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Brasilien – Land der Zukunft?

Beim Lesen im Schatten bin ich gestern auf diese Kolumne gestoßen – und sie fasst so gut in Worte, was ich vor Ort in Rio an allen Ecken und Enden empfunden habe. Brasilien nennt sich das „Land der Zukunft“, vor Ort fühlt man sich aber so sehr in der Vergangenheit hängend … Boris Herrmann schreibt im SZ-Magazin treffend:

„Die Fußball-WM 2014 und die Sommerspiele 2016, das waren einmal zwei Symbole für einen brasilianischen Traum. Dafür, dass das ewige Land der Zukunft endlich in der Gegenwart ankommen würde. Die Vergabe dieser beiden Sportevents hielten viele für den Ausdruck einer neuen Weltordnung, in der das größte Land Südamerikas als globale Supermacht mitmischt. Im Rückblick wirkt das geradezu lächerlich. 2018 ist Brasilien ein wirtschaftlicher, politischer und moralischer Krisenherd.“

Nachlesen – hier klicken.

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Spruch zum Wochenende: Rooftop-Rio

„Es gibt keine schönere Stadt auf Erden, und es gibt kaum eine unergründlichere, unübersichtlichere. Man wird nicht fertig mit Rio de Janeiro.“ (Stefan Zweig)

Stimmt, und weil es wirklich wert ist, diese Stadt aus jedem Blickwinkel neu zu betrachten, haben wir eine Einladung zum Familiendinner mit Brunch genutzt, um uns die Copacabana von der Dachterrasse des Hilton aus anzusehen – und es war wieder einmalig schön …

Cidade Maravilhosa

„Wenn eine Stadt sich rühmen kann, den Besucher auf den ersten Blick durch ihre Schönheit zu betören, dann diese. Für viele Menschen ist die Bucht von Rio die schönste der Welt. Vor einer steil aufragenden Kulisse von Hügeln und steil aufragenden, bizarr geformten Bergen erheben sich grüne Inseln aus dem tiefblauen Atlantischen Ozean, recken inmitten einer Natur, die auf den ersten Blick beinahe unberührt erscheint, imposante Stadtviertel ihre Betonfassaden in den Himmel.“


So ähnlich liest sich das Loblied auf Rio nicht nur in „Länder und Menschen Südamerikas“ aus den 80ern querbeet, und da steckt viel Wahrheit drin. Die Stadt hat etwas fast magisches. Kaum anderswo kann man Natur, Gegebenheiten, Architektur und schlicht alles, was das Auge aufnehmen kann, so schön erleben, wie hier. Nicht so die anderen Sinne, denn Rio stinkt, ist laut, und die Atmosphäre ist angespannt, gereizt.

Im Vorfeld war mir nicht so sehr bewusst, wie spannungsgeladen die Situation vor Ort ist. Hatten Stadt und Drogenkartelle vor den Großereignissen WM2014 und Olympia2016 eine Vereinbarung getroffen, ist die Mafia jetzt damit beschäftigt, sich „ihre“ Territorien zurückzuerobern. Täglich kommt es zu Schießereien, die Situation ist tatsächlich gefährlich. Der Sicherheitshinweis des Konsulats lautet: „Die Gefahr, Opfer eines Raubüberfalls oder eines anderen Gewaltverbrechens zu werden, ist in Brasilien erheblich höher als in Westeuropa. … Besonders stark von Kriminalität und Gewalt betroffen sind Armensiedlungen (Favelas). Von Favela-Besuchen wird daher dringend abgeraten. Diese Gebiete werden teilweise von Kriminellen und Drogenbanden kontrolliert. Bewaffneten Auseinandersetzungen, auch mit der Polizei, fallen häufig auch Unbeteiligte zum Opfer.“

Zum Glück musste ich die strikte Anweisung meiner Freunde, im Falle eines Überfalls Handy und Bargeld sofort herauszugeben, nicht Folge leisten. Ich habe mich aber schweren Herzens entschieden, nicht in die Favellas hineinzuwandern – und die Kamera habe ich, außer auf einer Rundtour, schlicht eingepackt gelassen. Wir haben einige Male Schüsse gehört, allerdings in weiter Entfernung. Und auch Kriminalität habe ich nicht gesehen. Zum Glück. Unfassbar für mich war die Omnipräsenz von Polizei, Stadtmiliz und Militär, immer in schusssicheren Westen und bis an die Zähne bewaffnet, auch in vermeintlich sicheren Stadtgebieten …

Was mich umgehauen hat, war die niederschmetternde Not, inmitten der Reichen und Schönen, inmitten der Louis-Vuitton-Blase, habe ich mehr Armut gesehen, als ich ertragen kann. Sehr mitgenommen hat mich eine alte Frau, die zu stolz zum Betteln war – sie akzeptierte Geld nur von Menschen, die es ihr mit einem Gespräch aufdrängen, meines hat sie liegenlassen, zugelassen, dass es ein anderer genommen hat. Ich habe Menschen gesehen, die in Mülleimern gewühlt haben, die vor Schwäche einfach umkippen … es hat mir einmal mehr klargemacht, wie gut es mir persönlich in meinem zufälligen Leben hier in Europa ergeht. Ich bin demütig, denn es gibt einen Unterschied zwischen sich einschränken müssen und der Nicht-Erfüllbarkeit der Grundbedürfnisse …

Für mich war es, obwohl ich Freunde besucht habe, eine Bildungsreise. Von der ich mir viele Gedanken zum Nachdenken mit zurückgebracht habe.

Rio #1


Was ich alles nicht wusste von Rio – schon auf meinen ersten Metern im Taxi in die Stadt, die durch den nicht angekommenen Koffer noch etwas „aufgeregt“ waren, hab ich mich in die unzähligen Graffitis verliebt.

Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht bewusst bemerkt habe: wir sind durch den Hafen und vorbei an Favellas gefahren, was für Touris nachts nicht empfehlenswert ist – aber ich war zum Glück sehr naiv und deshalb glücklich über meine Entdeckungen.


Schon auf dieser ersten Fahrt hat mich der ansonsten 0 irgendwelche Sprachen außer Portugiesisch sprechende Taxi-Fahrer auf den nachts hell erleuchteten Cristo aufmerksam gemacht – die Cariocas sind stolz auf ihren Cristo. Immer wieder aus allen Ecken der Stadt darf man einen Blick auf ihn erhaschen.


Für mich ein Must, mit der Zahnradbahn auf den Corcovado rauffahren, natürlich haben wir vorab im Internet Tickets gebucht. Schon das Hochfahren in der uralten quietschenden Bergbahn ist ein Erlebnis. Ich  hatte keine Sekunde Höhenangst, weil wir mitten durch den Urwald gefahren sind und immer wieder einen Ausblick erhaschen konnten.

Wir haben an unserem Ausflugstag tolles Wetter erwischt und viel gesehen (kann auch passieren, dass man durch den Dunst über der Stadt gar nichts sehen kann …). Und zusätzlich einen besonderen Moment erlebt: eine Meditation zum Welttag des Yoga an diesem besonderen Ort. Auch wenn das mehr eine Demonstration war, ich habe es sehr genossen –  und glaube übrigens, dass man an diesem Ort immer eine tiefe Meditation spürt, tief und frei atmen, einmalige Ausblicke auf diese besondere Stadt und das Meer sammeln – und sich über den Lärm der Stadt erheben. Das war für mich nämlich überaus anstrengend: Rio ist laut. Immer. Tag und Nacht. Überall. Es gibt keine ruhigen Orte in der Stadt …


Was man oben unbedingt machen muss ist, „schnell“ ein Foto machen. Auch hier hatten wir Glück: es war nicht so viel Andrang, wir mussten nicht anstehen, konnten uns immer wieder zu einem anderen Platz, einer anderen Perspektive, einer anderen Aussicht begeben. Ich hab viele Bilder gemacht, auch auch einfach genossen – denn erst in diesem Moment haben sich für mich all die kleinen Beobachtungen zusammengefügt. Diese Stadt liegt inmitten von Urwald, eingerahmt von Meer und Bergen. Rio ist besonders – und wunderschön.


Über der Stadt thront der Cristo …


… und er breitet allgegenwärtig seine schützenden Hände aus.


Rio liegt nach Osten, was bedeutet, dass die Sonne morgens über dem Strand aufgeht. Hier Ipanema am Vormittag von oben.


Ab dem Nachmittag spenden die Hochhäuser Schatten, der Sonnenuntergang ist im Winter – Südhalbkugel – schon recht zeitig: ab 17 Uhr wurde es kühl. Und die Strände leeren sich …


Ich hab meine Liebe für frisches Kokosnusswasser entdeckt, sollte man aber besser morgens trinken – und darauf achten, dass eine Toilette in der Nähe ist. UND es schmeckt immer anders, insofern: wems einmal nicht schmeckt, wie mir, einen zweiten Versuch starten.


Über den Verkehr könnte ich viel schreiben, ich belasse es damit: ich bin froh, dass ich hier nicht autofahren muss. Meine Weisheiten: Schlaglöcher gibts überall, auch in nagelneuen Straßen. Busse haben IMMER Vorfahrt, ein (Fußgänger-)Menschenleben ist nichts wert, Straßenregeln sind geschrieben, um sie durch Schnelligkeit und lautes Hupen zu übertreten. Motorradfahrer geben Vollgas, überall, auch an roten Ampeln. Ein Zebrastreifen ist kein Hinweis für Fußgänger, ebenso ist die rote Fußgängerampel zu überqueren … Ihr seht: ich habe viel gelernt und überlebt. Und Punkt.


Man sollte sich auch etwas Zeit für den Strand einplanen, das hab ich irgendwie verpasst. Dabei wars an der Copacabana manchmal menschenleer … wobei: nur im Liegestuhl abhängen ist nichts für Cariocas, sie spielen am Beach: Volleyball, Fußball und andere Ballsportarten, ganz viel Beachtennis oder Federball. Zudem stehen die Männer, um ihre durchtrainierten Körper zu zeigen. Die Frauen tragen knappste Bikinis, die permanent zurechtgeschoben werden müssen. Nackt ist verpönt, es geht darum, mit möglichst wenig Stoff möglichst wenig zu verhüllen, das aber sehr geschickt. Ins Wasser gehen bedeutet nicht Schwimmen gehen – angesichts von Wellen und Strömung ist Rausschwimmen übrigens nicht ungefährlich, wir haben einen großen Rettungseinsatz an der Copacabana mit Hubschrauber, mehreren Booten und Tauchern mitbekommen.


Trotz des aufgescheuchten Verkehrs machen sich an den Kreuzungen der großen Straßen an jeder Rot-Phase Straßenverkäufer auf, um alles mögliche zu verkaufen. Oder Künstler, wie diese beiden – ich wiederhole noch mal zur Sicherheit: der Zebrastreifen hat keinerlei Bedeutung …


Was mich unwahrscheinlich beeindruckt hat ist die Architektur, in der City reihen sich Skyscraper mit Glasfassaden an „normale“ Hochhäuser, dazwischen „alte“ Bausubstanz“.


Teilweise sind die Bauten wunderbar renoviert und bis ins kleinste Detail herausgeputzt.


Teilweise verfallen sie unbeachtet vor sich hin …

Für den Hafen hätte ich gerne viel mehr Zeit gehabt, dummerweise habe ich ihn auf meiner Taxifahrt und einer späteren Rundtour nur gestreift. Was wirklich schade ist – ich habe auf einer Tourismus-Seite eine Tour gefunden, die ich bei einem nächsten Mal unbedingt machen wollen würde, oder einfach zu Fuß mit der Kamera rummarschieren …


Ja, ich war am Maracana-Stadion, dort, wo die DFB-Mannschaft 2014 den Weltmeistertitel geholt hat. Hat leider auch nix gebracht. Reingehen kann man sich übrigens sparen – außer man besucht ein Fußballspiel, sonst gibts da nix zu sehen.

Im selbsternannten Land des Fußballs während der WM zu sein ist allerdings durchaus spannend. Das Leben steht still, wenn ein Fußballspiel läuft. Obwohl es zunächst langsam anlief, bis zum ersten Auftritt der Selecao wuchs die Dekoration: in jeder Kneipe, an jedem Kiosk, in jedem Shop und in jedem Büro liefen ALLE Vorrundenspiele. Und wer Zeit hatte hat sich hingesetzt und zugeschaut. Ich konnte mich bei meinen Rundmärschen durch die Stadt immer aktuell auf Bildschirmen informieren. Wenn die brasilianische Mannschaft – in der Vorrunde – gewinnt wird danach gefeiert, wie wir in Deutschland den Weltmeistertitel 2014 gefeiert haben. Die Chefs geben ihren Angestellten frei, wer kann besucht die Fanmeilen, Banken und Geschäfte öffnen erst etwa 2 Stunden nach Abpfiff … War eine besondere Stimmung für mich, auch wenn Deutschland raus ist, habe ich die WM dort gerne geschaut 🙂


Rio ist eine stolze Schönheit, vom Karneval habe ich nichts mitbekommen, war aber auf einer Tour im Sambadrom, habe Kostüme und die Tribünen bestaunt … was ich aber beobachtet habe ist das Leben. Die Bewohner der Stadt leben, ohne Rücksicht. Auf andere oder auf Konventionen. Das ist einerseits einladend, andererseits hat es mich auch öfter irritiert. Diese Stadt gibt sich so weltoffen – ihre Bewohner sind aber oftmals nur mit sich selbst beschäftigt. Viel schöner Schein. Ich kann gar nicht beschreiben, wie sehr mich Selfies irritiert haben. Immer wieder blieb jemand stehen, zog Kleidung zurecht, schüttelte das Haar in typischer Geste, Selfie-Arm – und zack. Ich habe es beobachtet, den Hintergrund gescannt und mir wirklich Mühe gegeben. Aber ich fürchte, ich verstehe diesen Selfie-Kram und auch die südamerikanische Mentalität insgesamt einfach nicht …?


Ja, und dann meine größte Irritation: Die Natur kommt an jeder Straßenecke zum Vorschein, es gibt einen Stadtpark, einen botanischen Garten und unzählige Parks und Gärten, dazu so viele Ecken, in denen man mitten durch den Urwald gehen darf. In der Stadt leben Affen, die auf den Stromleitungen laufen, Frösche, Vögel … Aber der Carioca geht sehr achtlos mit dieser Umwelt um. Zwar stehen überall große Mülltonnen für die Mülltrennung, ich habe aber beobachtet, dass kaum jemand seinen Müll überhaupt in einen der dafür vorgesehenen Eimer wirft. Alles wird einfach liegengelassen. Und wenn ich sage alles: es ist auch alles verpackt. Plastik, wohin ich auch geschaut habe. Sehr selten, nur im lieben gelernten Supermarkt Hortifruti, war das Gemüse, das Obst, der Salat nicht in dichten Plastikschichten verpackt. Und selbst da sind die Bioerzeugnisse verpackt … Zu schade, aber ich hoffe einfach mal auf die Initiative und die Zeit. Die Mülleimer stehen da und meist ist es ja so, dass Trends von anderen Kontinenten zeitversetzt überall ankommen. Scheint ja auch so mit den Tattoos zu sein: bei uns gerade am Abklingen, in Südamerika schießen Tattoo-Studios überall aus dem Boden.