Heimatverliebt: Advents- und Vorweihnachtszeit in der Hallertau


Einen Beitrag zur Advents- und Weihnachtszeit an Allerheiligen zu schreiben mag dem ein oder anderen verfrüht vorkommen, beim Nachlesen über Brauchtum in der Region bin ich mehrfach darüber gestolpert, dass es in der Hallertau durchaus üblich ist, so zu rechnen und jetzt mit der Weihnachtsbäckerei zu beginnen. Traditionell kommen zu Allerheiligen Familienmitglieder zusammen, auch von weit her, um am Grab verstorbenen Angehörigen zu gedenken. In der Küche wird für diesen Anlass gerne Hefe-und Schmalzgebäck angeboten, in viel Fett herausgebacken werden die Auszognen, Kiacherl, Schuxn, Nudeln usw am Vortag zubereitet.

Stollen oder Lebkuchen brauchen etwas Lagerungszeit, insofern beginnen jetzt die Vorbereitungen für die festlichen Süßigkeiten, auch Plätzchen oder Kekse werden schon mal gebacken, damit man ab dem 1. Advent einen immer nachfüllbaren Plätzchenteller hat. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass die Menschen im Mittelalter in der Vorweihnachtszeit gefastet haben? Trifft heute definitiv nicht mehr zu, auch wenn neben den Süßigkeiten gerne Äpfel, Mandarinen, Orangen und Nüsse dekoriert werden …

Dazu kenne ich seit meiner Kindheit, dass ab Allerheiligen bis mindestens Weihnachten vor der Haustür eine Kerze in einer Laterne über Nacht brennt. In den kommenden Wochen, spätestens ab dem 1. Adventswochenende werden in den Geschäftsstraßen in der Region wieder die Häuser mit Lichterketten, meist sind es Sterne, geschmückt. Vor Kirchen und Rathäusern werden große Weihnachtsbäume aufgestellt und mit Lichtern verziert. Nichts blinkt, nichts ist grell, es bleibt dezent. Auch viele Privathäuser leuchten, ganz nach Geschmack und sehr individuell. Typisch für die Region sind wohl die Dachsen (Zweige von Nadelhölzern) in den Blumenkästen, eigentlich zum Schutz der Pflanzen gedacht kann man das wunderschön arrangieren, etwas Licht, bunte Elemente wie Kugeln und Zapfen dazu, sieht schön und jahreszeitlich aus.

Nicht nur beim Martinsumzug leuchten Laternen, auch in den Fenstern werden sie gerne dekoriert. Generell kommt jetzt in vielen Haushalten die Zeit der Kerzen, die ein sanftes Licht verbreiten. Dazu gibt’s Tee, Punsch oder Glühwein, wärmende Speisen, es ist Suppen-, Familien- und Bastelzeit. Gemeinsam mit den Kindern wird zum Beispiel Schmuck für den Baum gemacht, da werden Perlen aufgefädelt und in Form gebracht oder ein Strohstern gebunden. Auch das Adventskranzbinden ist eine gesellige Aktion, bei uns im Dorf kommen die Frauen im Feuerwehrhaus zusammen, es ist genug Material da, jede hat ihre eigene Idee, entsprechend kreativ die Resultate.

Ab dem ersten Adventswochenende gibt’s überall in der Region Christkindlmärkte, klein und fein oder auch etwas größer und bekannter. Überall warten leckeres Essen und warme Getränke. Typisch für die Region ist der Verkauf des oben erwähnte Schmalzgebäcks mit Kaffee, Gegrilltes, noch kaum Angebote für Vegetarier oder Veganer, dazu haben lokale Handwerker und Künstler gerne einen Stand. Wer wochentags keine Zeit hat, Geschenke zu kaufen, kombiniert schließlich gern die notwendige Einkaufstour mit einem Besuch auf einem der Märkte. Besonders: in Städten wie Moosburg oder Mainburg wartet eine sogenannte „lebende Krippe“ auf Besucher. 

Tradition in der staden Zeit sind Konzerte und Adventssingen, meist in Kirchen. Und es ist eher Hausmusik, die erklingt, wir haben früher gerne „große“ Klassik aufgeführt, aber das ist, wie ich beobachte, nicht nur bei uns im Schlafmodus. Zum Namenstag der heiligen Barbara am 4. Dezember schneidet man in der Hallertau Zweige vom Kirschbaum und stellt sie im Haus in eine Vase, das Wasser wird alle paar Tage ausgetauscht. So hat man an Weihnachten wunderschönen natürlichen Schmuck: frische Kirschblüten. Natürlich kommt um den 6. Dezember der Nikolaus die Kinder besuchen, er hat einen Krampus dabei, der furchterregend aussieht, wild herumspringt und mit Ketten laut rasselt. Trotzdem ist es nur eine Mahnung „zum Bravsein“ an die Kinder, keins kommt in den Sack, sondern alle erhalten ein kleines Geschenk oder Süßigkeiten. 

Ein Brauch, an den ich mich aus meiner Kindheit noch erinnere, der aber lange in Vergessenheit geraten ist, sind die Klöpfelnächte. In der Vorweihnachtszeit klingeln  Kinder und Jugendliche und bitten um etwas weihnachtliche Süßigkeit, sie bekommen Plätzchen, oft auch Äpfel und Nüsse, vielleicht auch Schokolade. Übrigens nicht zu verwechseln mit Halloween, die Tradition ist uralt, früher sollten die Reichen in der Vorweihnachtszeit den Armen etwas vom Überfluss abgeben … Schließlich sind die Weihnachtstage bis heute mit oft mehrgängigen Festtagsmenüs, danach Gebäck und abends noch mal viel von allem ein Familienfest, das dem Zusammenkommen und der Völlerei gewidmet ist?

Den Christbaum holen viele aus dem eigenen Wald oder schlagen ihn selbst, er wird traditionell am 24. Dezember oder ein paar Tage früher aufgestellt und geschmückt. Und bleibt eigentlich bis Lichtmess, der feierlichen Kerzenweihe, am 2. Februar stehen. Wenn man ihn bis dahin „durchbringt“und er nicht vorher abfällt.  Kripperl oder nicht Kripperl? In den Kirchen oft in beeindruckenden Arrangements, in den Häusern sehr unterschiedlich, viele sammeln über Jahrzehnte, haben schon in der Familie geerbt, manche traditionell, andere modern. Jeder so, wie er es mag.

Ein Brauch nach den Feiertagen ist das Räuchern in den Raunächten, kann mich gut erinnern, dass meine Oma noch mit glühenden Kohlen durch alle Gebäude des Hofs marschiert ist, zum Glück nie was passiert. Gerade jüngere Familien lassen diesen alten Brauch zum Jahresende wieder aufleben, entzünden ein Feuer, um vom alten Jahr zu reinigen und frisch ins Neue zu starten …

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Jule lädt zum Schreibprojekt „Heimatverliebt„, in diesem Monat lautet das Thema „Weihnachtsbräuche in deiner Heimat“. Mein Beitrag über die Hallertau ist sicher auch typisch für ländliche Gebiete in Ober- und Niederbayern. Mehr Heimatliebe aus unterschiedlichsten Regionen findet ihr unter dem Suchbegriff „Heimatverliebt“.

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5 Kommentare zu “Heimatverliebt: Advents- und Vorweihnachtszeit in der Hallertau”

  1. Eine wunderbare Übersicht all dessen, was uns in der kommenden Zeit bis zum Jahresende erwartet.
    Fangen wir heute mit dem Besuch der Gräber unserer Verstorbenen an.
    Liebe Grüße
    Anna-Lena

    1. Und wie jedes Jahr gibt’s kleine Anekdoten zum Schmunzeln. 2016 – der Pfarrer spritzt beim Gräberumgang Weihwasser, leider nicht gleichmäßig auf die Gräberreihe, sondern alles auf meine Tante …. der gesamte Friedhof: lacht. Schon schön, so auf dem Lande 😉

      1. „Wider den tierischen Ernst“, liebe Doris!
        Ich habe vor einigen Tagen das Grab meines Vaters vom Herbstblätterdauerbefall befreit. In der Nähe fand eine Beisetzung mit einem evangelischen Pfarrer statt und zwischendurch spielte eine Leierkastendame in Rot und Weiß gekleidet Musik, so dass ich schon rüberschielte, ob jemand gleich dazu das Tanzbein schwingt 😆 .

  2. Die sogenannten Klöpfelnächte kennt man in meiner Heimat Berchtesgaden auch! 🙂 Ich bin zusammen mit zwei Schulfreundinnen als Kind lange Jahre immer an den vier Donnerstagen vor Weihnachten losgezogen. Die zwei Mädels haben Blockflöte gespielt, und ich dazu gesungen, und wenn wir unsere Beute am späten Abend dann aufteilten, hatten wir stets eine Überfülle an Mandarinen, Äpfeln, Nüssen und allerlei Süssigkeiten und Gebäck. Geld zu geben war damals eher selten, darüber haben wir uns aber immer ganz besonders gefreut – wir waren nämlich ständig pleite. 😉

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