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Heimatverliebt: Erlebnis

Anderswo auf der Welt gibt’s bestimmt „mehr“ Erlebnischarakter. Ich finde aber, dass die Hallertau eine einmalige Kulturlandschaft ist. Geprägt vom Hopfen gibt’s hier viel zu sehen und entdecken, was es anderswo eben nicht gibt.

Einen kleinen Einblick kann man sich auf dem 4 Kilometer langen „Hallertauer Lehrpfad“ in Wolnzach verschaffen. Auf der schönen Spazierstrecke laden 26 Schautafeln zum Staunen und sich informieren ein. Wer mag, verlängert über Lohwinden, Rohrbach, Fahlenbach, Königsfeld und Starzhausen und wandert dann etwa 12 Kilometer durch die Hallertauer Hügel und Hopfenfelder. Wer sich mehr für Hopfen & Bier interessiert, startet entweder zu Fuß oder auf dem Rad auf den etwas weiter östlich gelegenen in Mainburg startenden gleichnamigen Erlebnispfad. Auf 12 Kilometern warten 17 Schautafeln mit allem auf, was es über Hopfen und Malz und die Kunst des Brauens zu wissen gibt.

Früher wurde der Hopfen mit der Eisenbahn transportiert, durch meine Heimat verlief damals eine Nebenstrecke, auf der das sogenannte Holledauer Bockerl unterwegs war. Das ist lange her, aber noch heute werden gerne Anekdoten aus früheren Zeiten erzählt, denn der Name „Bockerl“ weist schon auch auf ein bockiges, nicht immer fahrplangemäßes Verhalten des Zuges hin. Beim aufs Bockerl warten wurden Neuigkeiten ausgetauscht, man war vorbereitet, hatte Essen dabei. Ein Verein stellt regelmäßig Bilder, Nachbildungen und vieles mehr aus. Und immer wieder sind die alten Züge auch an Aktionstagen auf den Gleisen im Einsatz. Ansonsten sind die ehemaligen Bahntrassen heute streckenweise als Wander- oder Radstrecken in Nutzung.

Ein Teilstück im Auer Wald war übrigens zu Teenagerzeiten die Fitness-Strecke meines Freundeskreises, wir haben auf den alten Gleisen eine Disziplin geübt, die man etwa so beschreiben könnte: so schnell möglich, jede Schiene erwischend, so weit wie möglich. Kann man evtl. mit schnellem Dribbeln ohne Ball vergleichen? Es war sehr effektiv, wir waren sehr fit – und es war immer sehr erlebnisreich.

Erlebnisse auf einem echten Hallertauer Bauernhof, damit werben einige Anbieter in der Region. Da ich selbst keinen getestet habe, würde ich ungern eine Empfehlung aussprechen. Allerdings würde ich gerne die Aktivitäten herausstellen. Eine jahreszeitliche Führung durch den Hopfengärten mit Erläuterungen zu Wachstum, Pflege und Hege der Pflanze bis hin zu Ernte. Einige Anbieter haben auch eine Art Erntehelfer-Schnupperkurs, warum nicht mal probieren? Ergänzt werden die Programme mit gängigen Themen aus dem bäuerlichen Leben, Tiere, Kochen, Garten, Felder, Geräte … ich stell es mir für groß und klein spannend vor. Ein bisschen alle Sinne ansprechen, sehen, riechen, schmecken, fühlen, hören, fühlen, greifen … rundrum spüren eben. Suchbegriff: Hallertauer Erlebnisbauernhof.

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Jule lädt zum Schreibprojekt „Heimatverliebt“, zum Thema „Erlebnis, Action und Vergnügung in der Hallertau“ ist mir erst mal ehrlich gesagt nicht viel eingefallen.  Mit etwas Nachdenken kann man aber schon ganz viel erleben – und auch Ungewöhnliches, wie ich finde. Mehr Heimatliebe aus unterschiedlichsten Regionen findet ihr unter dem Suchbegriff „Heimatverliebt“.

#Heimatverliebt: Historische Hallertau

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Wenn ich über meine Heimat nachdenke, dann denke ich an den Hopfenbau, die Hallertau und der Hopfen, das gehört zusammen. Historisch ist das aber erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts so. Damals wurde der Hopfen in unserem Landstrich heimisch und der Ertrag des “grünen Goldes” machte den Hopfenbauern reich. Davor war die Region weniger mit Wohlstand gesegnet, Sumpflandschaften, lehmige, sandige Böden und durch die Hügellandschaft zahlreiche Hänge mit geringer Nutzfläche, dazu bekannt für Nebel und Regen, hier wuchs keines der Topseller-Produkte wie Getreide oder Wein besonders gut. Dafür gedieh der bis dahin wenig genutzte Hopfen auf den Böden und im Wetter recht üppig.

Mitte des vorletzten Jahrhunderts begannen die Bierbrauer in München mit der Großproduktion, diese Chance ergriffen die Holledauer Bauern. Sie kultivierten die Hopfenpflanze und hatten mit dem Ertrag eine lukrative Einnahmequelle. Der neue Reichtum des Bauern zog in der Erntezeit billige Wanderarbeiter von überall herbei, die zwar nicht gerade üppig fürs Hopfenzupfen entlohnt wurden. Vor allem, da die drei bis sechs Wochen härteste Arbeit waren, trotzdem kamen sie in Scharen, um über 100 Jahre jede einzelne Dolde von den bis zu 10 Metern langen Pflanzen per Hand zu zupfen.

Was wir heute als so typisch für die Region empfinden, die Hopfengärten mit den hohen Stämmen und den Drahtgestellen, die man beim Fahren auf der A9 so schön sieht, ist tatsächlich eine Entwicklung des 20. Jahrhunderts. Davor hatte man im Garten kürzere Stangen, an denen die Pflanze hoch bzw. vorwärtswachsen konnte. Mit der Erfindung der Hopfenzupfmaschine Mitte der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts begann die Knochenarbeit etwas leichter zu werden.

Heute hat sich die Menpower bei der Hopfenzupf minimiert – einer fährt mit dem Traktor raus, an seinem Wagen ein Abreißgerät.img_5057Er lädt die Fuhre ab, einer hängt die Reben an der Zupfmaschine ein, der Rest läuft automatisiert ab. Früher waren so viel mehr Menschen involviert und mussten rackern.


Natürlich muss man dabei bleiben, aufpassen, auch heute bleibt mal ein Draht in der Maschine hängen.

Der Mensch ist nicht überflüssig.

Aber verglichen mit der Hopfenzupf anno dazumal ist viel weniger los auf den Höfen.

Und anders als früher ist der Hopfen auch nicht mehr Garant für gutes Geld.

Trotzdem bleibt es das grüne Gold, in guten Jahren ist der Hopfenpreis ein stolzer, ein lohnender.

Heute ist die Hallertau als „weltgrößtes Hopfenanbaugebiet“ bekannt, die ersten Hopfenwurzeln kamen wohl durch slawische Siedler in die Region, die sogenannte „Fechser“ mitbrachten und in den Böden kultivierten. Meine Großmutter mütterlicherseits stammt aus dem kleinen Weiler Gründl, das laut einer Urkunde neben Geisenfeld die älteste Ortschaft mit Hopfenanbau in der Region ist. Für mich als hier geboren und aufgewachsen ist die Hopfenzupf jedes Jahr Anlass, mich zu freuen. Schon allein, wie gut es rundum riecht.
Und ich liebe die Geschichten aus der guten alten Zeit, kann mich als Kind an die Wochen erinnern, in denen wir mit draußen waren. Besonders schön ist, dass ich in der Familie und im Freundeskreis noch Hopfenbauern habe, da darf ich auch mal „reinschnuppern“, vorbeikommen, riechen und schauen. Und knipsen.

Dass ich nicht mehr mitarbeiten muss stimmt mich alles andere als traurig, die Arbeit fand ich sehr hart.

Mir ist durchaus bewusst, dass es auch heute noch mühselig ist, dass der Hopfen eine Sonderkultur bleibt, dass am Spruch, “der Hopfen will jeden Tag ihren Herrn sehen” immer noch sehr viel Wahrheit steckt.

Das Wetter spielt eine entscheidende Rolle, zu viel, zu wenig, egal ob Sonne oder Regen, ein Hagelschlag, schon ist die Arbeit eines ganzen Jahres dahin …

Hinter jedem Hopfengarten in der Hallertau verbergen sich eigene, ganz persönliche (Lebens)geschichten, stecken Menschen und Generationen, wer in der Region unterwegs ist, darf sich auf Erzählungen freuen.

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Jule lädt zum Schreibprojekt „Heimatverliebt“, ich habe mich etwas von den Monatsthemen gelöst und widme mich einer Idee rund um „Historisch in deiner Heimat“. Und habe mich etwas in die Geschichte des Hopfens eingearbeitet, das die Region seit noch nicht mal zwei Jahrhundert, dafür so nachhaltig prägt. Gerade „tobt“ rundherum die Hopfenzupf und ich hab mir fest vorgenommen, in den kommenden Tagen noch ein paar mal tief reizuschnuppern in die diesjährige Ernte … Mehr Heimatliebe aus unterschiedlichsten Regionen findet ihr unter dem Suchbegriff „Heimatverliebt“.

Gschmackerl

Über der Wiesn liegt ein besonderer Duft, am Vorabend war’s diese Mischung aus Bier und
dem ersten heißen Fett. Als Test für die Hendl, Würstl, das erste Schmalzgebäck… Schon am Eröffnungstag kommt der Eigengeruch der vielen Menschen dazu, die Pferde der Brauereigespanne hinterlassen Duftmarken. Die ersten Überreste müssen mit Wasser von den Wegen gespült werden. Obwohl es nach oben hin freier Himmel ist staut sich auf den Wegen der Theresienwiese schon nach wenigen Stunden so der ein oder andere Geruch oder besser: Gestank. Draußen darf geraucht werden, nach so ein paar Bier lechzen die Raucher förmlich danach. In den Zelten riecht es, seitdem drinnen nicht mehr geraucht werden darf, teilweise sehr streng. Die Dunstwolke hatte nicht nur schlechte Seiten, der Smog hat sich angenehm über die körperlichen Ausdünstungen und Ausscheidungen der betrunkenen Massen gelegt. Es wird geschwitzt, es wird getrunken, es wird gegessen, es wird gef…. Ja, so manche Gase möchte Frau nicht riechen müssen, da würde ich sehr viel lieber passiv Rauchen!
Krass ist: das ist aktuell auch weit über die Grenzen der Wiesn hinaus in ganz München zu erschnuppern. Auf den Wegen zu und in U-Bahn, S-Bahn, Tram, Taxiständen. Auf den Straßen rund um die Wiesn (kein Wunder dass viele Anwohner Jahr für Jahr ihre Wohnungen verlassen oder vermieten, um das nicht einatmen zu müssen). Weiter geht’s in den öffentlichen Verkehrsmitteln, in den Taxen, in After-Wiesn-Lokalen, auf dem Heimweg zu Fuß. Einfach überall.
Zum Glück verflüchtigt sich dieses Gschmackerl nach der Wiesn schnell wieder, puh!

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Mit Kindern auf dem Oktoberfest

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Ich kann mich nicht erinnern, wie es als Kind auf Volksfesten war. Habe daran wirklich keinerlei Erinnerung. Bei meinen kleinen Freunden gibt es in jedem Fall zwei Sorten Kinder: diejenigen, die Volksfeste großartig finden: je lauter, je bunter, je greller, je mehr Menschen um einen rum, umso besser. Und diejenigen, die weinen, lieber woanders wären. Die sich nicht beruhigen lassen, verschreckt sind. Da kann kein Spielkamerad helfen, kein schönes, ruhiges kleines Karussell. Keine Schokolade, kein schöner Luftballon. Habe das bislang quer durch alle Altersklassen erlebt, ob Baby, Kleinkind, Kind – jedes Kind ist anders.
In den letzten Tagen hab ich auf der Wiesn viele Familien mit Kindern gesehen. Beobachtet, wie kleine Mädchen sich hinter ihrem Papa verstecken, und trotzdem mit großen, neugierigen Augen den Kerlen zuschauen, die den Lukas hauen. Wie ein Kleiner Junge sicher in den Armen seines großen starken Papas die Münchner Rutschen herabsaust, lächelnd und mit einem glückseligen Juchzen. Wie eine Gruppe Kinder das Kinderkarussell erobert und eine Runde lang viele Freunde sich gegenseitig zujubeln, und auch mal zu den fotografierenden Eltern Lächeln, das aber nur als notwendiges Übel. Sonst waren sie vollkommen in ihrer Rolle als Feuerwehrmann, Polizist, Hubschrauberkapitän oder Motorradfahrer versunken. Mein Liebling war eine etwa 7jährige, die mit ihrer Oma in der Schlange am Riesenrad stand und sehnsüchtig nach oben geblickt hat. „Oma, glaubst du echt, ich kann von ganz oben aus bis zu uns nach Hause schauen?“ „Ja, wir können das sogar fotografieren…“ „Oh, dann machen wir ganz viele Fotos, die kann ich dann allen zeigen!“
Dann gibts die anderen Extreme: im Schottenhammel war Samstag am frühen Nachmittag ein asiatisches Ehepaar mit einer vielleicht zweijährigen Tochter. Im Gang. Die Mutter hatte das Kind quasi an der Leine, der Vater hat getrunken, wahrscheinlich auch seine Frau. Viele Betrunkene haben versucht, mit dem Kind zu tanzen, es zum Lachen zu bringen … Direkt daneben wird von der Bank gekotzt, Betrunkene taumeln, Krüge gehen zu Bruch. Ein Kamerateam von RTL hat versucht, den Eltern klarzumachen, dass das kein Platz für kleine Kinder ist. Irgendwann waren sie nicht mehr da, ich hoffe, sie sind rausgegangen. Ein Bierzelt ist kein guter Ort, nicht um diese Zeit, nicht mit der Masse an betrunkenen Besuchern. Abends hab ich auch stark schwankende Eltern gesehen, den Kinderwagen nicht mehr sicher im Griff. Vor dem Weinzelt stand ein großer Bruder mit seiner kleinen Schwester, sie hat so geheult. Auf meine Frage, wo denn ihre Eltern seien, meinte der Große „Die wollten sich noch schnell was zu trinken holen.“ „Wie lange steht ihr schon hier und wartet?“ „Weiß nicht, vielleicht eine Stunde?“ Der Junge war vielleicht 6 Jahre alt.
Ich hoffe, die Kinder erinnern sich später mal nur an die guten Erlebnisse?

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