Archiv der Kategorie: reise

Das mit der Freiorgel

Manchmal darf man spontan sein, muss nicht nach Plan funktionieren. Und darf dann sogar dem Nebel entfliehen – und sich im Zug über die Sonne freuen: alles richtig gemacht. Als die so viel mehr als Konzertfreundin und ich diesen Tag „geplant“ haben, hatten wir viele Ausflugsziele im Kopf. Kufstein gehörte nicht dazu, hat sich gestern aber am Bahnhof dann zu dem Ort gemacht, den wir mit dem nächsten abfahrenden Zug erreichen können UND laut Wetter-App sogar mit Sonne. Keine Frage, dass wir uns beschwingt ins Abteil setzten und unserem Ziel ohne jegliche Erwartungshaltung entgegen“zuckelten“.

Vor Ort wollten wir uns eigentlich treiben lassen, laute Orgelklänge haben uns aber neugierig gemacht und wir haben – immer den Ohren nach – die Heldenorgel im Bürgerturm der Festung aufgestöbert. Was das ist? Die erste und größte Freiorgel der Welt. Die heute 4.948 Pfeifen dürfen täglich um 12 Uhr für 15 Minuten erklingen – das ist in der ganzen Stadt und je nach Wetterlage wahrscheinlich sogar auf den umliegenden Bergen gut zu hören. 4 Manuale und 65 Register, zum Schluss des kleinen Konzertes im Innenhof durften wir und noch über 18 Röhrenglocken des Glockenspiels freuen … Bei unserem Rundgang durch die Festung haben wir dann gelernt, dass wir ein tönendes Denkmal erleben durften, die Idee der Heldenorgel ist eine musikalische Erinnerung an die Gefallenen des 1. Weltkriegs. Sehr besonders, wie ich finde.

Und Kufstein war genau richtig für einen spontanen Ausflug, ich bin einmal mehr an die musikalischen Möglichkeiten der zur Festung gehörenden Arena erinnert worden, wir haben uns in einem süßen Café namens Liebelei aufgewärmt, im nach der legendären Kanone Purlepaus benannten Restaurant einen Tiroler Kaspressknödel einverleibt, sind durch die Gassen gestromert, haben die Sprüche am Auracher Löchl studiert und waren von den Kufsteinern/Tirolern begeistert. Für ein nächstes Mal sind wir bereits bestens vorbereiet: wir würden bei Gitta’s Bistro reinschauen, so nett hat es uns empfangen.

Erinnerungen an einen Roadtrip durch Andalusien



Im Frühling 2011 war ich mit meiner Roadtrip-Freundin Andrea unterwegs in Andalusien, wir hatten die Rundreise über einen Reisespezialisten gebucht, der uns vor allem den Westen und die Mitte Andalusiens ans Herz gelegt hat und die Route entsprechend konzipiert hatte.


Unser Mietwagen war ein nagelneuer Ford Fiesta, der trotz seiner wenigen Kilometer auf dem Tacho schon ordentlich Schrammen hatte. Erst hatten wir auf ein Upgrade gehofft, waren hinterher in den engen Dorfgassen aber mehr als einmal froh über unser kleines wendiges Gefährt … unterwegs waren wir 14 Tage und haben ganz entspannt um die 2.000 Kilometer zurückgelegt.


Málaga, Ronda, Cádiz, Jerez, Sevilla, Córdoba und Granada – alles beeindruckende Städte, dazu unterwegs die bezaubernden weißen Dörfer, Natur, Berge, Meer …



Andalusien hat mich schwer beeindruckt. Die wechselhafte Geschichte, die Menschen, die hier leben und sich an ihre Umgebung anpassen. Und die unzähligen Fotomotive.


Andrea ist tapfer mit mir in „jede“ Kirche gestiefelt, wir haben den Turm der Kathedrale von Sevilla bestiegen, sind durch die Mezquita gewandert und haben meinen Geburtstag mit Blick auf die Alhambra gefeiert. Es war alles so so wunderschön.





Natürlich hatten wir ganz besondere Erlebnisse:

Das Navi hat uns in Córdoba befohlen, erst in eine immer enger werdende Gasse zu fahren, am Ende sollten wir eine Treppe runterfahren. Seitdem weiß ich, dass Andrea mit beiden Spiegeln perfekt rückwärts fahren kann, wir hatten links und rechts vom Auto nur wenige Zentimeter und sie hat uns ohne Kratzer rausmanövriert, das war schon großartig.

Ich hab mir bei einem Spaziergang mit Blick auf weiße Flamingos in Sanlucar de Barrameda mehrere Außenbänder am Fuß gerissen – ein Jogger hatte mir etwas zugerufen, zumindest dachte ich das. Ich wollte gerade eine Treppe von einem Park runtergehen, war unaufmerksam und bin ein paar Meter nach unten gerutscht – dummerweise kam ich auf meinem verdrehten Fuß zum Sitzen, aua. Mit Kühlen und einem Tag Schönen und Zähne zusammenbeißen ging’s dann wieder.


In Sevilla hatten wir Frühstück auf der Dachterrasse mit Blick auf die gesamte Stadt, unbezahlbar.

Wir waren im Land, wo die Zitronen und Orangen blühen – und gleichzeitig geerntet wurden – dieser Duft hat uns überall begleitet, das war wundervoll

… darüber hinaus sprechen die Bilder für sich


























und irgendwann möchte ich wieder hin, den Osten und all das sehen, was ich beim ersten Mal verpasst habe 😉


Alexander fragt nach dem „schönsten Roadtrip“, ich dachte mir, da schreib ich doch gerne über Andalusien.

Brasilien – Land der Zukunft?

Beim Lesen im Schatten bin ich gestern auf diese Kolumne gestoßen – und sie fasst so gut in Worte, was ich vor Ort in Rio an allen Ecken und Enden empfunden habe. Brasilien nennt sich das „Land der Zukunft“, vor Ort fühlt man sich aber so sehr in der Vergangenheit hängend … Boris Herrmann schreibt im SZ-Magazin treffend:

„Die Fußball-WM 2014 und die Sommerspiele 2016, das waren einmal zwei Symbole für einen brasilianischen Traum. Dafür, dass das ewige Land der Zukunft endlich in der Gegenwart ankommen würde. Die Vergabe dieser beiden Sportevents hielten viele für den Ausdruck einer neuen Weltordnung, in der das größte Land Südamerikas als globale Supermacht mitmischt. Im Rückblick wirkt das geradezu lächerlich. 2018 ist Brasilien ein wirtschaftlicher, politischer und moralischer Krisenherd.“

Nachlesen – hier klicken.

Cidade Maravilhosa

„Wenn eine Stadt sich rühmen kann, den Besucher auf den ersten Blick durch ihre Schönheit zu betören, dann diese. Für viele Menschen ist die Bucht von Rio die schönste der Welt. Vor einer steil aufragenden Kulisse von Hügeln und steil aufragenden, bizarr geformten Bergen erheben sich grüne Inseln aus dem tiefblauen Atlantischen Ozean, recken inmitten einer Natur, die auf den ersten Blick beinahe unberührt erscheint, imposante Stadtviertel ihre Betonfassaden in den Himmel.“


So ähnlich liest sich das Loblied auf Rio nicht nur in „Länder und Menschen Südamerikas“ aus den 80ern querbeet, und da steckt viel Wahrheit drin. Die Stadt hat etwas fast magisches. Kaum anderswo kann man Natur, Gegebenheiten, Architektur und schlicht alles, was das Auge aufnehmen kann, so schön erleben, wie hier. Nicht so die anderen Sinne, denn Rio stinkt, ist laut, und die Atmosphäre ist angespannt, gereizt.

Im Vorfeld war mir nicht so sehr bewusst, wie spannungsgeladen die Situation vor Ort ist. Hatten Stadt und Drogenkartelle vor den Großereignissen WM2014 und Olympia2016 eine Vereinbarung getroffen, ist die Mafia jetzt damit beschäftigt, sich „ihre“ Territorien zurückzuerobern. Täglich kommt es zu Schießereien, die Situation ist tatsächlich gefährlich. Der Sicherheitshinweis des Konsulats lautet: „Die Gefahr, Opfer eines Raubüberfalls oder eines anderen Gewaltverbrechens zu werden, ist in Brasilien erheblich höher als in Westeuropa. … Besonders stark von Kriminalität und Gewalt betroffen sind Armensiedlungen (Favelas). Von Favela-Besuchen wird daher dringend abgeraten. Diese Gebiete werden teilweise von Kriminellen und Drogenbanden kontrolliert. Bewaffneten Auseinandersetzungen, auch mit der Polizei, fallen häufig auch Unbeteiligte zum Opfer.“

Zum Glück musste ich die strikte Anweisung meiner Freunde, im Falle eines Überfalls Handy und Bargeld sofort herauszugeben, nicht Folge leisten. Ich habe mich aber schweren Herzens entschieden, nicht in die Favellas hineinzuwandern – und die Kamera habe ich, außer auf einer Rundtour, schlicht eingepackt gelassen. Wir haben einige Male Schüsse gehört, allerdings in weiter Entfernung. Und auch Kriminalität habe ich nicht gesehen. Zum Glück. Unfassbar für mich war die Omnipräsenz von Polizei, Stadtmiliz und Militär, immer in schusssicheren Westen und bis an die Zähne bewaffnet, auch in vermeintlich sicheren Stadtgebieten …

Was mich umgehauen hat, war die niederschmetternde Not, inmitten der Reichen und Schönen, inmitten der Louis-Vuitton-Blase, habe ich mehr Armut gesehen, als ich ertragen kann. Sehr mitgenommen hat mich eine alte Frau, die zu stolz zum Betteln war – sie akzeptierte Geld nur von Menschen, die es ihr mit einem Gespräch aufdrängen, meines hat sie liegenlassen, zugelassen, dass es ein anderer genommen hat. Ich habe Menschen gesehen, die in Mülleimern gewühlt haben, die vor Schwäche einfach umkippen … es hat mir einmal mehr klargemacht, wie gut es mir persönlich in meinem zufälligen Leben hier in Europa ergeht. Ich bin demütig, denn es gibt einen Unterschied zwischen sich einschränken müssen und der Nicht-Erfüllbarkeit der Grundbedürfnisse …

Für mich war es, obwohl ich Freunde besucht habe, eine Bildungsreise. Von der ich mir viele Gedanken zum Nachdenken mit zurückgebracht habe.