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Kino im Kinderzimmer

Letztes Wochenende war ich Freunde besuchen, und wurde zum ersten Mal ins rosa Mädchen-Kinderzimmer eingeladen. Dort gabs eine kunterbunte Ansammlung von Plüschtieren, viel Farben, viele, viele, viele Spielsachen. Und durfte einen Blick ins Zimmer des großen Bruders werfen – das ein Schulkindzimmer geworden ist. Aber früher, noch gar nicht so lange her, da war es ein großer Kinosaal …

Jedes Mal, wenn wir Freunde der Eltern eingeladen waren, dann gab es einen Zeitanteil, der besonders kostbar war. Irgendwann wurden wir in dieses Zimmer eingeladen. Das ist nicht selbstverständlich, im Gegenteil. Schließlich sind wir Erwachsene, also nicht wirklich Spielgefährten. Umso mehr wert war uns das. Und es war jedes Mal eine besondere Einladung, denn unser Freund Felix hat sich ganz speziell vorbereitet: er hat Spielsachen so beiseite geräumt, dass wir Großen ausreichend Platz hatten, uns dazwischen auf dem Boden bequem ausstrecken konnten (mehr oder minder). Er hat eine Auswahl getroffen, sich überlegt, was auf dem Programm steht, Tickets vorbereitet, uns Spielgeld überreicht, damit wir uns auch Getränke und Popcorn leisten konnten. Dann kam er runter ins Wohnzimmer und hat die Einladungen verteilt. Und wir sind diesem Ruf immer sehr erwartungsvoll gefolgt, denn was uns erwartet hat war schließlich sehr besonderes Kino – ein Film, den es sonst nirgendwo zu sehen gab.

Nicht, was ihr jetzt denkt, da war kein DVD-Gerät, kein Fernseher, kein Laptop oder Beamer aufgebaut. Nachdem wir Eintritt „bezahlt“ haben und Felix uns – natürlich gegen Bezahlung – mit Getränken und Popcorn versorgt hat erwartete uns immer eine Überraschung. Manchmal hat er uns die Geschichte erzählt, wir mussten selbst unsere Phantasie mit Bildern befüllen. Manchmal lief ein Hörpiel oder sogar Kassetten mit einem richtigen Kassetten-Recorder wurden abgespielt (!). Und Felix gab die Anweisungen dazu, wo gerade was zu sehen war. Manchmal lief oder flog am Fenster ein Drache vorbei, die 3 Fragezeichen mussten spannende Rätsel lösen oder Helden bestanden große Abenteuer.

Ich habs geliebt und dieses Kino im Kinderzimmer ganz tief in meinem Herzen abgespeichert. Für mich waren das sehr besondere Augenblicke, denn ich mag es, von anderen Menschen mit auf eine spannende Reise in ihrer Gedankenwelt genommen zu werden.

Gestern im Kinderkarussel

Ja meine Lieben, gestern war ich mal wieder für ein paar Minuten Kind, war mit meiner bezaubernden Nichte Belegschaft des Feuerwehrautos auf einem Kinderkarussel auf einem winzig kleinen Markt irgendwo in Bayern.

Das war kein großes Karussel, nicht viel Auswahl, ein Hubschrauber, ein Polizeiauto, zwei Motorräder, ein Bagger … Aber V. ist noch nicht mal 2, in ihren Augen sieht das alles sicher riesig aus. Mit den Augen eines Kindes betrachtet sind das Möglichkeiten, wo man schon mal schnuppern kann, wie fühlt es sich an, auf einem Motorrad zu sitzen, das sich bewegt. Ich bin Kapitän eines Schiffes. Ich bin Polizist. Oder eben: ich bin Feuerwehrmann, es geht zum Einsatz, die Sirenen heulen.

Allein durfte sie noch nicht mit, also geht die Tante mit an Bord. Wärs nach mir gegangen, hätten wir natürlich im Hubschrauber Platz genommen. Auch wenn ich im echten Leben Höhenangst habe und niemals freiwillig in einem wackligen Hubschrauber die Erde verlassen möchte, auf dem Kinderkarussel finde ich persönlich den Hubschrauber spannender als alles andere. Nicht nur, weil er höher ist und man oben auch noch die Flügel drehen kann, sondern einfach, weil sich ja alles dreht. Man also die Welt aus einer anderen Perspektive sieht, so wie von einem Helikopter aus – also so wie ich es mir vorstelle von einem Helikopter aus.

Da wärs aber für eine Erwachsene richtig eng geworden, insofern hat uns der nette  Karusselbesitzer auf die Rückbank des Feuerwehrautos platziert. Wir hatten auch noch einen Mitfahrer, Die bezaubernde Nichte, die ja eigentlich super forsch und mutig ist, wollte deshalb nur auf meinem Schoss sitzen, nicht selbst auf der Bank. beim Einsteigen hab ich mir schon den Kopf gestoßen, was beweist, dass selbst meine Zwergengröße von knapp über 1,60 zu groß für das Kinderkarussel ist. Und dann beginnt die Fahrt, V. ist erst mal abgelenkt, denn der Junge neben uns ist auch etwas eingeschüchtert durch mich, starrt mich mit großen Augen an. Spätestens nach einer Runde und dem Blick auf die strahlenden, winkenen Eltern beginnen aber auch die Augen meiner kleinen Mitfahrerin auf dem Schoss zu leuchten. Das Karussel ist gar nicht mal langsam, wir drehen uns und drehen uns, draußen schauen uns ein paar Menschen zu, winken, lachen uns an.

Und irgendwann kommt er dann, der Juchzer des Glücks, das fröhliche Lachen – Karusselfahren ist toll. Es hat einen ganz eigenen Zauber, und nächstes Jahr bist du schon etwas größer, dann klappts vielleicht sogar ohne die Tante (der es tatsächlich auf den paar Minuten schlecht geworden ist – ich bin nicht wirklich ein guter Spielkamerad für Volksfeste!). Aber ich staune immer wieder, wie viel Mut du hast, was du dich traust, und dabei bist du trotzdem vorsichtig, beobachtest erst, was die anderen tun. Zumindest meistens. Gestern mit neuen Schuhe in die Pfütze zu stolpern war ein kleiner Ausrutscher, an den du dich nicht mehr erinnern wirst – insofern: ein wunderbarer Tag. Und wir zwei als Team, so schön!

An was man sich erinnert – und woran nicht

Kinder leben im Augenblick – warum soll ich jetzt schon mit Spielen aufhören? Gerade ist es toll! Warum soll ich jetzt schon ins Bett? ich bin noch gar nicht müde? Mir macht es keinen Spaß, mit der da oder dem da zu spielen – ich mach einfach was anderes. Eine herrliche Einstellung, wenn nur wir Erwachsenen nicht wären, die denken, alles regeln zu müssen. OK, manche Regeln sind gar nicht mal so daneben und ein paar davon müssen natürlich sein ….

Dennoch beneide ich euch Kids schon sehr, denn über vernünftig oder unvernünftig sein hab ich mir in meiner Kindheit wenig Gedanken gemacht. Dafür erinnere ich mich an tolle Nachmittage: eine ganze Bande von Kindern, quasi jeder aus dem Dorf, der laufen konnte, bis hin zu den älteren Jungs (die waren damals für mich irre alt, also 5 oder mehr Jahre älter, puh!). Wir haben Räuber und Gendarm gespielt, das ganze Dorf war unsere Spielwiese. Oder Volleyball im alten Schulhaus. Oder Fußball irgendwo auf einer Wiese. Oder ein Baumhaus gebaut (ok, Haus ist übertrieben: Bretter so zu einer Fläche zusammengefügt, dass es uns Fliegengewichte kurzzeitig getragen hat, das triffts besser). Vereinbarte Uhrzeiten zum Nachhausekommen waren immer schnell vergessen. Ich hab oft Ärger mit meiner Oma und meinen Eltern bekommen, vor allem mit der Oma, denn die hatte für solche Vergnügungen keinerlei Verständnis.

Je älter ich werde, desto mehr wünsche ich mir zurück, einfach nur im Hier und Jetzt zu sein. Nicht immer über „was wäre wenn“ zu grübeln, sondern einfach zu tun und zu erleben. Meistens kann ichs, aber nicht immer.

Warum ich darüber nachdenke? Kürzlich habe ich auf dem Fußmarsch zum Oktoberfest jemanden getroffen, eine Frau hatte mich angesprochen und nach dem Weg gefragt. Wir haben uns dann gegenseitig begleitet und kamen ins Plaudern. Ich hätte sie aus der Entfernung auf 50 geschätzt, tatsächlich erzählte sie mir, sie sei 75 Jahre alt, mache täglich Yoga und achte sehr auf ihre Gesundheit. Sie sei auf dem Weg zu einem Rendezvous, habe sich aber in der Nähe der Wiesn verabredet, für den Fall, dass das nix werde können sie schnell rüberwechseln und trotzdem Spaß haben. Ich musste schmunzeln. Dann hab ich etwas gejammert, schließlich war ich schon etwas erkältet, hatte leichte Halsschmerzen und wäre eigentlich gut schlafend im Bett aufgehoben gewesen. Sie schaute mich schmunzelnd von der Seite an und meinte: „Wenn ich nachdenke, ich erinnere mich an keine einzige Nacht, die ich schlafend in meinem Bett verbracht habe. Auch nicht daran, dass ich mich hinterher besser gefühlt hätte? Das Leben ist draußen, hier und jetzt! Man verpasst zu viel schlafend.“

Wie wahr? Ich hatte übrigens einen meiner schönsten Wiesn-Abende in diesem Jahr, die Halsschmerzen waren schnell vergessen, das Licht war irre, die Stimmung toll. Und ich war unterwegs, habe das Leben gespürt und werde mich daran wohl tatsächlich immer mal wieder erinnern. Wie an die lebendigen Tage meiner Kindheit – und sogar über den Krach mit Oma kann ich heute lächeln, das gehört auch dazu.

Feige oder diplomatisch?

Als Kind war ich manchmal schrecklich unsicher: ich wollte nicht feige sein, war nicht einverstanden mit dem, was andere sagten oder taten, ich stand trotzdem daneben und hab einfach nichts gesagt. Manchmal statt einer Antwort zu geben gelächelt. Kein Ja, kein Nein. Ich wollte nicht etwas tun, nur weil es ein anderer gemacht hat, wollte nicht gut oder schlecht finden, nur weil andere das taten. Wollte weder Mitläufer sein, aber auch nicht wegen einer anderen Meinung angefeindet werden. Manchmal wollte ich auch ganz einfach schlicht keine Stellung beziehen, Manchmal war mir das Thema egal, manchmal fand ich den, der gerade auf der Shitlist der anderen war, gar nicht so schlecht. Ich hab mich schon früher oft auch mit denen verstanden, die von den anderen verachtet wurden. Alles gar nicht so einfach, denn man möchte schließlich dazugehören, zu denen, die in sind. Die den Trend angeben. Die irgendwie hipper, cooler, beliebter … was auch immer sind?

Heute nennen wir es diplomatisch sein. Als Erwachsener ist es nicht nur ok, manchmal keine Meinung zu etwas zu haben, gerade im Beruf kann es sogar gefordert werden. Ich bin nicht immer mit allen Äußerungen von Menschen einverstanden, hin und wieder weiß ich es sogar besser – aber ich habe kein Problem damit, auch mal die Klappe zu halten. Nicht immer recht zu haben (ok, nicht oft, aber manchmal klappt das schon). Nicht das letzte Wort zu haben. Sondern einfach nur nett zu lächeln, mir meinen Teil zu denken – und dadurch am Ende des Tages meine Ruhe zu haben. Sich aus gewissen Dingen raushalten, „unpolitisch“ oder „politisch korrekt“ sein, heißt nicht automatisch, dass man Mitläufer ist, sich duckt und seine Meinung nie äußert, im Gegenteil.

Es ist wichtig, für seine Prinzipien, Meinungen und Werte einzustehen, dann, wenn es einem selbst wichtig ist. Aber muss ich mich wirklich zu allem äußern? Zu allem eine Meinung haben? Kann ich das überhaupt? Ich finde es ok, manchmal nur zuzuhören, ganz ohne mir eine Meinung zu bilden. Und vor allem, ohne selbst Stellung zu beziehen. Und auch wenn ich nicht immer einverstanden bin mit den Äußerungen anderer Menschen: ich kann trotzdem auch heute noch die Schnauze halten, in mich hineinlachen – und bin dabei nicht feige, sondern setze meine Prioritäten.

Wenn ich mich zurückerinnere war eine ganz unsicher Zeit anfangs im Kindergarten: an meinem ersten Tag waren wir „Kleinen“ ganz alleine. Ich hatte einen Platz, kannte meine Nachbarn. Alles gut. Am zweiten Tag kamen die „Großen“ dazu. Ich setze mich auf meinen Platz, eines der größeren Mädels hat mich kompromisslos von meinem Platz vertrieben: „Steh auf, da sitze ich – schon immer!“ Im ersten Moment hätte ich mich am liebsten gestritten – dann hab ich mich umgesehen, mich auf einen anderen freien Platz gesetzt. Und was soll ich sagen: meine beiden Kindergartenjahre sind nach den Turbulenzen des Anfangs ruhig verlaufen. Ich habe wunderbare Freunde kennengelernt. Und habe heute noch eine Freundin aus dieser Zeit. Wir sehen uns nicht oft, aber wenn wir uns sehen ist es wunderschön! Und sie war übrigens in ihrer Kindheit die Nachbarin des besagten größeren Mädels – mit der ich später tatsächlich auch so etwas wie eine Freundschaft geführt habe und die sich heute noch freut, wenn sie mich mal wieder trifft 🙂