute auf beide. Danke für das Vergangene, ich freu mich, dass die liebgewonnene Tradition auf anderen Wegen mit in die Zukunft gehen wird.

Ernährungsstrategien einer Oma

Heute nachmittag hab ich Freunde besucht, die gerade nach dem Skiurlaub die Familie in der alten Heimat besuchen. Die Oma freut sich, ihren eineinhalbjährigen Enkelsohn so richtig zu verwöhnen, denn er ist ihr viel zu dünn. Ein „Grischperl“, wie die hessische Mami mit einem Zwinkern übersetzt. Omas Strategie für etwas mehr Speck: Sahne zum Kuchen. Viel Sahne, viel Kuchen. Mag er nicht, er will nur die Sahne. Darf kein Bröselchen dran sein. Die Sahne aber bittesehr löffelweise. Und gefälligst mehr davon. Flott. Ok, das wird sogar der lieben Oma zu doll, listig streckt sie die süße Sünde. Mit Joghurt. Nicht bemerkt, nicht gemeckert, Schüssel mit viel Lust ausgeleckt.

Schönen Tag der gesunden Ernährung euch allen 😉

100. Geburtstag

Liebe Oma, heute wär dein 100. Geburtstag. Geboren im Jahr 1915, ein Kind im ersten Weltkrieg. Aufgewachsen bist du mit einer Geschwisterschar auf dem elterlichen Anwesen, warst eine Großbauerstochter. Dein Vater, ein stolzer Hopfenbauer mit langem Stammbaum, deine Mutter stammte ebenfalls aus einem großen Hof. Sie ist bei der Geburt des jüngsten Geschwisterchens mit dem ungeborenen Kind verstorben. Ihr seid mutterlos aufgewachsen, dein Vater hat für die Zeit untypisch nicht mehr geheiratet. Er hat euch streng erzogen, alles musste ordentlich sein. Zu viel Herzlichkeit gab es nicht, der Betrieb musste funktionieren. Aufgezogen haben euch die großen Geschwister und Kindsmädge. Da war auch die ungeliebte Bertha dabei – sie scheinst du am wenigsten gemocht zu haben? Du warst ein fleissiges Kind, Klassenbeste in der Dorfschule, noch mit über 80 Jahren hast du uns Gedichte und Liedtexte aufgesagt, die du als Kind auswendig gelernt hast. Und kanntest jedes Märchen nicht nur sinngemäß, sondern wortgetreu …

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Deine Kindheit und Jugend lag in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Nach der Volksschule durftest du nach Markt Indersdorf, hast eine weiterführende Schule besucht, dich aber sehr nach zu Hause gesehnt. Brav Briefe geschrieben, um zu berichten. Nie ein persönliches Wort, immer sehr höflich und korrekt. Es kam der zweite Weltkrieg, zum Glück wart ihr vier Schwestern, ein Bruder wurde ausgemustert, der andere Bruder kam unversehrt zurück. Die älteste Schwester war schon verheiratet, du hast meinen Opa geheiratet, als er aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurückkam. Mit schon über 30. Deine anderen Geschwister blieben unverheiratet, bewirtschafteten gemeinsam den elterlichen Hof. Von deiner Hochzeit 1949 wurde in den Jahren danach oft erzählt, es war die erste große Nachkriegshochzeit im Dorf, ein fröhliches Fest. Mit einer Musikkapelle, einem Kirchzug, du warst wunderhübsch, ein schlichtes, aber elegantes weißes Kleid, ein Kranz zierte deinen Kopf. Neben dir mein stolzer Opa im feinen Zwirn, die beiden Urgroßväter die stattlichen Trauzeugen. Das Fest fand in der Dorfwirtschaft mit einem üppigen Festmahl statt. Ab deinem Hochzeitstag warst du Bäuerin und Hausfrau, wobei es dir die Urgroßeltern laut den Kindheitserinnerungen meiner Mama nicht immer leicht gemacht haben? Du hast nie geklagt.

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Dann kamen die Kinder, meine Mama hast du zu Hause entbunden, und dass es eine sehr schwere Geburt war haben die Frauen im Dorf selbst mir noch als Kind erzählt. Bei meiner Tante haben die Ärzte dich zum Kaiserschnitt ins Krankenhaus gebracht – und dir geraten, keine weiteren Kinder mehr zu bekommen. Hat auch gereicht, schließlich war das Haus immer voll. Meine Urgroßeltern hatten viele Kinder, die wiederum alle Familien hatten. Die immer kommen durften, es war ein offenes Haus, an dem man sich zu den Feiertagen traf, die Enkelkinder verbrachten die Ferienzeiten auf dem Bauernhof … Eine schöne, unbeschwerte Zeit, für dich immer mit viel Arbeit neben den anderen anfallenden Pflichten verbunden. Dazu kam die Pflege der alternden Urgroßeltern, dein Mann, mein Opa, der an Krebs erkrankte. Meine Eltern übernahmen den Hof, wir Kinder kamen. Und damit hattest du eine neue Aufgabe als Oma. Obwohl ich mich natürlich nicht erinnern kann habe ich das Bild von uns beiden im Kopf, ich als Baby im Kinderwagen, du, die du mich trotz eines Regenschauers unter dem Vordach hin und her schiebst, damit ich an der frischen Luft bin. Du hast uns Kindern das Frühstück gemacht, uns rechtzeitig aus dem Haus gescheucht, nach dem Mittagessen darauf geachtet, dass die Hausaufgaben vor dem Spielen gemacht wurden, mit uns Lesen, Schreiben und Rechnen geübt. Hinter uns hergeräumt, uns verwöhnt, warst oft streng, hättest unsere Freunde als „Hoagart“ oft am liebsten wieder aus dem Haus geworfen. Du warst ehrgeizig – und ganz schön stolz auf jedes deiner Enkelkinder. Und selbst im hohen Alter warst du selbstständig, hast deine Aufgaben erfüllt, dich um alles gekümmert. Es ist dir nicht leicht gefallen, Dinge nicht mehr selber zu können. Wie oft haben wir zu hören bekommen „als ob du das wissen würdest“. Bis weit über 80 Jahre warst du auch fit, hast gekocht, gekehrt, gebügelt, Wäsche verrichtet. Die letzten Jahre warst du auf Hilfe angewiesen, das ging schleichend, zum Schluss warst du in deiner eigenen Welt. Hast Gegenwart mit Vergangenheit vertauscht, so kamen wir immer wieder in den Genuss deiner Wut auf die böse Bertha, die so viele Jahrzehnte überdauerte. Was hat die Ärmste nur mit euch Kindern gemacht? Und konnten über deine Parallelen zwischen Lebenden und längst verstorbenen Personen schmunzeln (oder uns ärgern).
Du warst Zeit deines Lebens ein gläubiger Mensch, hast keinen Gottesdienst ausgelassen, das Rote Kreuz und andere Hilfsorganisationen durch Spenden unterstützt. Der Glaube hat dir durch schwierige Zeiten geholfen, du warst regelmäßig zur Wallfahrt in Altötting. Als Kind muss ich vielleicht sogar öfter dabeigewesen sein, wenn ich Schwarze Madonna höre erscheint sofort das Bild einer Reisegruppe älterer Damen. An einem heißen Sommertag, alle tragen dunkle Kleider, einen Hut, die große Handtasche. Und schwitzen. Ich war schon als Kind sehr geruchsempfindlich, es war eine Qual. Erst am Stand mit den Rosenkränzen vor der Wallfahrtskirche hab ich wieder geatmet (vorher hab ich einfach die Luft angehalten, um an dem Geruch nicht zu ersticken …). Von dir haben wir als Kinder das Beten gelernt, das Abendgebet gemeinsam gebetet, mit dir waren wir in der Kirche, kannten die Abläufe. Du hast uns die Geschichten der Heiligen erzählt. Und du warst stolz auf deinen Namen Maria, jedes Jahr am 12. September kam deine Familie zum Namenstagfeiern zusammen, es gab Kaffee und Kuchen …

Ich wäre gern bei dir gewesen, um deine Hand ganz am Ende zu halten. Wäre nicht der dämlichste Stau dazwischengekommen, den ich in meinem Leben erlebt habe, dann wär ich bei dir gewesen. Wie du so oft bei mir gewesen bist. Ich denk heute ganz besonders an dich und dein Leben, wir haben nur einen kleinen Bruchteil mit dir erleben dürfen. Manchmal hätt ich mir gewünscht, mehr über deine Gedanken und Gefühle zu erfahren, aber das war nicht deine Welt, darüber wolltest du nicht so gerne sprechen. Alles Liebe zum 100. Geburtstag, liebe Oma

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Ur-Opa

Diese Woche haben mich zwei Bilder sehr berührt.

Einmal meine kleine Freundin Lena, die dem Ur-Opa bei schönem Frühlingswetter Gesellschaft auf seiner Bank vor dem Haus leistet. Da sitzen zusammen mehr als 100 Jahre auf der Bank, ein kleines, abenteuerlustiges Mädchen, das die Welt erobern wird. Und ein Junge, junger Mann, liebevoller Ehemann, Vater, Opa und mittlerweile Urgroßvater. Was da wohl durch seinen Kopf zieht, welche Erinnerungen er hat, an andere schöne Frühlings Tage seines Lebens? Gerade, wo die kleine Lena optisch viel von ihrer Oma haben soll? Was er ihr erzählt, welche Geheimnisse die beiden teilen? Und dazu kommen ihre Tagträumereien, Ideen, die Vorstellungen vom Leben … Mehr als 100 Jahre geballte Lebenserfahrung. Wie schön!

Im zweiten Bild, das ich beim Maifeiertagsspaziergang zufällig gesehen habe, sitzt ebenfalls ein gut über 90jähriger Ur-Opa auf einem Brunnen. Die ganze Familie ist beschäftigt, jeder hat seine Aufgabe: Urenkel 1 ist Handlanger, Urenkel 2 reinigt den Rasenmäher, Urenkel 3 planscht mit der Gießkanne. Enkel (Vater der 3) holt gerade den Rasenmähertraktor, der Opa pflanzt ein Erdbeerfeld, die Oma und Ur-Oma arbeiten in den Blumenbeeten, der Ur-Opa passt auf, dass Urenkel 3 nicht in den Brunnen fällt und nicht zu nass wird … Und da macht es nix, dass der Ur-Opa nicht mehr so fit ist und selbst nicht mehr zu langen kann. Jeder hat seine Aufgabe, ganz selbstverständlich. Toll, oder?