100. Geburtstag


Liebe Oma, heute wär dein 100. Geburtstag. Geboren im Jahr 1915, ein Kind im ersten Weltkrieg. Aufgewachsen bist du mit einer Geschwisterschar auf dem elterlichen Anwesen, warst eine Großbauerstochter. Dein Vater, ein stolzer Hopfenbauer mit langem Stammbaum, deine Mutter stammte ebenfalls aus einem großen Hof. Sie ist bei der Geburt des jüngsten Geschwisterchens mit dem ungeborenen Kind verstorben. Ihr seid mutterlos aufgewachsen, dein Vater hat für die Zeit untypisch nicht mehr geheiratet. Er hat euch streng erzogen, alles musste ordentlich sein. Zu viel Herzlichkeit gab es nicht, der Betrieb musste funktionieren. Aufgezogen haben euch die großen Geschwister und Kindsmädge. Da war auch die ungeliebte Bertha dabei – sie scheinst du am wenigsten gemocht zu haben? Du warst ein fleissiges Kind, Klassenbeste in der Dorfschule, noch mit über 80 Jahren hast du uns Gedichte und Liedtexte aufgesagt, die du als Kind auswendig gelernt hast. Und kanntest jedes Märchen nicht nur sinngemäß, sondern wortgetreu …

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Deine Kindheit und Jugend lag in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Nach der Volksschule durftest du nach Markt Indersdorf, hast eine weiterführende Schule besucht, dich aber sehr nach zu Hause gesehnt. Brav Briefe geschrieben, um zu berichten. Nie ein persönliches Wort, immer sehr höflich und korrekt. Es kam der zweite Weltkrieg, zum Glück wart ihr vier Schwestern, ein Bruder wurde ausgemustert, der andere Bruder kam unversehrt zurück. Die älteste Schwester war schon verheiratet, du hast meinen Opa geheiratet, als er aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurückkam. Mit schon über 30. Deine anderen Geschwister blieben unverheiratet, bewirtschafteten gemeinsam den elterlichen Hof. Von deiner Hochzeit 1949 wurde in den Jahren danach oft erzählt, es war die erste große Nachkriegshochzeit im Dorf, ein fröhliches Fest. Mit einer Musikkapelle, einem Kirchzug, du warst wunderhübsch, ein schlichtes, aber elegantes weißes Kleid, ein Kranz zierte deinen Kopf. Neben dir mein stolzer Opa im feinen Zwirn, die beiden Urgroßväter die stattlichen Trauzeugen. Das Fest fand in der Dorfwirtschaft mit einem üppigen Festmahl statt. Ab deinem Hochzeitstag warst du Bäuerin und Hausfrau, wobei es dir die Urgroßeltern laut den Kindheitserinnerungen meiner Mama nicht immer leicht gemacht haben? Du hast nie geklagt.

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Dann kamen die Kinder, meine Mama hast du zu Hause entbunden, und dass es eine sehr schwere Geburt war haben die Frauen im Dorf selbst mir noch als Kind erzählt. Bei meiner Tante haben die Ärzte dich zum Kaiserschnitt ins Krankenhaus gebracht – und dir geraten, keine weiteren Kinder mehr zu bekommen. Hat auch gereicht, schließlich war das Haus immer voll. Meine Urgroßeltern hatten viele Kinder, die wiederum alle Familien hatten. Die immer kommen durften, es war ein offenes Haus, an dem man sich zu den Feiertagen traf, die Enkelkinder verbrachten die Ferienzeiten auf dem Bauernhof … Eine schöne, unbeschwerte Zeit, für dich immer mit viel Arbeit neben den anderen anfallenden Pflichten verbunden. Dazu kam die Pflege der alternden Urgroßeltern, dein Mann, mein Opa, der an Krebs erkrankte. Meine Eltern übernahmen den Hof, wir Kinder kamen. Und damit hattest du eine neue Aufgabe als Oma. Obwohl ich mich natürlich nicht erinnern kann habe ich das Bild von uns beiden im Kopf, ich als Baby im Kinderwagen, du, die du mich trotz eines Regenschauers unter dem Vordach hin und her schiebst, damit ich an der frischen Luft bin. Du hast uns Kindern das Frühstück gemacht, uns rechtzeitig aus dem Haus gescheucht, nach dem Mittagessen darauf geachtet, dass die Hausaufgaben vor dem Spielen gemacht wurden, mit uns Lesen, Schreiben und Rechnen geübt. Hinter uns hergeräumt, uns verwöhnt, warst oft streng, hättest unsere Freunde als „Hoagart“ oft am liebsten wieder aus dem Haus geworfen. Du warst ehrgeizig – und ganz schön stolz auf jedes deiner Enkelkinder. Und selbst im hohen Alter warst du selbstständig, hast deine Aufgaben erfüllt, dich um alles gekümmert. Es ist dir nicht leicht gefallen, Dinge nicht mehr selber zu können. Wie oft haben wir zu hören bekommen „als ob du das wissen würdest“. Bis weit über 80 Jahre warst du auch fit, hast gekocht, gekehrt, gebügelt, Wäsche verrichtet. Die letzten Jahre warst du auf Hilfe angewiesen, das ging schleichend, zum Schluss warst du in deiner eigenen Welt. Hast Gegenwart mit Vergangenheit vertauscht, so kamen wir immer wieder in den Genuss deiner Wut auf die böse Bertha, die so viele Jahrzehnte überdauerte. Was hat die Ärmste nur mit euch Kindern gemacht? Und konnten über deine Parallelen zwischen Lebenden und längst verstorbenen Personen schmunzeln (oder uns ärgern).
Du warst Zeit deines Lebens ein gläubiger Mensch, hast keinen Gottesdienst ausgelassen, das Rote Kreuz und andere Hilfsorganisationen durch Spenden unterstützt. Der Glaube hat dir durch schwierige Zeiten geholfen, du warst regelmäßig zur Wallfahrt in Altötting. Als Kind muss ich vielleicht sogar öfter dabeigewesen sein, wenn ich Schwarze Madonna höre erscheint sofort das Bild einer Reisegruppe älterer Damen. An einem heißen Sommertag, alle tragen dunkle Kleider, einen Hut, die große Handtasche. Und schwitzen. Ich war schon als Kind sehr geruchsempfindlich, es war eine Qual. Erst am Stand mit den Rosenkränzen vor der Wallfahrtskirche hab ich wieder geatmet (vorher hab ich einfach die Luft angehalten, um an dem Geruch nicht zu ersticken …). Von dir haben wir als Kinder das Beten gelernt, das Abendgebet gemeinsam gebetet, mit dir waren wir in der Kirche, kannten die Abläufe. Du hast uns die Geschichten der Heiligen erzählt. Und du warst stolz auf deinen Namen Maria, jedes Jahr am 12. September kam deine Familie zum Namenstagfeiern zusammen, es gab Kaffee und Kuchen …

Ich wäre gern bei dir gewesen, um deine Hand ganz am Ende zu halten. Wäre nicht der dämlichste Stau dazwischengekommen, den ich in meinem Leben erlebt habe, dann wär ich bei dir gewesen. Wie du so oft bei mir gewesen bist. Ich denk heute ganz besonders an dich und dein Leben, wir haben nur einen kleinen Bruchteil mit dir erleben dürfen. Manchmal hätt ich mir gewünscht, mehr über deine Gedanken und Gefühle zu erfahren, aber das war nicht deine Welt, darüber wolltest du nicht so gerne sprechen. Alles Liebe zum 100. Geburtstag, liebe Oma

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14 Kommentare zu „100. Geburtstag“

  1. Danke für diesen mich rührenden Beitrag. Ich hatte auch eine solche Oma, an der noch heute mein ganzes Herz hängt und die ich mehr denn je für ihren Lebensweg bewundere. Ich kann Deine Gefühle verstehen. Schön, dass wir solche Erinnerungen haben. Liebe Grüße Marlies

    1. Ich würde mal vermuten: mindestens jeden Sonntag morgen, wenn ich mich wohlig im Bett umdrehe, statt in die Kirche zu gehen. Kopfschüttelnd und tststs machend. So war sie schon auch, die Oma 😉 Einen lieben Gruß in die Schweiz, liebe Erika

  2. Eine wunderschöne Liebeserklärung an Deine Oma. Ich hatte eigentlich nur sehr kurz eine Oma, sie starb als ich 2 Jahre alt war und die andere Oma habe ich nie kennengelernt, da sie schon vor meiner Geburt verstorben ist. Ebenso der Opa. An meinen Opa väterlicherseits kann ich mich jedoch noch erinnern. Ihn hatte ich allerdings auch nur 8 Jahre. Du kannst dich wirklich glücklich schätzen, deine Oma so erlebt zu haben.
    LG
    Astrid

    1. Liebe Astrid, du triffst genau mein Gefühl: ich bin sehr glücklich, dass ich sie in meinem Leben hatte – mein Opa ist gestorben, bevor ich geboren wurde. Sie war für uns durch Kindheit und Jugendzeit ein fester Dreh- und Angelpunkt. Auch die anderen Großeltern, aber da sie bei uns gewohnt hat und die Betreuung der Enkel als Aufgabe angenommen hat war es ein sehr intensives Erleben.
      Liebe Grüße zu dir schickt Doris

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