Jedem geht mal „die Vernunft aus“

Als Kind hatte ich oft mal den Eindruck, nicht gerecht behandelt zu werden: immer Verbote, immer geschimpft werden, nie meinen Kopf durchsetzen. Auch – oder natürlich gerade dann – wenn ich recht hatte. Aus meiner heutigen Perspektive muss ich sagen: Kinder wissen nicht immer, was gut und richtig ist. Aber es gibt auch Situationen, in denen eure Eltern, die Großeltern oder die lieben Tanten und Onkel einfach mal mit der Situation überfordert sind. Das kann einfach dadurch passieren, dass der Tag lang und anstrengend war, dass man sich gerade gestritten hat, dass man sich über etwas geärgert hat. Kurz: auch Erwachsene halten sich nicht immer an die selbst gesetzten Regeln, sind nicht immer gerecht, nicht immer fair. Es passiert jedem, dass er mal nicht gut agiert, sich über etwas ärgert, nicht mehr souverän sein kann und sogar ein Stück weit die Kontrolle verliert.

Wichtig ist für Erwachsene und Kinder zu verstehen, dass das in der Situation zwar so ankommt, aber keinesfalls böse gemeint ist – ja, das ist manchmal schrecklich ungerecht! Und als nichterziehungsberechtigte Tante sitze ich dann nebendran und denke: soll ich mich einmischen? Kann ich mich einmischen? Was kann ich sagen, ohne die Situation noch weiter zu eskalieren? Passiert mir in beide Richtungen: denen die Vernunft ausgeht – Kinder, die unvernünftig provozieren.

In diesem Jahr saß ich mal mit den Eltern meiner Patenkinder gerade glücklich in der Sonne, um uns rum Trubel, aber wir waren gerade so schön im Moment angekommen. Erwachsene mögen sowas – als Kind ist das langweilig. Deshalb die Frage „Wer spielt jetzt mit mir?“ Die kleine Schwester ist noch zu langweilig und es sitzen da 3 Erwachsene, jeder ein potentieller Kandidat. „Wir sitzen jetzt erst mal 10 Minuten, lass uns einfach mal in Ruhe.“ Nach gefühlt 30 Sekunden „Aber jetzt gehts lohohos, los, wer spielt mit mir!“ Darauf gabs dann keine klare Antwort, kein einfaches Nein, sondern einen bombastischen Anpfiff. Der aus Sicht des betroffenen 6jährigen und aus meiner nicht wirklich gerechtfertigt war. Etwas zu sehr Anpfiff, etwas zu aggressiv in der Situation – aber passiert. Und es wäre schrecklich, wenn ein Kind sein ganzes Leben lang denkt, das wäre persönlich gemeint gewesen – oder es hätte etwas verkehrt gemacht. Er hat sich so ungerecht behandelt gefühlt, Schnute, „aber ich hab doch gar nix verekhrt gemacht ….!“

Man kann von einem 6jährigen nicht verlangen, die Welt mit den Augen eines gestressten Erwachsenen zu sehen. Und man kann von einem Erwachsenen nicht immer verlangen, dass er Verständnis für alle Bedürfnisse eines Kindes hat. Und trotzdem: die Welt ein bisschen unbeschwerter nehmen, den Stress abschütteln, Dampf an den richtigen Stellen ablassen, sich Zeit für die Kinder nehmen, wenn sie wach sind, das ist alles immer dann möglich, wenn die Energiereserven aufgeladen sind.Wenn die Batterie leer ist sieht es anders aus …

Es gibt keinen Wegweiser für Mama und Papa, Oma und Opa, Tante und Onkel, was wann wie zu tun ist, wenn die Vernunft mal ausgeht. Und auch das muss man wahrscheinlich lernen, gehört zum Prozess des kindlichen Begreifens dazu. Solange es bei Ausrutschern bleibt, alle sich ansonsten an die gesetzten Regeln halten, ist es wahrscheinlich ok. Das Maß sollte es aber nicht werden. Und was ich nie akzeptieren möchte, ist etwas an einem Kind auslassen, nur damit es einem als Erwachsenem besser geht. Was ich nicht toleriere ist Gewalt. Aber ich weiß, dass auch meinen Eltern immer mal wieder die Hutschnur geplatzt ist. Vor allem mit mir als der Ältesten, die sich nicht immer an die Regeln gehalten, häufig die Grenzen ausgetestet und generell immer dagegen geredet hat. Und heute verstehen wir uns so gut – so sollte es sein, oder?

Gestern im Kinderkarussel

Ja meine Lieben, gestern war ich mal wieder für ein paar Minuten Kind, war mit meiner bezaubernden Nichte Belegschaft des Feuerwehrautos auf einem Kinderkarussel auf einem winzig kleinen Markt irgendwo in Bayern.

Das war kein großes Karussel, nicht viel Auswahl, ein Hubschrauber, ein Polizeiauto, zwei Motorräder, ein Bagger … Aber V. ist noch nicht mal 2, in ihren Augen sieht das alles sicher riesig aus. Mit den Augen eines Kindes betrachtet sind das Möglichkeiten, wo man schon mal schnuppern kann, wie fühlt es sich an, auf einem Motorrad zu sitzen, das sich bewegt. Ich bin Kapitän eines Schiffes. Ich bin Polizist. Oder eben: ich bin Feuerwehrmann, es geht zum Einsatz, die Sirenen heulen.

Allein durfte sie noch nicht mit, also geht die Tante mit an Bord. Wärs nach mir gegangen, hätten wir natürlich im Hubschrauber Platz genommen. Auch wenn ich im echten Leben Höhenangst habe und niemals freiwillig in einem wackligen Hubschrauber die Erde verlassen möchte, auf dem Kinderkarussel finde ich persönlich den Hubschrauber spannender als alles andere. Nicht nur, weil er höher ist und man oben auch noch die Flügel drehen kann, sondern einfach, weil sich ja alles dreht. Man also die Welt aus einer anderen Perspektive sieht, so wie von einem Helikopter aus – also so wie ich es mir vorstelle von einem Helikopter aus.

Da wärs aber für eine Erwachsene richtig eng geworden, insofern hat uns der nette  Karusselbesitzer auf die Rückbank des Feuerwehrautos platziert. Wir hatten auch noch einen Mitfahrer, Die bezaubernde Nichte, die ja eigentlich super forsch und mutig ist, wollte deshalb nur auf meinem Schoss sitzen, nicht selbst auf der Bank. beim Einsteigen hab ich mir schon den Kopf gestoßen, was beweist, dass selbst meine Zwergengröße von knapp über 1,60 zu groß für das Kinderkarussel ist. Und dann beginnt die Fahrt, V. ist erst mal abgelenkt, denn der Junge neben uns ist auch etwas eingeschüchtert durch mich, starrt mich mit großen Augen an. Spätestens nach einer Runde und dem Blick auf die strahlenden, winkenen Eltern beginnen aber auch die Augen meiner kleinen Mitfahrerin auf dem Schoss zu leuchten. Das Karussel ist gar nicht mal langsam, wir drehen uns und drehen uns, draußen schauen uns ein paar Menschen zu, winken, lachen uns an.

Und irgendwann kommt er dann, der Juchzer des Glücks, das fröhliche Lachen – Karusselfahren ist toll. Es hat einen ganz eigenen Zauber, und nächstes Jahr bist du schon etwas größer, dann klappts vielleicht sogar ohne die Tante (der es tatsächlich auf den paar Minuten schlecht geworden ist – ich bin nicht wirklich ein guter Spielkamerad für Volksfeste!). Aber ich staune immer wieder, wie viel Mut du hast, was du dich traust, und dabei bist du trotzdem vorsichtig, beobachtest erst, was die anderen tun. Zumindest meistens. Gestern mit neuen Schuhe in die Pfütze zu stolpern war ein kleiner Ausrutscher, an den du dich nicht mehr erinnern wirst – insofern: ein wunderbarer Tag. Und wir zwei als Team, so schön!

An was man sich erinnert – und woran nicht

Kinder leben im Augenblick – warum soll ich jetzt schon mit Spielen aufhören? Gerade ist es toll! Warum soll ich jetzt schon ins Bett? ich bin noch gar nicht müde? Mir macht es keinen Spaß, mit der da oder dem da zu spielen – ich mach einfach was anderes. Eine herrliche Einstellung, wenn nur wir Erwachsenen nicht wären, die denken, alles regeln zu müssen. OK, manche Regeln sind gar nicht mal so daneben und ein paar davon müssen natürlich sein ….

Dennoch beneide ich euch Kids schon sehr, denn über vernünftig oder unvernünftig sein hab ich mir in meiner Kindheit wenig Gedanken gemacht. Dafür erinnere ich mich an tolle Nachmittage: eine ganze Bande von Kindern, quasi jeder aus dem Dorf, der laufen konnte, bis hin zu den älteren Jungs (die waren damals für mich irre alt, also 5 oder mehr Jahre älter, puh!). Wir haben Räuber und Gendarm gespielt, das ganze Dorf war unsere Spielwiese. Oder Volleyball im alten Schulhaus. Oder Fußball irgendwo auf einer Wiese. Oder ein Baumhaus gebaut (ok, Haus ist übertrieben: Bretter so zu einer Fläche zusammengefügt, dass es uns Fliegengewichte kurzzeitig getragen hat, das triffts besser). Vereinbarte Uhrzeiten zum Nachhausekommen waren immer schnell vergessen. Ich hab oft Ärger mit meiner Oma und meinen Eltern bekommen, vor allem mit der Oma, denn die hatte für solche Vergnügungen keinerlei Verständnis.

Je älter ich werde, desto mehr wünsche ich mir zurück, einfach nur im Hier und Jetzt zu sein. Nicht immer über „was wäre wenn“ zu grübeln, sondern einfach zu tun und zu erleben. Meistens kann ichs, aber nicht immer.

Warum ich darüber nachdenke? Kürzlich habe ich auf dem Fußmarsch zum Oktoberfest jemanden getroffen, eine Frau hatte mich angesprochen und nach dem Weg gefragt. Wir haben uns dann gegenseitig begleitet und kamen ins Plaudern. Ich hätte sie aus der Entfernung auf 50 geschätzt, tatsächlich erzählte sie mir, sie sei 75 Jahre alt, mache täglich Yoga und achte sehr auf ihre Gesundheit. Sie sei auf dem Weg zu einem Rendezvous, habe sich aber in der Nähe der Wiesn verabredet, für den Fall, dass das nix werde können sie schnell rüberwechseln und trotzdem Spaß haben. Ich musste schmunzeln. Dann hab ich etwas gejammert, schließlich war ich schon etwas erkältet, hatte leichte Halsschmerzen und wäre eigentlich gut schlafend im Bett aufgehoben gewesen. Sie schaute mich schmunzelnd von der Seite an und meinte: „Wenn ich nachdenke, ich erinnere mich an keine einzige Nacht, die ich schlafend in meinem Bett verbracht habe. Auch nicht daran, dass ich mich hinterher besser gefühlt hätte? Das Leben ist draußen, hier und jetzt! Man verpasst zu viel schlafend.“

Wie wahr? Ich hatte übrigens einen meiner schönsten Wiesn-Abende in diesem Jahr, die Halsschmerzen waren schnell vergessen, das Licht war irre, die Stimmung toll. Und ich war unterwegs, habe das Leben gespürt und werde mich daran wohl tatsächlich immer mal wieder erinnern. Wie an die lebendigen Tage meiner Kindheit – und sogar über den Krach mit Oma kann ich heute lächeln, das gehört auch dazu.

Wann weiß man, dass es der Richtige ist?

Vor kurzem hat mein kleiner Großer, den ich schon als klitzekleines Baby kannte und der jetzt gerade mal süße 6 Jahre alt ist, seiner Mama eine Frage gestellt: Wann weiß man denn, ob man verliebt ist? Eigentlich wollte er, das kam im Gespräch heraus, aber noch viel genauer wissen: Wann weiß man, dass der, in den man sich verliebt hat, der eine Mensch für einen ist? Der, den man dann auch mal heiratet …

Offensichtlich hat er sich in jemanden verkuckt, ist verschossen, hat Gefühle für jemanden oder mag zumindest jemanden lieber, als andere Menschen. Und beschäftigt sich ergo mit den entscheidenen Fragen: ist das schon der Mensch, zu dem ich mal ja sagen werde? Ich musste lächeln und hab mich zurückerinnert an meine eigene Unsicherheit im Umgang mit diesem wirren Thema Gefühle – zwar hat mich das Thema „der Richtige“ erst sehr viel später ereilt, da war ich zuckersüße 13 und hab „den Einen“ kennengelernt, den ich sofort und auf der Stelle heiraten wollte. Ihm folgten in der Zwischenzeit schon so der eine oder andere, für den ich mich ernsthaft begeistert habe. Die Frage nach dem Einen stelle ich aber nicht mehr so oft – aber davon ein anderes Mal!

Aber zurück zum Thema: ich war früh verliebt, schon so mit spätestens acht oder neun Jahren, bei einem Jungen aus der Nachbarschaft hatte ich Schmetterlinge im Bauch. Wenn er mich anschaute, mit mir redete, wir uns beim Spielen zufällig berührten war das so vollkommen anders als bei den anderen Kindern. Ich hab keine Ahnung mehr, wie lange diese Verliebtheit andauerte, aber sie war mir viel wert. Ich habe sie als Geheimnis in meinem Allerinnersten aufbewahrt, mit niemandem darüber gesprochen, niemandem anvertraut, dass ich verliebt bin. Das war nur für mich bestimmt, mein Herz war übervoll mit Themen: findet er mich auch gut? Gefalle ich ihm? Mag er mich lieber als die anderen? Spielt er mehr mit mir als mit den anderen? Das waren ein paar meiner Parameter, die ich natürlich in meinem Inneren wie eine Art Strichliste geführt habe. Also:

er hat mich heute angeschaut I

er hat Hallo gesagt I

er hat mich heute gegen einen der anderen Jungs verteidigt I

….

Ihm hab ich natürlich erst recht nichts verraten. Das erschien mir in dem Alter vollkommen absurd. Lieber heimlich schwärmen, ihn anhimmeln – und in der Realität mit ihm streiten, raufen, so konnte ich das Zusammensein in vollen Zügen genießen. Ohne, dass ich auf die anderen irgendwie albern gewirkt hätte. Damals hatte ich noch nicht Männerherzen gesehen und mich in die Szene „Wenn ich groß bin, dann komme ich nach Igelstadt und heirate dich!“ verliebt. Das war bei mir sehr viel kindlicher und harmloser (also zumindest nach außen. In Gedanken habe ich mir durchaus überlegt, wie ich mit einer potentiellen Schwangerschaft umgehen würde, im Falle dass es passieren sollte – aufgeklärt war ich in dem Alter schließlich noch lange nicht!)

So richtig verliebt habe ich mich an meinem ersten Schultag am Gymnasium. In den Jungen im anderen Bus. Etwas älter, soooooooogut aussehend. Auf die Entfernung habe ich sofort gespürt, was für ein toller Mensch das ist, fühlte mich sehr von ihm angezogen. Und hab alles gemacht, was man – damals – eben als 11jährige unternimmt, um seinem Traummann näherzukommen. So nenne ich ihn übrigens noch heute, mit dem Unterschied, dass ich ihn kennengelernt habe, weiß wie er als Mensch ist, was sich hinter seinem Aussehen verbirgt, kenne ein Stück seines Charakters und muss meine Meinung revidieren: er ist toll – aber nicht der Richtige für mich. Diese Differenzierung hilft mir heute sehr, damals hatte ich diese Erfahrung nicht und ich bin froh um diese Naivität, denn es ist wunderbar, etwas unsicher zu sein, alles in Gedanken auszuprobieren, sich auszumalen, was sein könnte. Kindlich verliebt sein ist so wunderschön, weil man schwärmt, sich in seiner Phantasie Händchenhalten, verstohlene Küsschen und maximal eine Umarmung vorstellen kann. Selbst wenn es mehr ist, ich finds himmlisch schön, so „unschuldig“!

Um auf die Frage meines Patenkindes zurückzukommen muss ich ganz ehrlich gestehen: keine Ahnung. Es muss in dem Augenblick dein eigenes Gefühl sein, du musst dir sicher sein, du musst dir und dem anderen Menschen vertrauen. Darauf bauen, dass ihr euren Weg gemeinsam gehen könnt. Das muss nicht bedeuten, dass das Gefühl dann für immer so bleibt – jede Beziehung, ob Freundschaft, Liebe, Bekanntschaft, bedeutet kontinuierliche Arbeit, Weiterentwicklung und neue Perspektiven. Wichtig ist, dass jeder die Entscheidung für die Liebe, für „den Richtigen“, für Partnerschaft, Ehe, gemeinsame oder getrennte Zukunft nur selber treffen kann. Durch Bereitschaft und Sich-Aufeinander-Einlassen können.

Mein kleiner Freund, ich bin mir ganz sicher, dass du es wissen wirst, wenn du den richtigen Menschen gefunden hast, mit dem du dein Leben teilen willst. Und den Mut, das auch ganz deutlich auszusprechen. Keine Angst, es ist nicht schlimm, wenn das noch nicht ganz so schnell passiert – du hast dein ganzes Leben vor dir!

Große Umarmung ans große Schulkind 🙂

Was mich beschäftigt und was ich meinen Patenkindern gerne erzählen würde

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