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Musikalisches zum Mittwoch

Üblicherweise habe ich in den vergangenen Jahren die Fastenzeit mit Probenwochenenden verbracht. Denn in meiner musikalischen Vergangenheit war die vorösterliche Zeit eng mit (Passions-)Konzerten und/oder großen Messen zu Ostern verbunden. In diesem Jahr bin ich zum allerersten Mal seit undenklichen Zeiten vollkommen proben- und aufführungs-frei. Grade im Moment mit kratzigem Hals und Husten bin ich darüber sehr froh, insgesamt aber auch ein bisschen nachdenklich. Ich habe mich bewusst entschieden, musikalisch kürzerzutreten – aber vielleicht fehlt mir auch etwas? Muss ich in den nächsten Wochen aufmerksam beobachten – und notfalls gegensteuern 😉

Für heute brauch ich statt ruhigen Weisen eher swingende Gute-Laune-Musik, um mich seelisch und moralisch auf die Reise nach Berlin einuzustimmen. Wie jedes Jahr geht es zur ITB, zur weltgrößten Reisemesse. Die Vorfreude ist groß, nur vor dem Flug graut mir angesichts meiner Erkältung etwas. Aber: neben „Happy“ hab ich einen zweiten Ohrwurm mit viel positiver Energie im Ohr:

James Blunt – Heart to Heart (hier als Akkustik-Version) – werd ich den ganzen langen Flug nach Berlin vor mich hinsummen 🙂

Lächeln

Lächeln ist der kürzeste Weg zwischen Menschen. Es weckt Sympathie, drückt Sympathie aus, kann eine Situation überbrücken, kann ein Auslöser sein, kann bewegen oder beenden. Manchmal ist ein Lächeln aber überhaupt kein echtes Lächeln, es wird als Mittel benutzt, es ist Mut machen, drückt Mitleid aus oder ersetzt ganz einfach ein Gespräch. Heute nachmittag auf der Beerdigung meines alten Chorfreundes Fritz habe ich viele Menschen angelächelt, anstatt etwas zu sagen. Denn sie und ich können nicht über den Verlust sprechen, ohne darüber nachzudenken, dass bald andere folgen werden. Das ist der Nachteil, wenn man einst als Kind im Chor angefangen hat. Viele waren damals mehr als doppelt so alt – und sind jetzt in einem Alter, in dem man „damit rechnen muss“. Deshalb ist Lächeln einfach, so viel einfacher, als zu thematisieren, dass niemals feststeht, ob wir uns so wie heute mehr oder weniger gesund und lebend Wiedersehen werden. Heute ist mir mal wieder wichtiger denn je, im hier und jetzt, im Augenblick zu leben. Und ich höre Musik, weil nichts Gefühle so gut ausdrücken könnte, wie eine Melodie. Zum Beispiel diese: Lass mi oamoi no d’Sunn aufgeh seng

Spruch zum Wochenende: Weib, Wein und Gesang

Als mein Freund Andi vor einigen Jahren in einem Gespräch einen Gedankengang in Worte gefasst hat, war mir nicht klar, dass das alles mal so zusammenkommen könnte, auch wenn klar ist, dass ES passiert: „Unser Chor stirbt, so wie wir ihn kannten, wird es nicht mehr sein. Irgendwann sterben unsere langjährigen Weggefährten.“ Jetzt verabschieden wir uns von unserem lieben Fritz, einem begnadeten Tenor. Seine Stimme war all die Jahre tragend, auch wenn er selbst als alter Mann noch nervös und aufgeregt wie ein kleiner Junge war. Wehe, es kam kein anderer Tenor, dann war der Fritz kurz vorm Nachhausegehen, er allein, das kann ja nicht …
Ein lebenslustiger, fleißiger Mensch. Immer im Einsatz, erst für die Arbeit, später als Rentner in fremden Gärten und auf den Sportanlagen der Gemeinde. Bis weit über 60 war er topfit, sportlich, athletisch. Dann kamen die Knie. Vor etwa einem halben Jahr meinte er mal kleinlaut, dass er sich vielleicht früher hätte operieren lassen sollen, dann wäre er länger mobil gewesen. So eingeschränkt, das wäre nichts. Und das einem Menschen, der die Freiheit und die Natur so sehr geliebt hat.
Als junge Männer hatten sie sich als Freundeskreis und Volksmusikquartett zusammengetan, die Buam reisten für ihre Auftritte weit herum, lernten schöne Orte kennen. Und haben bestimmt auch das ein oder andere Frauenherz unterwegs gebrochen. Gutaussehend, charmant, eloquent, das waren sie wohl alle. Aber der Herzensbrecher, ja … Mit etwas Wein ließ der Fritz sich wohl auch mal betteln und gab das ein oder andere Solo zum besten. Unvergessen sein Chianti-Wein auf einer meiner Geburtstagsfeiern. Wir hatten alle Tränen vom Lachen in den Augen. Ein Komödiant, Couplet-Sänger, begnadet. Und dabei bescheiden. Ich werd ihn vermissen, nicht nur, weil er mein persönlicher großer Fan war. Keiner meiner eigenen Auftritte, ohne den prüfenden Blick über die Schulter in den Tenor, „hat der Fritz was im Auge?“ Sonst konnte ich mit der eigenen Leistung nicht so sehr zufrieden sein, das war mit den Jahren so was wie mein eigener Leistungscheck.
Wie viel haben wir gemeinsam erlebt, obwohl doch so viele Jahre zwischen uns lagen. Eins ist noch offen, auf einer Weihnachtsfeier vor vielen Jahren habt ihr mir versprochen, mir ein besonderes Lied zu einem besonderen Anlass zu singen: „Mia San zwoa dumme Deife“. Ein Duett, das ich nur ein einziges Mal in meinem Leben hören durfte, spät auf einer Chorfeier, bei der sehr viel getrunken wurde und du dich schon Stunden früher nach Hause verabschiedet hattest, um wie immer von allen Seiten zum Bleiben genötigt zu werden. Weil es ohne dich nur halb so lustig wäre. Mein lieber Fritz, das werd ich einfordern, später, wenn ich auch da bin, wo ihr jetzt seid. Und welcher Spruch würde besser für dieses Wochenende passen: „Wer nicht liebt Weib, Wein und Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang.“ ( Martin Luther)

Spruch zum Wochenende: Erlösung

Eine meiner alten Chorfreundinnen ist gestern gestorben. In diesem Fall bezieht sich alt nicht nur auf eine langjährige Beziehung, sondern auch auf ihr Alter, sie ist fast 81 Jahre alt geworden. Allerdings war ihr kein schönes Altern geschenkt, sie war schwer krank, ist von ihrer Depression am Leben und vor allem am Glücklichsein gehindert worden. Ich widme meinem lieben Marerl meinen Spruch zum Wochenende:

„Einschlafen dürfen, wenn man müde ist und eine Last fallen lassen dürfen, die man sehr lange getragen hat, das ist eine köstliche, eine wunderbare Sache.“ (Hermann Hesse)

Ich bin traurig, aber gleichzeitig froh, denn der Tod war eine Erlösung für sie.

Es hört sich komisch an, aber ich habe mit dieser Mitteilung lange gerechnet, sie einige Jahre gefürchtet, in den letzten Jahren immer wieder fest damit gerechnet. War oft verwundert, dass sie weitergelebt hat, obwohl sie alles getan hat, um nicht mehr zu Leben …? Bei unserem Kennenlernen war ich ein Teenager, neu im Chor, wir Jungen wurden von den älteren Semestern gerne an den Rand gedrängt. Sie wollten uns nicht, und das haben sie uns deutlich zu verstehen gegeben. Nicht so das Marerl. Was hab ich dieses kleine Powerbündl von Frau mit den Jahren lieben und bewundern gelernt. Eine kleine Frau, damals schon im reifen Alter. Zumindest hat sie sich gern so bezeichnet. Lebenslustig und warmherzig von oben bis unten, immer lächelnd, immer freundlich, immer offen für uns Junge. Immer mit einem offenen Ohr, aber auch mit offenen Worten gegen die anderen Chormitglieder. Sie hat sich nie gescheut, für uns, speziell für mich Partei zu ergreifen. Und war dabei ehrlich, aber liebevoll. Sie hat sich nie im Ton vergriffen, sondern hat ihre Sichtweise neutral beigetragen. Ich habe viel von ihrer diplomatischen Art gelernt.

Freitag für Freitag haben wir uns gesehen, geplaudert, gelacht, erst in späteren Jahren habe ich entdeckt, wie oft es ihr eine Last war, uns allen dieses unbeschwerte Leben vorzuleben. Wie diese andere Seite, das Schwere, sie eingeschränkt hat. Auch mit ihrem Mann habe ich eine freundschaftliche Beziehung führen dürfen, ein Sonderling, ein Eigenbrötler. Dem sein zu Hause, der Garten, die Familie genug war. Der nicht gerne unter Menschen war. Wenn ich zu Besuch gekommen bin hat er mich liebevoll in den Arm genommen, sich gerne zu uns gesetzt, einen Tee mit uns getrunken, zugehört und auch gerne erzählt. Meistens ist er nach einer Stunde spätestens wieder verschwunden. Nur einmal ist er lange sitzengeblieben und hat aus seinem Leben berichtet, hat mir von seiner Zeit in der Kriegsgefangenschaft erzählt. Neutral, ohne Schmerz. Aber doch ganz deutlich, wie sehr ihn diese Phase seines Lebens bis heute begleitet, wie oft er nachts aus Alpträumen erwacht. Schweißgebadet und erschöpft!

Die beiden haben sich sehr geliebt, doch das Leben hat es ihnen nicht leicht gemacht. Beide haben sich Kinder gewünscht und es lange erfolglos probiert. Erst spät haben sie einen Sohn bekommen, auf dem nun alle Erwartungen lagen. Wie schwer es für sie gewesen sein muss, zu erkennen, dass er immer erwachsener wurde, sie irgendwann nicht mehr gebraucht wurden? Sie als Mutter und Hausfrau muss sich überflüssig gefühlt haben, nutzlos …

Meine Eltern erinnern sich, wie das Marerl lachend, strahlend und wirbelnd der Star jeder Veranstaltung war. Vor allem auf den Faschingsbällen war sie eine Stimmungskanone, auf Theaterbühnen hat sie jeden an die Wand gespielt. Dabei musste sie sich diese Aktivitäten erstreiten, wollte ihr Mann doch am liebsten, dass sie mit ihm zu Hause bleiben sollte. Nur sie beide. Ganz für sich. Immer wieder hat sie mir von ihren häuslichen Kriegen berichtet, von den Phasen, in denen sie sich durchgesetzt hat, in denen er unglücklich war. Und von den Phasen, in denen sie ihm zuliebe verzichtet hat und ihn zufrieden gemacht hat, um selbst unglücklich zu sein.
Vor einigen Jahren ist er gestorben, alle haben erwartet, dass das Marerl aufleben würde. Dass sie ihre Wünsche und Träume lebt, reist, unter Menschen geht … Doch stattdessen hat die Depression sie schon damals von uns allen weggeholt, hat sie gar nicht mehr zu sich kommen lassen, sie am Leben gehindert.

Sie ist gestern erlöst worden. Sie war ein tiefgläubiger Mensch, hat von ihrem Glauben immer gern als dem reinen, tiefen und unverfälschten Glauben eines Kindes gesprochen. Deshalb bin ich heute sicher, dass sie gestern von ihrem Schutzengel abgeholt wurde und schon heute vom Paradies auf uns alle herunterblickt. Mit ihrem so liebevollen und unvergesslichen Lächeln.