Alle Beiträge von meinesichtderwelt

Berufstätige Tante, gefühlt Anfang 30 - leider nicht von Beruf Tante. Und deshalb "viel zu wenig" Zeit für meine mittlerweile 4 "Patenkinder". Ich denk mir oft: das müsstest du jetzt in einem Brief schreiben, das hätte ich gerne mit euch erlebt. Und es bleibt beim Vorsatz ... Ich habe mir vorgenommen, hier regelmäßig zu schreiben - wenn ich etwas erlebe, das wert ist, notiert und geteilt zu werden! Das ist die Idee - alles weitere ergibt sich.

An was man sich erinnert – und woran nicht

Kinder leben im Augenblick – warum soll ich jetzt schon mit Spielen aufhören? Gerade ist es toll! Warum soll ich jetzt schon ins Bett? ich bin noch gar nicht müde? Mir macht es keinen Spaß, mit der da oder dem da zu spielen – ich mach einfach was anderes. Eine herrliche Einstellung, wenn nur wir Erwachsenen nicht wären, die denken, alles regeln zu müssen. OK, manche Regeln sind gar nicht mal so daneben und ein paar davon müssen natürlich sein ….

Dennoch beneide ich euch Kids schon sehr, denn über vernünftig oder unvernünftig sein hab ich mir in meiner Kindheit wenig Gedanken gemacht. Dafür erinnere ich mich an tolle Nachmittage: eine ganze Bande von Kindern, quasi jeder aus dem Dorf, der laufen konnte, bis hin zu den älteren Jungs (die waren damals für mich irre alt, also 5 oder mehr Jahre älter, puh!). Wir haben Räuber und Gendarm gespielt, das ganze Dorf war unsere Spielwiese. Oder Volleyball im alten Schulhaus. Oder Fußball irgendwo auf einer Wiese. Oder ein Baumhaus gebaut (ok, Haus ist übertrieben: Bretter so zu einer Fläche zusammengefügt, dass es uns Fliegengewichte kurzzeitig getragen hat, das triffts besser). Vereinbarte Uhrzeiten zum Nachhausekommen waren immer schnell vergessen. Ich hab oft Ärger mit meiner Oma und meinen Eltern bekommen, vor allem mit der Oma, denn die hatte für solche Vergnügungen keinerlei Verständnis.

Je älter ich werde, desto mehr wünsche ich mir zurück, einfach nur im Hier und Jetzt zu sein. Nicht immer über „was wäre wenn“ zu grübeln, sondern einfach zu tun und zu erleben. Meistens kann ichs, aber nicht immer.

Warum ich darüber nachdenke? Kürzlich habe ich auf dem Fußmarsch zum Oktoberfest jemanden getroffen, eine Frau hatte mich angesprochen und nach dem Weg gefragt. Wir haben uns dann gegenseitig begleitet und kamen ins Plaudern. Ich hätte sie aus der Entfernung auf 50 geschätzt, tatsächlich erzählte sie mir, sie sei 75 Jahre alt, mache täglich Yoga und achte sehr auf ihre Gesundheit. Sie sei auf dem Weg zu einem Rendezvous, habe sich aber in der Nähe der Wiesn verabredet, für den Fall, dass das nix werde können sie schnell rüberwechseln und trotzdem Spaß haben. Ich musste schmunzeln. Dann hab ich etwas gejammert, schließlich war ich schon etwas erkältet, hatte leichte Halsschmerzen und wäre eigentlich gut schlafend im Bett aufgehoben gewesen. Sie schaute mich schmunzelnd von der Seite an und meinte: „Wenn ich nachdenke, ich erinnere mich an keine einzige Nacht, die ich schlafend in meinem Bett verbracht habe. Auch nicht daran, dass ich mich hinterher besser gefühlt hätte? Das Leben ist draußen, hier und jetzt! Man verpasst zu viel schlafend.“

Wie wahr? Ich hatte übrigens einen meiner schönsten Wiesn-Abende in diesem Jahr, die Halsschmerzen waren schnell vergessen, das Licht war irre, die Stimmung toll. Und ich war unterwegs, habe das Leben gespürt und werde mich daran wohl tatsächlich immer mal wieder erinnern. Wie an die lebendigen Tage meiner Kindheit – und sogar über den Krach mit Oma kann ich heute lächeln, das gehört auch dazu.

Wann weiß man, dass es der Richtige ist?

Vor kurzem hat mein kleiner Großer, den ich schon als klitzekleines Baby kannte und der jetzt gerade mal süße 6 Jahre alt ist, seiner Mama eine Frage gestellt: Wann weiß man denn, ob man verliebt ist? Eigentlich wollte er, das kam im Gespräch heraus, aber noch viel genauer wissen: Wann weiß man, dass der, in den man sich verliebt hat, der eine Mensch für einen ist? Der, den man dann auch mal heiratet …

Offensichtlich hat er sich in jemanden verkuckt, ist verschossen, hat Gefühle für jemanden oder mag zumindest jemanden lieber, als andere Menschen. Und beschäftigt sich ergo mit den entscheidenen Fragen: ist das schon der Mensch, zu dem ich mal ja sagen werde? Ich musste lächeln und hab mich zurückerinnert an meine eigene Unsicherheit im Umgang mit diesem wirren Thema Gefühle – zwar hat mich das Thema „der Richtige“ erst sehr viel später ereilt, da war ich zuckersüße 13 und hab „den Einen“ kennengelernt, den ich sofort und auf der Stelle heiraten wollte. Ihm folgten in der Zwischenzeit schon so der eine oder andere, für den ich mich ernsthaft begeistert habe. Die Frage nach dem Einen stelle ich aber nicht mehr so oft – aber davon ein anderes Mal!

Aber zurück zum Thema: ich war früh verliebt, schon so mit spätestens acht oder neun Jahren, bei einem Jungen aus der Nachbarschaft hatte ich Schmetterlinge im Bauch. Wenn er mich anschaute, mit mir redete, wir uns beim Spielen zufällig berührten war das so vollkommen anders als bei den anderen Kindern. Ich hab keine Ahnung mehr, wie lange diese Verliebtheit andauerte, aber sie war mir viel wert. Ich habe sie als Geheimnis in meinem Allerinnersten aufbewahrt, mit niemandem darüber gesprochen, niemandem anvertraut, dass ich verliebt bin. Das war nur für mich bestimmt, mein Herz war übervoll mit Themen: findet er mich auch gut? Gefalle ich ihm? Mag er mich lieber als die anderen? Spielt er mehr mit mir als mit den anderen? Das waren ein paar meiner Parameter, die ich natürlich in meinem Inneren wie eine Art Strichliste geführt habe. Also:

er hat mich heute angeschaut I

er hat Hallo gesagt I

er hat mich heute gegen einen der anderen Jungs verteidigt I

….

Ihm hab ich natürlich erst recht nichts verraten. Das erschien mir in dem Alter vollkommen absurd. Lieber heimlich schwärmen, ihn anhimmeln – und in der Realität mit ihm streiten, raufen, so konnte ich das Zusammensein in vollen Zügen genießen. Ohne, dass ich auf die anderen irgendwie albern gewirkt hätte. Damals hatte ich noch nicht Männerherzen gesehen und mich in die Szene „Wenn ich groß bin, dann komme ich nach Igelstadt und heirate dich!“ verliebt. Das war bei mir sehr viel kindlicher und harmloser (also zumindest nach außen. In Gedanken habe ich mir durchaus überlegt, wie ich mit einer potentiellen Schwangerschaft umgehen würde, im Falle dass es passieren sollte – aufgeklärt war ich in dem Alter schließlich noch lange nicht!)

So richtig verliebt habe ich mich an meinem ersten Schultag am Gymnasium. In den Jungen im anderen Bus. Etwas älter, soooooooogut aussehend. Auf die Entfernung habe ich sofort gespürt, was für ein toller Mensch das ist, fühlte mich sehr von ihm angezogen. Und hab alles gemacht, was man – damals – eben als 11jährige unternimmt, um seinem Traummann näherzukommen. So nenne ich ihn übrigens noch heute, mit dem Unterschied, dass ich ihn kennengelernt habe, weiß wie er als Mensch ist, was sich hinter seinem Aussehen verbirgt, kenne ein Stück seines Charakters und muss meine Meinung revidieren: er ist toll – aber nicht der Richtige für mich. Diese Differenzierung hilft mir heute sehr, damals hatte ich diese Erfahrung nicht und ich bin froh um diese Naivität, denn es ist wunderbar, etwas unsicher zu sein, alles in Gedanken auszuprobieren, sich auszumalen, was sein könnte. Kindlich verliebt sein ist so wunderschön, weil man schwärmt, sich in seiner Phantasie Händchenhalten, verstohlene Küsschen und maximal eine Umarmung vorstellen kann. Selbst wenn es mehr ist, ich finds himmlisch schön, so „unschuldig“!

Um auf die Frage meines Patenkindes zurückzukommen muss ich ganz ehrlich gestehen: keine Ahnung. Es muss in dem Augenblick dein eigenes Gefühl sein, du musst dir sicher sein, du musst dir und dem anderen Menschen vertrauen. Darauf bauen, dass ihr euren Weg gemeinsam gehen könnt. Das muss nicht bedeuten, dass das Gefühl dann für immer so bleibt – jede Beziehung, ob Freundschaft, Liebe, Bekanntschaft, bedeutet kontinuierliche Arbeit, Weiterentwicklung und neue Perspektiven. Wichtig ist, dass jeder die Entscheidung für die Liebe, für „den Richtigen“, für Partnerschaft, Ehe, gemeinsame oder getrennte Zukunft nur selber treffen kann. Durch Bereitschaft und Sich-Aufeinander-Einlassen können.

Mein kleiner Freund, ich bin mir ganz sicher, dass du es wissen wirst, wenn du den richtigen Menschen gefunden hast, mit dem du dein Leben teilen willst. Und den Mut, das auch ganz deutlich auszusprechen. Keine Angst, es ist nicht schlimm, wenn das noch nicht ganz so schnell passiert – du hast dein ganzes Leben vor dir!

Große Umarmung ans große Schulkind 🙂

Feige oder diplomatisch?

Als Kind war ich manchmal schrecklich unsicher: ich wollte nicht feige sein, war nicht einverstanden mit dem, was andere sagten oder taten, ich stand trotzdem daneben und hab einfach nichts gesagt. Manchmal statt einer Antwort zu geben gelächelt. Kein Ja, kein Nein. Ich wollte nicht etwas tun, nur weil es ein anderer gemacht hat, wollte nicht gut oder schlecht finden, nur weil andere das taten. Wollte weder Mitläufer sein, aber auch nicht wegen einer anderen Meinung angefeindet werden. Manchmal wollte ich auch ganz einfach schlicht keine Stellung beziehen, Manchmal war mir das Thema egal, manchmal fand ich den, der gerade auf der Shitlist der anderen war, gar nicht so schlecht. Ich hab mich schon früher oft auch mit denen verstanden, die von den anderen verachtet wurden. Alles gar nicht so einfach, denn man möchte schließlich dazugehören, zu denen, die in sind. Die den Trend angeben. Die irgendwie hipper, cooler, beliebter … was auch immer sind?

Heute nennen wir es diplomatisch sein. Als Erwachsener ist es nicht nur ok, manchmal keine Meinung zu etwas zu haben, gerade im Beruf kann es sogar gefordert werden. Ich bin nicht immer mit allen Äußerungen von Menschen einverstanden, hin und wieder weiß ich es sogar besser – aber ich habe kein Problem damit, auch mal die Klappe zu halten. Nicht immer recht zu haben (ok, nicht oft, aber manchmal klappt das schon). Nicht das letzte Wort zu haben. Sondern einfach nur nett zu lächeln, mir meinen Teil zu denken – und dadurch am Ende des Tages meine Ruhe zu haben. Sich aus gewissen Dingen raushalten, „unpolitisch“ oder „politisch korrekt“ sein, heißt nicht automatisch, dass man Mitläufer ist, sich duckt und seine Meinung nie äußert, im Gegenteil.

Es ist wichtig, für seine Prinzipien, Meinungen und Werte einzustehen, dann, wenn es einem selbst wichtig ist. Aber muss ich mich wirklich zu allem äußern? Zu allem eine Meinung haben? Kann ich das überhaupt? Ich finde es ok, manchmal nur zuzuhören, ganz ohne mir eine Meinung zu bilden. Und vor allem, ohne selbst Stellung zu beziehen. Und auch wenn ich nicht immer einverstanden bin mit den Äußerungen anderer Menschen: ich kann trotzdem auch heute noch die Schnauze halten, in mich hineinlachen – und bin dabei nicht feige, sondern setze meine Prioritäten.

Wenn ich mich zurückerinnere war eine ganz unsicher Zeit anfangs im Kindergarten: an meinem ersten Tag waren wir „Kleinen“ ganz alleine. Ich hatte einen Platz, kannte meine Nachbarn. Alles gut. Am zweiten Tag kamen die „Großen“ dazu. Ich setze mich auf meinen Platz, eines der größeren Mädels hat mich kompromisslos von meinem Platz vertrieben: „Steh auf, da sitze ich – schon immer!“ Im ersten Moment hätte ich mich am liebsten gestritten – dann hab ich mich umgesehen, mich auf einen anderen freien Platz gesetzt. Und was soll ich sagen: meine beiden Kindergartenjahre sind nach den Turbulenzen des Anfangs ruhig verlaufen. Ich habe wunderbare Freunde kennengelernt. Und habe heute noch eine Freundin aus dieser Zeit. Wir sehen uns nicht oft, aber wenn wir uns sehen ist es wunderschön! Und sie war übrigens in ihrer Kindheit die Nachbarin des besagten größeren Mädels – mit der ich später tatsächlich auch so etwas wie eine Freundschaft geführt habe und die sich heute noch freut, wenn sie mich mal wieder trifft 🙂

Warum besondere Augenblicke immer schnell vorbei sind

So ist das doch immer, vor allem, wenn man sich auf etwas riesig freut: der Tag, die Veranstaltung, die Urlaubswoche, endlich da – und schon wieder vorbei. Kaum, dass man alles so richtig mitbekommt? Ich kann mich erinnern, wie ich als Kind meinen Geburtstag über Wochen und Monate herbeigesehnt habe: alle Geschenke nur für mich. Ein Tag, an dem sich alles nur um mich dreht. Je älter ich wurde, desto mehr Vorfreude. Je mehr ich wusste, was mich alles an diesem einen besonderen Tag im Jahr erwartet, desto wow. Und schon war der Tag wieder rum – und die 365 Tage Vorfreude waren wieder da.

Der erste Schultag, kaum, dass ich mich daran erinnern kann. Aber die Aufregung, die Erwartung war riesengroß. Und der Tag hat in meiner Erinnerung nicht mal den Bruchteil einer Sekunde gedauert. Alles war irgendwie vorbei, bevor ich es richtig aufnehmen konnte. Und schon war es der zweite Schultag, der dritte – irgendwann habe ich aufgehört zu zählen. Dann der erste Schultag am Gymnasium: auch nicht mehr Zeit, schon waren 13 Jahre Schule rum. Wie nervös ich an meinem ersten Tag an der Uni war, schon wars Gewohnheit. Plötzlich auch wieder vorbei. Der allererste Arbeitstag, der erste Kuss, das erste Mal, das erste Date, der erste Urlaub, undsoweiter undsoweiter.

Dabei müssten besondere Tage oder Situationen, auf die man sich so lange freut, doch eigentlich wenigstens genauso lange dauern, wie die Vorfreude. Oder?

Mittlerweile habe ich gelernt, dass Vorfreude etwas ganz Besonderes ist: ich genieße die Vorfreude, die Aufregung, die Nervosität heute fast mehr, als den Tag selber. Der ist ohnehin schnell vorbei. Aber die Vorfreude kann tatsächlich 365 Tage im Jahr einnehmen. Immer wieder ein kleiner Gedanke, ein paar Minuten träumen, was alles passieren könnte. Jedes Mal malt man sich den besonderen Tag etwas anders aus, das eine Mal vielleicht gar nicht sehr realistisch, eher im Schnellvorlauf. Das nächste Mal mit vielen Wiederholungen von Einzelsequenzen. Wie schön ist Vorfreude – sie kann irre lang andauern. Wenn ich mich auf etwas wirklich aus ganzem Herzen freue, es herbeisehne, dann gibts eigentlich kaum eine Wirklichkeit, die meine Vorstellungen übertreffen kann.

Aber manchmal eben doch, und dafür ist es jede Sekunde Warten wert. Das Schönste ist nämlich, dass es durch diese klitzekleine Unsicherheit gar nicht mal mehr so schlimm ist, wenn man sich mal sehr lange vorgefreut hat und der Tag/das Erlebnis dann viel zu schnell wieder vorbei war: es gibt entweder ein nächstes Mal oder eine andere Gelegenheit, die für alles entschädigt.

Liebe kleine Schwester, ich hab mich sehr gefreut, heute morgen mit dir zu telefonieren 🙂 Jetzt weiß ich, dass du aktuell schwimmst wie ein Fisch, dir Schwimmen soooooo viel Spaß macht – manchmal muss man einfach nur telefonieren, um die kleinen Dinge mitzubekommen und sich daran zu freuen? Wie spannend dein Leben ist, ich denke, du freust dich schon ganz doll auf das nächste Mal Schwimmen? 🙂