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Spruch zum Wochenende: Heimkehr

„Sobald wir alle unsere Arbeiten auf dieser Erde erledigt haben, ist es uns erlaubt unseren Leib abzuwerfen, welcher unsere Seele, wie ein Kokon den Schmetterling, gefangen hält. Wenn die Zeit reif ist, können wir unseren Körper gehen lassen, und wir werden frei sein von Schmerzen, frei von Ängsten und Sorgen, frei wie ein wunderschöner Schmetterling, der heimkehrt zu Gott.“ (Elisabeth Kübler-Ross)

Gestern hat der Opa der beiden Münchner Patenkinder losgelassen – ist für immer eingeschlafen. Jetzt ist er frei von seinen Sorgen, den immer stärker werdenden Schmerzen. Frei vom Krebs, dem er noch so unerwartet viel Zeit abgetrotzt hat. Beim letzten Besuch hat er Mademoiselle seinen Glücksbringer, den er lebenslang als Kettenanhänger getragen hat, geschenkt. Auf dass er sie auf all ihren Wegen begleiten möge …

Opa Wilhelm

Worte – sagen so viel aus. Können so viel bedeuten. Die Pfarrerin hat bei der Trauerfeier für Opa Wilhelm sehr gute Worte gefunden, um sein Wesen zu skizzieren. Sie hat ihn tatsächlich nicht nur getroffen. Sondern sogar seinen Tonfall. Denn genau dieses liebenswerte, positive, das war seine Art der Kommunikation.

Als ich den Vater meines Schwagers kennenlernte, war er ein geselliger Mensch. Meine ersten Erinnerungen sind seine Ausführungen zum Postwesen, denn das war unsere Verbindung: mein Studentenferienjob seine lebenslange Aufgabe. Schon nach dem Jurastudium ist er in den Konzern eingestiegen, hat eine beachtliche Karriere hingelegt. Vieles konnte er bewegen, viele Positionen bekleiden. Und das hat er immer mit vollem Einsatz getan, sich engagiert, für eine gute Arbeitsatmosphäre gesorgt, so dass sich die Mitarbeiter auch mit weniger angenehmen Aufgaben wohlfühlen konnten.

Er war ein Genussmensch durch und durch, einem guten Essen, gutem Wein, gutem Bier niemals abgeneigt. Eine nette Anekdote, an die sich die Familie wohl gerne erinnert: mit den Kindern diskutierte er auch mal am Abendbrot-Tisch einen juristischen Fall. So brachte er ihnen bei, dass Argumentieren, Hinterfragen und davon Ableiten nicht nur bei Gericht, sondern in allen Bereichen des Lebens elementar sei. Im Teenageralter musste wohl vor allem seine Älteste häufig sehr gute Argumente anbringen, ehe sie ausgehen durfte …

Zudem war Opa Wilhelm schlicht ein angenehmer Zeitgenosse. Er lachte gern, erzählte Anekdoten aus seinem Leben, auch mal einen Witz. Ein Gentleman durch und durch, seiner Frau ein sehr fürsorglicher, liebevoller Ehemann. In den letzten Jahren wurde er gemächlich, war er als junger Familienvater gerne mit den Kindern in den Bergen unterwegs gewesen, seitdem ich ihn kenne war er nicht mehr sehr beweglich. Dann wurde er krank. Trotz guter Behandlung hat er seine Kommunikationsfähigkeit eingebüßt. Man konnte ihn immer schwerer verstehen. Für einen viel und gern sprechenden Menschen wie ihn sicher kein leichtes Los. Nachdem im letzten Jahr eine Behandlung gut angeschlagen hatte war er hoffnungsvoll. Dann kamen vor Weihnachten immer wieder neue Schwächeanfälle, schließlich die klare Diagnose, dass es weder eine Operation noch eine Chemotherapie geben werde. Wie lange noch? Leider nicht mehr lange. Er durfte zu Hause sein, liebevoll gepflegt von seiner Ehefrau und den drei Kindern nebst Familien. Auch sein jüngerer Bruder und dessen Ehefrau konnten sich noch verabschieden. Am Montag ist er friedlich für immer eingeschlafen. Von seinen Schmerzen und vor allem von aller Angst befreit …

Wenn die Kraft zu Ende geht

Wie ist das, wenn Ärzte einen Befund mitteilen? Über eine lebensbedrohliche Krankheit „im Endstadium“ sprechen? Einem die Perspektive nehmen – ist da noch ein Hoffen? Ein Aufbäumen? Oder beginnt die Seele, sich zu verabschieden?

Als mein Onkel vor einem Jahr seine Diagnose bekommen hat schien es, als ob er sich mit aller Kraft und wachem Verstand wehrte. Er wollte und hat auch noch ein Jahr Leben bekommen. Mit seiner Krankheit allerdings wahrscheinlich nur noch selten schmerzfrei und unbeschwert. Trotzdem glaube ich fest daran, dass er in diesen Monaten vieles noch einmal bewusst erlebt hat, den Sonnenschein genossen, mit allen Sinnen aufgesogen hat, was das Leben lebenswert macht. Und am Ende losgelassen hat …

Mein Onkel, die späte Liebe meiner Patentante. Ein Münchner, ich kann mich gut an unser Kennenlernen erinnern, er kam in Lederjacke zum Antrittsbesuch auf den Bauernhof, fuhr in seinem geliebten Mercedes vor. Die Oma hat ihn eher als Dandy abgetan, später aber tief ins Herz geschlossen. Er war nett und ich mochte ihn. Er wollte von allen gemocht und vor allem anerkannt werden. Doch leider nicht nur das: Wie oft wollte er, dass alle ihm und seiner Meinung recht geben. Nur fiel mir und allen anderen Familienmitgliedern das mit im Lauf der Jahre immer schwerer. Auch wenn er meine Tante glücklich gemacht hat, mit ihr die eigene Familie gegründet hat, die sie sich immer gewünscht hat, er hat es sich zeitlebens einfach gemacht. Und zwar in allem. Nie wäre ihm in den Sinn gekommen, dass eigenes Verhalten von anderen gespiegelt wird, immer waren die anderen Schuld. Beruflich hatte er nie besonders großen Ehrgeiz an den Tag gelegt, dass er nicht befördert wurde, daran waren aber missgünstige Chefs und Jüngere schuld. Als sein Bereich aufgelöst wurde und man ihm eine Alternative anbot hat er miesepetrig noch etwas Zeit abgesessen, sich dann aber früh pensionieren lassen. Auf eigene Initiative, waren trotzdem die anderen schuld, dass die Rente entsprechend nicht so üppig ausfiel …

Mit Mitte 50 pensioniert, wir alle haben erwartet, dass er sich mit Hobbies beschäftigt, eine Werkstatt voll mit Heimwerker-Gerätschaften, die jedem Baumarkt zur Ehre gereichen, Kameras nebst Equipment, Ferngläser … Ihm war langweilig. Er wurde verdrießlich, ein Eigenbrötler, der sich mit Gott und der Nachbarschaft anlegte. Missgünstig auf andere wurde. Er sah sich immer als Opfer – kam aber nie auf die Idee, selbst aktiv zu werden. Wenn was nicht lief meckerte er, statt zu reagieren … Er war sehr hilfsbereit, keine Frage. Aber vor allem mit Worten. Oder im Verleihen seines Equipments. Selbst mit hingelangt hat er durchaus, nicht ohne zu schimpfen, auf schlechte Produkte, schlechte Verarbeitung, schlechte Handwerker, schlechte Gebrauchsanweisungen, … Wir haben uns meiner Tante zuliebe arrangiert, aber nicht weggesehen. Was hab ich immer wieder mit ihm diskutiert, seinem „Gell, Doris, das weißt und sagst du auch!“ widersprochen. Ohne Erfolg.

Körperliche Einschränkungen stellten ihn die letzten 10 Jahre vor immer neue Herausforderungen, er hat die Warnungen der Ärzte in den Wind geschlagen. Letztes Jahr mit gerade 69 die Diagnose: Endstadium, Leberzirhose … Eine Woche nach seinem 70. Geburtstag ist er Anfang September gestorben. Ein Jahr Pflege für die Familie, von etwas Unterstützung bis zur Vollzeitumsorgung. Die letzten Wochen waren intensiv, am Ende konnte er nicht mehr essen. Er durfte friedlich einschlafen – und nicht mehr aufwachen. 

Die Beerdigung, ein trister Tag, wenige Trauergäste, eine Grabstelle inmitten eines riesigen städtischen Friedhofs. Meine Tante, so gebückt – und doch so stark. Der Sarg aufgebahrt neben x anderen, eine Ansprache in der Aussegnungshalle, dann der Weg zum Grab. Der ganze Freundeskreis meines Cousins mit dabei, 4 Kerle, die nicht nur anwesend waren, sondern in den letzten Wochen auch bei der Pflege mit angepackt haben. Schön, zu sehen, dass es das gibt. Wir als Familie funktionieren, auch für unsere Tante, die so oft für uns da war, als wir Kinder waren. Unvergessen: meine Schwester hat sich aufgebretzelt, im kurzen Sommerkleid. Bei ihr wars warm und sonnig. Gut, dass wir uns bei mir getroffen haben und ich ihr was leihen konnte. Und die Verwandschaft, die kommt. Wenn auch selbst mit Beschwerden, aber sie nutzen die Chance, sich zu sehen. „Bei den Beerdigungen, da kommen wir alle zusammen.“ Hoffentlich auch mal wieder ohne traurigen Anlass – auch, wenn ich nicht so recht daran glaube …

Obwohl wir nicht immer einer Meinung waren, obwohl ich mir mein Leben anders wünsche, mir andere Menschen und ihre Meinung wichtig sind, ich werde die schönen Erinnerungen an meinen Onkel, vor allem die Kennenlernjahre, in denen er viel mit uns unternommen hat, ganz bestimmt im Herzen aufbewahren. Und nie vergessen, wie wir im Trauergottesdienst schmunzeln mussten, weil der Pfarrer partout von Engelbert gesprochen hat – nein, nicht sein Name. Aber wahrscheinlich hätte er selbst mit darüber geschmunzelt