Feige oder diplomatisch?

Als Kind war ich manchmal schrecklich unsicher: ich wollte nicht feige sein, war nicht einverstanden mit dem, was andere sagten oder taten, ich stand trotzdem daneben und hab einfach nichts gesagt. Manchmal statt einer Antwort zu geben gelächelt. Kein Ja, kein Nein. Ich wollte nicht etwas tun, nur weil es ein anderer gemacht hat, wollte nicht gut oder schlecht finden, nur weil andere das taten. Wollte weder Mitläufer sein, aber auch nicht wegen einer anderen Meinung angefeindet werden. Manchmal wollte ich auch ganz einfach schlicht keine Stellung beziehen, Manchmal war mir das Thema egal, manchmal fand ich den, der gerade auf der Shitlist der anderen war, gar nicht so schlecht. Ich hab mich schon früher oft auch mit denen verstanden, die von den anderen verachtet wurden. Alles gar nicht so einfach, denn man möchte schließlich dazugehören, zu denen, die in sind. Die den Trend angeben. Die irgendwie hipper, cooler, beliebter … was auch immer sind?

Heute nennen wir es diplomatisch sein. Als Erwachsener ist es nicht nur ok, manchmal keine Meinung zu etwas zu haben, gerade im Beruf kann es sogar gefordert werden. Ich bin nicht immer mit allen Äußerungen von Menschen einverstanden, hin und wieder weiß ich es sogar besser – aber ich habe kein Problem damit, auch mal die Klappe zu halten. Nicht immer recht zu haben (ok, nicht oft, aber manchmal klappt das schon). Nicht das letzte Wort zu haben. Sondern einfach nur nett zu lächeln, mir meinen Teil zu denken – und dadurch am Ende des Tages meine Ruhe zu haben. Sich aus gewissen Dingen raushalten, „unpolitisch“ oder „politisch korrekt“ sein, heißt nicht automatisch, dass man Mitläufer ist, sich duckt und seine Meinung nie äußert, im Gegenteil.

Es ist wichtig, für seine Prinzipien, Meinungen und Werte einzustehen, dann, wenn es einem selbst wichtig ist. Aber muss ich mich wirklich zu allem äußern? Zu allem eine Meinung haben? Kann ich das überhaupt? Ich finde es ok, manchmal nur zuzuhören, ganz ohne mir eine Meinung zu bilden. Und vor allem, ohne selbst Stellung zu beziehen. Und auch wenn ich nicht immer einverstanden bin mit den Äußerungen anderer Menschen: ich kann trotzdem auch heute noch die Schnauze halten, in mich hineinlachen – und bin dabei nicht feige, sondern setze meine Prioritäten.

Wenn ich mich zurückerinnere war eine ganz unsicher Zeit anfangs im Kindergarten: an meinem ersten Tag waren wir „Kleinen“ ganz alleine. Ich hatte einen Platz, kannte meine Nachbarn. Alles gut. Am zweiten Tag kamen die „Großen“ dazu. Ich setze mich auf meinen Platz, eines der größeren Mädels hat mich kompromisslos von meinem Platz vertrieben: „Steh auf, da sitze ich – schon immer!“ Im ersten Moment hätte ich mich am liebsten gestritten – dann hab ich mich umgesehen, mich auf einen anderen freien Platz gesetzt. Und was soll ich sagen: meine beiden Kindergartenjahre sind nach den Turbulenzen des Anfangs ruhig verlaufen. Ich habe wunderbare Freunde kennengelernt. Und habe heute noch eine Freundin aus dieser Zeit. Wir sehen uns nicht oft, aber wenn wir uns sehen ist es wunderschön! Und sie war übrigens in ihrer Kindheit die Nachbarin des besagten größeren Mädels – mit der ich später tatsächlich auch so etwas wie eine Freundschaft geführt habe und die sich heute noch freut, wenn sie mich mal wieder trifft 🙂

Warum besondere Augenblicke immer schnell vorbei sind

So ist das doch immer, vor allem, wenn man sich auf etwas riesig freut: der Tag, die Veranstaltung, die Urlaubswoche, endlich da – und schon wieder vorbei. Kaum, dass man alles so richtig mitbekommt? Ich kann mich erinnern, wie ich als Kind meinen Geburtstag über Wochen und Monate herbeigesehnt habe: alle Geschenke nur für mich. Ein Tag, an dem sich alles nur um mich dreht. Je älter ich wurde, desto mehr Vorfreude. Je mehr ich wusste, was mich alles an diesem einen besonderen Tag im Jahr erwartet, desto wow. Und schon war der Tag wieder rum – und die 365 Tage Vorfreude waren wieder da.

Der erste Schultag, kaum, dass ich mich daran erinnern kann. Aber die Aufregung, die Erwartung war riesengroß. Und der Tag hat in meiner Erinnerung nicht mal den Bruchteil einer Sekunde gedauert. Alles war irgendwie vorbei, bevor ich es richtig aufnehmen konnte. Und schon war es der zweite Schultag, der dritte – irgendwann habe ich aufgehört zu zählen. Dann der erste Schultag am Gymnasium: auch nicht mehr Zeit, schon waren 13 Jahre Schule rum. Wie nervös ich an meinem ersten Tag an der Uni war, schon wars Gewohnheit. Plötzlich auch wieder vorbei. Der allererste Arbeitstag, der erste Kuss, das erste Mal, das erste Date, der erste Urlaub, undsoweiter undsoweiter.

Dabei müssten besondere Tage oder Situationen, auf die man sich so lange freut, doch eigentlich wenigstens genauso lange dauern, wie die Vorfreude. Oder?

Mittlerweile habe ich gelernt, dass Vorfreude etwas ganz Besonderes ist: ich genieße die Vorfreude, die Aufregung, die Nervosität heute fast mehr, als den Tag selber. Der ist ohnehin schnell vorbei. Aber die Vorfreude kann tatsächlich 365 Tage im Jahr einnehmen. Immer wieder ein kleiner Gedanke, ein paar Minuten träumen, was alles passieren könnte. Jedes Mal malt man sich den besonderen Tag etwas anders aus, das eine Mal vielleicht gar nicht sehr realistisch, eher im Schnellvorlauf. Das nächste Mal mit vielen Wiederholungen von Einzelsequenzen. Wie schön ist Vorfreude – sie kann irre lang andauern. Wenn ich mich auf etwas wirklich aus ganzem Herzen freue, es herbeisehne, dann gibts eigentlich kaum eine Wirklichkeit, die meine Vorstellungen übertreffen kann.

Aber manchmal eben doch, und dafür ist es jede Sekunde Warten wert. Das Schönste ist nämlich, dass es durch diese klitzekleine Unsicherheit gar nicht mal mehr so schlimm ist, wenn man sich mal sehr lange vorgefreut hat und der Tag/das Erlebnis dann viel zu schnell wieder vorbei war: es gibt entweder ein nächstes Mal oder eine andere Gelegenheit, die für alles entschädigt.

Liebe kleine Schwester, ich hab mich sehr gefreut, heute morgen mit dir zu telefonieren 🙂 Jetzt weiß ich, dass du aktuell schwimmst wie ein Fisch, dir Schwimmen soooooo viel Spaß macht – manchmal muss man einfach nur telefonieren, um die kleinen Dinge mitzubekommen und sich daran zu freuen? Wie spannend dein Leben ist, ich denke, du freust dich schon ganz doll auf das nächste Mal Schwimmen? 🙂

Was mich beschäftigt und was ich meinen Patenkindern gerne erzählen würde

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