Brief an Marie


Endlich wiedergefunden: diesen Zeit-Artikel, in dem ein Papa seiner Tochter einen Brief schreibt – um sich zu erklären, denn mit seiner Rolle fühlt er sich ihr gegenüber sichtlich unwohl. Hat ein schlechtes Gewissen. Eigentlich will er seiner Tochter eine unbeschwerte Kindheit schenken, klappt aber nicht. Weil der Druck auf die Kinder wächst, weil sie auch am Wochenende lernen müssen, statt zu spielen und Kind zu sein, weil es straffe Zeitpläne gibt. Weil man sich als Eltern schnell selbst unter Druck gesetzt fühlt von der Leistungsgesellschaft. Verzwickte Angelegenheit. Gleichzeitig eine Entschuldigung – aber auch keine. Weil eigentlich ist ihm ja klar, dass seine Tochter ihn gar nicht so rundum mit allen seinen Bedenken verstehen kann. Für sie ist ja ihre Welt normal. Alles, was Erwachsene von Kindern fordern: ist eben so. Sie kennt es nicht anders. Noch nicht mal einen Tag sei es ihm gelungen, sie das Kind sein zu lassen, das sie doch eigentlich sei …

Eine Frage, die beim Lesen unterschwellig auftaucht: ist es überhaupt unser Maßstab, also der Maßstab der heutigen Erwachsenen, über das Erleben der Kindheit zu urteilen? Auch wir sind vollkommen anders aufgewachsen, als die Generation vor uns. Und die davor und die vielen, die davor waren. Und ich sage mit Überzeugung, dass meine Kindheit wunderbar und unbeschwert war. Weil ich es so empfunden und gefühlt habe. Das sagen auch meine Eltern, die der Nachkriegsgeneration entstammen. Und da waren Erzählungen der Großeltern, die im ersten Weltkrieg Kinder waren. …

Was werden die heutigen Kinder über ihre Kindheit sagen, wenn sie da ankommen, wo wir heute bereits sind? Der Artikel ist so superklasse, toll geschrieben, fasst den Leistungs-Leidensdruck, der Eltern im wahrsten Sinn des Wortes handlungsunfähig macht, so auf den Punkt zusammen – dass ich ihn einfach nur zum lesen empfehlen kann.

9 Kommentare zu „Brief an Marie“

  1. Die folgenden Sätze „Auch wir sind vollkommen anders aufgewachsen, als die Generation vor uns. Und die davor und die vielen, die davor waren. Und ich sage mit Überzeugung, dass meine Kindheit wunderbar und unbeschwert war. Weil ich es so empfunden und gefühlt habe. Das sagen auch meine Eltern, die der Nachkriegsgeneration entstammen. Und da waren Erzählungen der Großeltern, die im ersten Weltkrieg Kinder waren. …“ sind meiner Meinung nach die entscheidenden Sätze. Die Kinder kennen es nicht anders und entsprechend empfinden sie es wahrscheinlich gar nicht so wie wir. Jede Zeit hatte ihre Vor- und Nachteile.

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  2. Das sind meine Gedanken auf einen so schönen und gefühlsmäßig starken Punkt gebracht. Ich habe die freien Stunden nach der Schule geliebt und die Wochenenden ebenso. Wenn ich heute die kleinen Kids am Nachmittag von der Schule kommen sehe ereilt mich Mitgefühl. Es gibt nur noch wenige Kinder, die die weiter führenden Schulen besuchen, die nachmittags noch Zeit für Toben haben.
    Liebe Grüße und herzlichen Dank 🙂
    Elke

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  3. Oben wurde es geschrieben. Jede Generation lebt in ihrer Zeit und findet gerade diese Zeit gut. Wenn die heutige Jugend gerade IHRE Zeit gut findet wissen sie nicht, dass ihre Kindheit/Jugend eigentlich voll gestresst ist. Schule/Ausbildung – hier ist jeder gefordert, weil man ja gut abschließen muss um einen Arbeitsplatz zu bekommen. Von unbeschwertem Spielen draußen in der freien Natur haben die wenigsten Ahnung. Computer und Handy nehmen ihre ganze Zeit in Anspruch. Die Eltern meinen es oft auch besonders gut und schicken ihre Kinder in einen oder mehrere Vereine. Stress auf allen Ebenen. Eine Kindheit, wie wir sie hatten, mit einem angemessenen Maß an FREIzeit gib es heute nicht mehr. Was man in der Jugend verpasst, kann man später nicht mehr nachholen.
    LG Harald

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