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Darf ich Schokolade?

Auch an meinen Patenkindern bemerke ich hin und wieder, dass sich Sprache verändert. Für mich als Germanistin ganz schwierig: wenn da was fehlt. Also zum Beispiel ist „Kann ich Schokolade?“ oder „Darf ich Schokolade?“ kein vollständiger Satz. Ich warte immer, dass da noch was kommt. „Ich gehe Klo“ oder „Wir müssen Supermarkt“ ist für mich kein Deutsch. Könnte es aber in Zukunft mal werden? Sagt dieser Artikel, das sei Sprache im Wandel. Und dagegen kann man ja nun mal nichts machen. Wieviele englische Begriffe haben wir heute im ganz normalen Sprachgebrauch, vergleicht man das Deutsch aus Herrn Goethes Tagen, so ist ganz klar: Sprache ändert sich. Schon allein aus Gesprächen im Dialekt, denen ich hin und wieder lauschen darf, weiß ich ganz genau, wie überbewertet Verben oder Präpositionen sind. Und trotzdem muss es mir nicht gefallen. Und trotzdem kann ich versuchen, vollständige Sätze zu sprechen. Weil es so für mich einfach mehr Sinn macht. Und Punkt.

Tod eines Literaturpapstes

Wenn ein Literaturpapst stirbt: Wird dann ein Nachfolger gewählt? Von wem, wer gehört zum Litertur-Konklave? Vom Alter her ist das alles ja durchaus vergleichbar, also müsste man sich wohl in der Altersklasse 75+ umsehen? Und wenn ein Nachfolger gefunden ist: weht dann auch farbiger Rauch aus einem Schornstein? Aus welchem? Und welche Farbe würde wohl für den Nachfolger gewählt werden?

Eine meiner ersten Erinnerungen an Marcel Reich-Ranicki stammt, wie wohl bei vielen meiner Alsterklasse, aus dem Literarischen Quartett. Unsere liebe Inge, Kursleiterin des Deutsch-LKs (=Leistungskurs) hatte uns als Hausaufgabe mitgegeben, am Abend das Literarische Quartett zu verfolgen, da ein Buch besprochen werden sollte, das wir lesen sollten. Ironischer Weise kann ich mich bis heute nicht erinnern, welches Buch besprochen wurde. Dagegen weiß ich, wie fasziniert und schockiert zugleich ich von diesem kleinen, schon damals alten Mann war. Mit welcher Resolutheit sein Wort über allen anderen stand, wie engstirnig und konsequent er anderen Argumenten gegenüber war. Wie er mit seiner nasalen Stimme auf seinem Wort beharrte, der ganze Körper mitsprach, Hände und Füße seine Worte untermalten. Damit möchte ich übrigens nicht sagen, dass er mit seiner Meinung nicht recht hatte – im Gegenteil: seine Aussagen haben oft sehr genau getroffen. Nur seine Art und Weise, anderen ins Wort zu fallen, ihre Meinung nicht ernst zu nehmen, Aussagen ins Lächerliche zu ziehen. Ich habe das Literarische Quartett viele Jahre begleitet, mich im Lauf der Zeit an die Kontroversen gewöhnt, vor allem die heißen Diskussionen mit Sigrid Löffler – später hat Hellmuth Karasek ihre Rolle übernommen – in denen die beiden nicht nur unterschiedliche Standpunkte hatten, sondern jeder schlicht auf seinem beharrte. Alles mit Humor, aber manchmal doch auch mit einem gewissen Mangel an Diplomatie – für die Zuschauer-Quote?

Wie auch immer, ich erinnere mich zum heutigen Todestag mit einem Augenzwinkern und Begeisterung an den Literaturpapst meiner Schul- und Studienzeit und möchte ihn zum Abschied mit seinen treffenden Worten zitieren: „Wir werden über Bücher sprechen, und zwar, wie wir immer sprechen: liebevoll und etwas gemein, gütig und vielleicht ein bisschen bösartig, aber auf jeden Fall sehr klar und deutlich. Denn die Deutlichkeit ist die Höflichkeit der Kritik der Kritiker.“ (Marcel Reich-Ranicki im Literarischen Quartett am 18. März 1993 aus Wikipedia).